VonMaria Sterklschließen
Nach dem Tod vieler Menschen rund um einen Hilfskonvoi in Gaza bleiben viele Fragen offen.
Menschen, die in der Dunkelheit in Panik davonrennen, Schüsse, Schreie. Um vier Uhr morgens am Donnerstag, als sich Tausende Menschen um einen Konvoi von Hilfslieferungen versammelten, der soeben einen Checkpoint der israelischen Armee im Gazastreifen passiert hatte, ereigneten sich dramatische und tragische Szenen.
Bald berichteten die Nachrichtenagenturen, die israelische Armee habe in die Menge hungernder Zivilist:innen geschossen, die auf die Ausgabe von Mehlsäcken warteten. Von einem „Mehl-Massaker“ ist nun in arabischen Medien die Rede. Von der Hamas kontrollierte Stellen geben die Zahl der Todesopfer mit über Hundert an, Israels Armee bestreitet dies. Dass es Tote gab, bestätigt aber auch die Armee. Die Zivilist:innen seien aber nicht an Schussverletzungen gestorben, sondern in einer Massenpanik erdrückt und erstickt worden.
Dem widersprechen jedoch Angaben von Ärzt:innen und Ersthelfer:innen in Gaza, die von Patient:innen und Opfern mit Einschüssen im Oberkörper erzählen.
IDF-Sprecher räumt ein: Soldaten schossen, angeblich zur Selbstverteidigung – Dann verstrickt er sich in Widersprüche
Ein israelischer Armeesprecher versuchte am Donnerstagnachmittag vor der Auslandspresse, Klarheit zu schaffen. Rund dreißig LKW seien an der Küstenstraße von Süden in Richtung Norden unterwegs gewesen. Nachdem sie den Checkpoint passierten, seien Menschenmassen auf den Transport eingestürmt. Dabei seien Personen zertrampelt und zum Teil von den LKW überrrollt worden. Schüsse, die auf Videos zu hören sind, stammten aber nicht von israelischen Soldaten, sondern von Palästinensern, behauptet die Armee.
Wenig später und rund hundert Meter entfernt hätten dann tatsächlich auch israelische Soldaten das Feuer eröffnet, sagt der Sprecher. Man habe aber nicht in die Menge der Hungernden geschossen, sondern sich gegen Personen verteidigt, die auf Stellungen der Armee losgelaufen seien.
Es handle sich bei der Massenpanik und bei den Schüssen um „zwei verschiedene Vorfälle“, sagt der Sprecher – später gibt er aber zu, dass die beiden Vorfälle nur in wenigen Hundert Metern Entfernung und auch in geringem zeitlichen Abstand stattgefunden haben. Waren es also Flüchtende vor der Massenpanik, die auf die Soldaten zu rannten, und auf die sie zu schießen begannen?
Vorfälle in Gaza: Es steht Aussage gegen Aussage – Israel will den Vorfall „genau untersuchen“ und lässt viele Fragen offen
„Es ist eine Kriegssituation“, sagt der Sprecher nur. Man habe jedenfalls Warnschüsse abgegeben, bevor man auf Zivilist:innen schoss. Nach dem Militärbriefing war die Zahl der offenen Fragen bei den Journalist:innen teils größer als die Zahl der Antworten. Trotz mehrerer Nachfragen nach den konkreten Koordinaten und Zeitpunkten der Vorfälle konnte die Armee dazu keine Angaben machen. Man werde den Vorfall aber „genau untersuchen“, heißt es.
Es steht nun also Aussage gegen Aussage: Während palästinensische Angaben darauf hindeuten, dass die Massenpanik erst entstand, als Schüsse abgefeuert wurden, erklärt die israelische Armee, dass die Massenpanik bereits ausgelöst wurde, als die LKW über den Checkpoint rollten. Geschossen wurde demnach erst später, und nur zur Verteidigung. Palästinensische Berichte, wonach Israels Armee sogar Panzer gegen die Zivilisten eingesetzt habe, weist das Militär vehement zurück.
Joe Biden verlangt Aufklärung und Waffenruhe – Macron pocht auf „Achtung des Völkerrechts“
US-Präsident Joe Biden verlangt indessen von Israel eine gründliche Aufklärung des Vorfalls, andere Verbündete Israels schließen sich an. Nur eine Waffenruhe könne garantieren, dass sich solche Tragödien nicht mehr ereignen. Auch aus Europa kamen bestürzte Reaktionen mit zum Teil deutlicher Kritik: „Ich verurteile diese Schießereien aufs Schärfste und verlange Wahrheit, Gerechtigkeit und Achtung des Völkerrechts“, erklärte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in sozialen Medien. Am Freitagnachmittag zeigte sich schließlich auch EU- Kommissionspräsidentin Ursula Von der Leyen „zutiefst beunruhigt“ und verlangte von Israel transparente Aufklärung.
In Israel hingegen war von Aufregung wenig zu merken. In einer ausführlichen Pressekonferenz von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Donnerstagabend war der Vorfall in Gaza kein Thema. In Tel Aviv und Jerusalem gingen zwar Demonstrant:innen auf die Straße, um einen Waffenstillstand zu fordern, die Proteste waren aber bereits vor der Tragödie in Gaza geplant. Manche der Protestierenden trugen als spontanes Zeichen der Solidarität mit den Zivilisten in Gaza Mehlsäcke mit sich.
Hilfsorganisationen berichten von Hungersnot und Stürmen auf Hilfskonvois – Israel weigert sich zweiten Grenzübergang zu öffnen
Hilfsorganisationen berichten seit Monaten von akutem Hunger und massiver Verzweiflung unter der Zivilbevölkerung von Gaza, vor allem jenen, die sich in den nördlichen Gebieten aufhalten. Jeder Hilfskonvoi werde von Hungernden gestürmt. Dass die Nahrungsmittel laut UN-Angaben bei weitem nicht ausreichen, um die notleidenden Menschen zu versorgen, liegt nicht nur an der Blockade durch Israel. Zu Recht weist Israel darauf hin, dass mehr Hilfs-Ladungen nach Gaza kommen könnten, sie aber oft an der Grenze hängen bleiben.
Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert




UN-Hilfsagenturen weisen darauf hin, dass die Auslieferung der Nahrungsmittel und Medikamente wegen der Kämpfe und der Überfälle durch kriminelle Banden oft nicht möglich ist. Sie verhandeln daher seit Wochen mit Israel über die Öffnung eines weiteren Grenzübergangs im Norden, um die im Süden aktiven Banden zu umgehen. Bisher ohne Erfolg.
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