Verhandlungen zum Trump-Plan für Gaza: Die entscheidenden Tage
VonMaria Sterkl
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In Ägypten ringen Hamas und Israel um Bedingungen für eine Waffenruhe im Gazastreifen. Ein vollständiger Rückzug bleibt aber strittig.
Kairo – An diesem Montag starten die Verhandlungen über den „Trump-Plan“ zur Beendigung des Krieges in Gaza. US-Präsident Donald Trump schickte seine Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner nach Ägypten. Die Delegation der Hamas soll laut saudischen Medienberichten von Khalil al-Hayya höchstpersönlich geleitet werden – jenem Hamas-Führer, auf den die israelische Attacke auf ein Hamas-Hauptquartier in der katarischen Hauptstadt Doha am 9. September abgezielt hatte.
Israels Delegation wird wie gewohnt von Strategieminister Ron Dermer geleitet. Trump zeigte sich erneut optimistisch, dass der Krieg „schon in wenigen Tagen“ zu Ende sein könnte. Auch Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte am Samstag, dass es „mit Gottes Hilfe“ schon im Lauf dieser Woche zu einer Rückkehr der Geiseln kommen könnte. Ob das purer Zweckoptimismus oder eine realistische Einschätzung ist, hängt vor allem davon ab, worüber in Ägypten eigentlich verhandelt wird.
Diplomatie
Der deutsche Außenminister Johann Wadephul verlängert angesichts der aktuellen Verhandlungen über die Umsetzung von Trumps Gaza-Friedensplan kurzfristig seine Nahost-Reise. Nach einem Besuch im Golf-Emirat Katar will der CDU-Politiker nach der Station Kuwait, wo er mit EU-Kolleginnen und -Kollegen im Golf-Kooperationsrat zusammenkommt, an diesem Montag nach Israel fliegen, um dort mit seinem Kollegen Gideon Saar über den Trump-Plan zu sprechen. dpa
Die Hamas hatte am Samstag ihr „Ja, aber“ zum Trump-Plan für ein Kriegsende in Gaza verlauten lassen. Man sei bereit, „alle lebenden und toten israelischen Gefangenen (…) freizulassen, sofern die Bedingungen für einen Austausch vor Ort erfüllt werden“, hieß es. Die Terrororganisation knüpft ihre Zustimmung zum Deal jedoch an einige Bedingungen, die von Trumps Vorschlag nicht gedeckt sind – unter anderem soll sich Israels Armee im Gegenzug zur Übergabe der Geiseln zur Gänze aus dem Gazastreifen zurückziehen.
Auch, was die eigene Entwaffnung und ihre künftige politische Rolle im Gazastreifen betrifft, zeigt die Hamas wenig Flexibilität. Netanjahu wiederum hat schon am Samstag betont, dass er auch weiterhin die Kontrolle über wesentliche Teile des Gazastreifens behalten will. „Die Truppen werden tief drinnen im Gazastreifen bleiben“, sagte er.
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Beide Seiten weigern sich also, Kontrolle aufzugeben. Die aktuelle Version von Trumps Plan kommt jedoch den israelischen Ansprüchen deutlich näher als jenen der Hamas. „Das ist ein sehr guter Deal für Israel“, meint auch Giora Eiland, Ex-Vorsitzender von Israels Nationalem Sicherheitsrats. „Für manche (in Israel, Anm.) ist er sogar zu gut, um wahr zu sein.“
Die israelische Führung scheint zuversichtlich, dass die Hamas dem Deal zustimmt und alle Geiseln freilässt. Man betrachtet dieses weitreichende Zugeständnis als eine Frucht des militärischen Drucks Israels. Dass auch Katar dem Plan zugestimmt hat und seinerseits Druck auf die Hamas ausüben wird, spricht ebenfalls dafür, dass die Hamas zu weiteren Zugeständnissen bereit ist. Selbst der ergebnislose israelische Schlag auf das Hamas-Büro in Doha könnte dabei eine bedeutende Rolle gespielt haben, glaubt Eiland: „Er hat dazu beigetragen, dass sich die Hamas bewegt.“
Von der offiziellen Reaktion der Hamas wird dieser optimistische Ausblick nicht gedeckt. Die Frage des Truppenabzugs wird im Wortlaut der Hamas-Antwort eng mit der Frage der Geiselübergabe verknüpft. Das könnte darauf hindeuten, dass die Hamas-Delegation in Ägypten nicht nur über „technische Details“ der Geiselübergabe verhandeln will, wie dies Trump und Israel erwarten, sondern vielmehr über zentrale Fragen des Deals. Sollte das passieren, dann gerieten diese Verhandlungen sofort „in eine wahre Krise“, meint Eiland.
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Israel und die USA betrachten die Frage eines späteren vollständigen Truppenrückzugs nämlich als Zukunftsthema, das für die erste Phase des Deals irrelevant sei. In dieser ersten Phase soll es demnach nur um den Austausch der Geiseln gegen palästinensische Gefangene, einen ersten, minimalen Rückzug der israelischen Truppen, eine Einstellung der Kämpfe und die Ausweitung der humanitären Lieferungen gehen. Ob sich die Hamas dazu überreden lässt, bleibt offen. Aus Quellen in Gaza heißt es gegenüber Reuters: „Die Hamas könnte auf einen strikten Zeitplan für den israelischen Rückzug aus Gaza bestehen. Von der ersten Phase der Gespräche wird abhängen, wie die Dinge weitergehen.“
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Selbst, wenn sich die Hamas offiziell bereiterklärt, ohne weitere Zugeständnisse sämtliche Geiseln freizugeben, könnte sie die Freilassung letztlich auf andere Weise blockieren: Indem sie beispielsweise vorgibt, keinen Zugriff auf die Geiseln zu haben – weil sie sich dort befänden, wo Israels Truppen operieren. Sie könnte auch vorgeben, dass der Standort mancher getöteter Geiseln erst eruiert werden müsse.
„Diese Woche wird entscheidend sein“, sagt Experte Giora Eiland. Trumps Einschätzung, alle Geiseln würden schon in ein paar Tagen wieder in Israel sein, ist für ihn „überoptimistisch“. „Die Wahrscheinlichkeit, dass die Hamas nicht zustimmt, ist größer – es sei denn, Katar wird die Hamas davon überzeugen, das zu tun.“
Der Außenminister von Katar hat in einem gemeinsamen Schreiben mit seinen Amtskollegen in Ägypten, Jordanien, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Indonesien, Pakistan und Türkei die Reaktion der Hamas auf Trumps Plan offiziell begrüßt. Auch in diesem Schreiben ist jedoch vom „vollen Rückzug“ der israelischen Truppen die Rede. Trumps Plan sieht vor, dass Israel eine Pufferzone im Gazastreifen einrichtet, die auch den Philadelphiakorridor an der Grenze zu Ägypten mit einschließt. Laut israelischen Angaben bliebe die Armee auch auf einer Anhöhe im Zentrum der Enklave stationiert.
Um ein völliges Scheitern der Verhandlungen zu verhindern, könnten sich die Parteien letztlich auf einen teilweisen Deal einigen: In diesem Szenario kommen alle lebenden Geiseln frei. Die Hamas behält jedoch die toten Geiseln als Faustpfand, um sich weitere Zugeständnisse in puncto Truppenrückzug zu sichern. In diesem Szenario kommt es also zu einem Austausch eines Teils der Geiseln gegen palästinensische Gefangene, zudem wird die humanitäre Hilfe deutlich aufgestockt.
Gefechte würden vorübergehend eingestellt werden. Die Verhandlungen wären jedoch voll von Stolpersteinen. So findet die zentrale Forderung Israels, dass die Hamas die Waffen niederlegen muss, in der Antwort der Terrorgruppe erst gar keine Erwähnung. Die israelische Seite müsste sich also damit zufriedengeben, dass diese wichtige Frage erst später geklärt wird.