„Das ist ein Riesen-Problem“

Fortschritte erst im August? Listige Russland-Taktik bremst Ukraine-Offensive aus

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Die ukrainischen Streitkräfte bleiben mit ihrer Gegenoffensive im Süden in den russischen Minenfeldern stecken. Dennoch hält ein Experte einen Durchbruch für möglich.

Saporischschja – Es sind rund fünf Kilometer weites Land, ohne Hügel, gut ersichtlich für Späher. Im Ukraine-Krieg hängen die Truppen Kiews in der südlichen Oblast Saporischschja auf einem schmalen Frontabschnitt zwischen den Dörfern Robotyne und Werbowe fest. Die Offensive der Ukraine hakt.

Ukraine-Offensive: Minenfelder bremsen Kiews Truppen im Süden aus

In dieser Gegend, südlich der Kleinstadt Orichiw, sollen die Ukrainer mit gelieferten West-Panzern in russische Fallen gefahren sein. Genauer gesagt, bliebt die Kiews Offensive hier im Ukraine-Krieg in dicht gestaffelten und tückischen Minenfeldern stecken.

Das sollen Videos zeigen, die in den sozialen Netzwerken tausende Male geteilt wurden. Auf einem Video ist etwa zu sehen, wie Ukrainer mit einem Bradley-Schützenpanzer in eine solche Mine fahren. Das Militärfahrzeug verliert daraufhin seine Ketten und ist nicht mehr fahrtüchtig.

Offensive im Ukraine-Krieg: In der Oblast Saporischschja bereitet Russland den Truppen Kiews Probleme

Just wegen dieser Minenfelder geriet die ukrainische Gegenoffensive südöstlich von Saporischschja ins Stocken, während die ukrainischen Streitkräfte weiter westlich, in der Region Cherson, dank ihrer Pioniere einen Brückenkopf im Ukraine-Krieg errichtet haben.

In der Oblast Saporischschja gingen der ukrainischen Armee wohl bei einem einzigen Vorstoß mehrere westliche Panzer verloren. Hier sind verlassene Bradley-Schützenpanzer zu sehen, die offenbar auf Minen gefahren sind.

Nach Angaben der New York Times (NYT) wurden in den ersten zwei Wochen der Gegenoffensive auch deshalb bis zu 20 Prozent der an die Front gelieferten Panzer (-Fahrzeuge) im Ukraine-Krieg beschädigt oder zerstört. Deshalb habe die Ukraine ihre Taktik im Juli geändert. Das beschreibt der oft zitierte Militärexperte Gustav Gressel.

Ukrainische Offensive gegen Putins Armee im Süden: Kiew kommt im Ukraine-Krieg nur schleppend voran

„In der ersten Woche haben sie noch versucht, die Russen mit schnellen mechanisierten Durchstößen zu überraschen. Das hat nicht funktioniert, wurde größtenteils durch russische Kampfhubschrauber gestoppt. Danach ist man dazu übergegangen, Minen langsam zu räumen und die Sturmangriffe fast schon ähnlich wie im Ersten Weltkrieg vorzubereiten“, erklärte der Senior Policy Fellow der Denkfabrik European Council on Foreign Relations (ECFR) dem Tagesspiegel in Bezug auf die Taktik während der ukrainischen Offensive.

Zuerst werde nun mit der Infanterie in Stellungen eingebrochen, um dann mit Panzern den Durchbruch zu versuchen, schilderte der Österreicher die aktuelle Lage der Offensive im Ukraine-Krieg: „Mit der neuen Taktik holt man Gelände immer nur sehr kleinräumig, weil mehr Artillerie-Vorbereitung nötig ist als sonst üblich.“

Krieg gegen Russland: Minen bleiben großes Problem für die Ukraine-Offensive

Bisher hätten die Ukrainer nur etwa acht der anvisierten fast 100 Kilometer zurückgelegt, um das Asowsche Meer zu erreichen und so die russische Armee in zwei Teile zu spalten, schreibt die NYT. Und zwar, davon gehen mehrere Experten aus, zwischen dem ukrainischen „Widerstandsnest“ Melitopol an der Küste und der Kleinstadt Tokmak, die zu einer regelrechten russischen Festung ausgebaut wurde.

„Die Verminung ist ein Riesen-Problem, weil sie die Einsatzmöglichkeiten der Ukrainer stark einschränkt. Wenn ich Minengassen vorfinde, kann ich dort immer nur recht kleinteilige Angriffe fahren. Die Ukrainer wussten, dass es diese Minengürtel gibt, aber dachten, dass sie dahinter in freies Terrain vorstoßen“, erklärte Gressel dem Tagesspiegel zur Taktik Moskaus: „Allerdings fangen die Russen, aufgrund der langsameren Gegenoffensive, jetzt schon wieder an, dort zu verminen.“

Minengürtel der Russen: Experte glaubt trotzdem an ukrainischen Durchbruch im Süden

Dennoch glaubt Gressel an einen möglichen ukrainischen Durchbruch genau hier. „An manchen Stellen der Frontlinie könnte es mit dem Durchbruch schon bald klappen. Das Problem ist, dass eine Phase, die eigentlich ein paar Wochen in Anspruch nehmen sollte, zwei Monate dauern wird bis vermutlich Ende Juli“, sagte er. Mit größeren Fortschritten und einem Bewegungskrieg sei deshalb erst im August und im September zu rechnen.

Mithilfe von weiterem Minenräumgerät? Während Kiew aktuell auch auf alte sowjetische Panzer zurückgreifen muss, wie im Twitter-Video oben abgebildet? Walerij Saluschnyj, Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, hatte im Interview mit der Washington Post (WP) mehr von den der Ukraine gelieferten M58 Mine Clearing Line Charge (MICLIC)-Systemen gefordert. „Wir brauchen viele davon“, wurde Saluschnyj zitiert.

Minenfelder der russischen Armee: Ukrainische Soldaten müssen über freies Gelände robben

Zur Einordnung: Beim MICLIC-System wird eine kleine Rakete aus einem Kettenanhänger mit einer mehr als 100 Meter langen Sprengstoff-Ladung verschossen. Die Linienladung, die aussieht wie ein katapultiertes Seil, hat auf jedem Meter C4-Sprengstoff, der beim Aufprall auf Bodenminen explodiert. So kann eine Schneise von 100 mal acht Metern geschlagen werden, die frei von Minen ist. Der Einsatz des MICLIC wurde bei Twitter etwa rund um Bachmut dokumentiert, wo die ukrainische Armee deutlich besser vorankommt.

Auch der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba hatte zuletzt auf die Minenfelder verwiesen. So robbten Soldaten manchmal stundenlang 200 bis 300 Meter durch ein Minenfeld, um dieses zu räumen, erklärte Kuleba den Tageszeitungen Bild und Welt sowie der Website Politico. Haben sie bald einen minenfreien Weg gefunden? (pm)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Alexey Maishev

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