Verlorenes Prunkstück: Ein Buk-M3-Luftabwehrsystem soll jetzt in der Region Luhansk durch Drohnenbeschuss eliminiert worden sein. In verschiedenen Angriffen ist Russlands Luftabwehr durch den Verlust von Radar-Systemen und Raketenwerfern durchlöchert worden.
Die Ukraine versetzt Putin einen weiteren Schlag. Für die USA ein Hinweis, sich zurückzuhalten; für Beobachter ein Indikator für Schwäche oder Gefahr.
Kiew – „Obwohl sie gegen ukrainische Flugzeuge relativ effektiv sind, scheinen russische taktische Luft- und Raketenabwehrsysteme seit der russischen Invasion im Februar 2022 eine gemischte Bilanz im Kampf zu haben“, schreibt Jacob Mezey. Im Ukraine-Krieg habe die vom ehemaligen Präsidenten Russlands, Dimitri Medwedew gegründete Teilstreitkraft Defizite gezeigt, schreibt der Analyst für den Thinktank Atlantic Council. Diese Lücken haben die ukrainischen Verteidiger jetzt offenbar wieder gnadenlos offengelegt.
Verluste im Angriffskrieg: Ukraine trifft wieder ein russisches ATACMS-Bollwerk
Wie das Magazin Newsweek berichtet, sollen ukrainische Streitkräfte wenige Wochen zuvor eine wirkungsmächtige russische Radarstation mit Langstreckenraketen aus den USA angegriffen und – möglicherweise – außer Gefecht gesetzt haben. Diese Behauptung sei aus Kiew gekommen und ist unbewiesen. Wenn das aber zutrifft, könnte in der russischen Luftabwehr jetzt eine gehörige Lücke klaffen. Die Verluste wären verheerend. „Ein Treffer auf die Nebo-Ms macht den Weg frei für weitere Angriffe mit Marschflugkörpern“, jubilierte jüngst das Magazin Forbes.
„Falls die Ukraine eine erhebliche Zahl russischer Systeme zerstört, ist Russland möglicherweise nicht in der Lage, eine ausreichende Zahl an Luftabwehrsystemen herzustellen oder zu reparieren, um die aktuelle Dichte seiner Luftabwehr über der besetzten Ukraine aufrechtzuerhalten.“
Das auf einem Lkw stationierte Radar-System Nebo-M soll gegen anfliegende ballistische Raketen warnen – und scheint durch eben eine solche Waffe jetzt eliminiert worden zu sein, schreibt Forbes-Autor David Axe. Laut unbestätigter ukrainischer Meldungen soll Russland mit neun dieser mobilen Radarstationen in die Ukraine eingefallen sein. Die Statistik-Plattform Oryx zählt ein beschädigtes Fahrzeug, die Ukraine geht davon aus, mindestens ein Drittel davon außer Gefecht gesetzt zu haben.
Vereinfacht gesagt, sind sie gedacht als ATACMS (Army Tactical Missile System)-Bollwerk: Die Russen hätten die Nebo-M in der Süd- und Ostukraine stationiert, um ein möglichst lückenloses Raster über das ukrainische Territorium zu spannen und das Terrain für die Luftabwehr-Einheiten auszuleuchten – Jacob Mezey stellt klar, dass die Stärke der russischen Luftabwehr getrieben war von ihrer Angst vor US-amerikanischen Angriffen und eine Nachgeburt des Kalten Krieges ist. „Was die Doktrin betrifft, so richtet Russland seine Luft- und Raketenabwehrstrategie auf die Abwehr einer von den USA angeführten Luft- und Raumfahrtkampagne aus, die nach Ansicht Moskaus ein ganzes Spektrum an Bedrohungen von Flugzeugen bis hin zu strategischen Raketen umfassen könnte.“
Drohnenangriff auf Moskau: Fragen nach der Dichte der russischen Radar-Abdeckung aufgetaucht
In der Praxis eines umfassenden Krieges hat das System seine Fähigkeiten aber noch nie beweisen müssen. Hinzu kommt, dass Russlands Abwehr möglicherweise sehr effektiv antworten kann auf anfliegende Interkontinentalraketen oder feindliche Flugzeuge, vermutet Mezey; demgegenüber ist die russische Radaraufklärung inklusive Personal kaum eingestellt auf die U.S.-amerikanischen ATACMS-Raketen; zweitens hätten die häufigen erfolgreichen Drohnen-Angriffe der Ukraine die russische Luftaufklärung offenbar überfordert. Auch der ukrainische Drohnenangriff auf Moskau zuletzt im September wirft Fragen nach der Dichte der russischen Radar-Abdeckung auf.
Tief fliegende Unterschall-Marschflugkörper seien nach der Erfassung durch Radar vergleichsweise einfach zu neutralisieren, schreibt Forbes-Autor David Axe. Deshalb würde die Ukraine gestaffelt angreifen. Zunächst würden ballistische Raketen wie ATACMS Radaranlagen sowie Luftabwehr-Batterien unter Feuer nehmen, bevor für die eigentlichen Ziele Marschflugkörper eingesetzt würden, wie Forbes schreibt. Manchmal Stunden oder wenige Tage später.
Tatsächlich hat die Ukraine in diesem Jahr bereits mehrfach sprichwörtlich in Wladimir Putins Augen gestochen und die ganze Welt an den Rand eines Atomkrieges geführt. Vermutlich. Jedenfalls behauptet das Theodore Postol: „Der Einsatz von Drohnen gegen Russlands Atomradare ist das Dümmste, was die Ukraine tun kann“, hatte der emeritierte Professor für Sicherheitspolitik für den Thinktank Responsible Statescraft geschrieben und deutlichen machen wollen, dass Angriffe auf russische Frühwarnsysteme den ohnehin brüchigen Frieden zwischen den Atommächten der Welt zusätzlich gefährdeten.
U.S.-Experte erbost: „Glücklicherweise“ schlug ein Drohnenangriff der Ukraine im Mai fehl
Im Mai hatten ukrainische Drohnen „zwei russische strategische Frühwarnradare für Atomwaffen in Armawir rücksichtslos angegriffen“, schreibt Postol. „Glücklicherweise schlug ein anschließender ukrainischer Drohnenangriff auf eine dritte Radarstation im russischen Orsk am 26. Mai fehl.“ Die Drohnen waren offenbar unter dem Radar hindurchgeflogen.
Patt in der Luft: Sollte sich Russlands Sicht gegen konventionelle Waffen eintrüben, droht Gefahr
„Da diese Radaranlagen im Grunde die einzige Basis der strategischen nuklearen Frühwarnsysteme Russlands bilden, birgt jede Manipulation ihrer Funktionen in einer unvorhersehbaren globalen Situation das sehr große Risiko einer Fehlinterpretation der Absichten, die zu einem massiven Einsatz russischer Nuklearstreitkräfte führen könnte.“ Sollte sich Russlands Sicht jetzt auch gegen konventionelle Waffen eintrüben, ohne dass die Ukraine unmittelbar Kapital daraus schlägt, hätte sie einen taktischen Erfolg erzielt, aber wäre strategisch keinen Schritt weiter gekommen.
Im Gegenteil würde sich Russland dadurch möglicherweise entblößter vorkommen und mit weiteren Eskalationen drohen – beziehungsweise die dann auch eventuell in die Tat umsetzen. „Durch die Durchführung einer integrierten Luft-Boden-Kampagne zur Sicherung der Luftüberlegenheit zu Zeiten und an Orten ihrer Wahl kann die Ukraine die Dynamik ihres Militärs auf dem Schlachtfeld vorantreiben und die Gebietsgewinne rückgängig machen, die die russische Armee bis zu diesem Zeitpunkt erzielt hat“, schreiben hierzu David Deptula und Christopher Bowie.
Ansonsten bliebe auch in der Luft ein Patt, behaupten die beiden Analysten des U.S-Thinktank Mitchell Institute. Wie der Business Insider die beiden Autoren zitiert, sei für eine neue Dynamik im Ukraine-Krieg insofern die absolute Luftüberlegenheit notwendig. Die hat bisher jede der beiden Seiten verfehlt.
Beobachter sehen die weiche Flanke der russischen Luftaufklärung genauso wie der Luftabwehr in Russlands beschränkten Kapazitäten seiner Rüstungsindustrie, wie Jacob Mezey für Atlantic Council zusammenfasst. Der Mangel an kritischen Komponenten würde die Entwicklung von fortschrittlicheren passiven wie aktiven Abwehr-Waffen blockieren. Verschiedene Autoren sehen auch in der Weiterentwicklung der S300/S-400-Flugabwehrraketen eher kosmetische Korrekturen denn das Entstehen einer neuen Generation. Aus diesem Grund soll Russland wohl nur wenige solcher Systeme auf der Krim stationiert haben; wenn nicht sogar nur eines davon, wie das Magazin Forbes nahegelegt hat.
Ukraine-Krieg: Positionen zwischen den USA und der Ukraine zunehmend konfrontativ
Insofern scheinen die Positionen besonders der USA sowie der Ukraine zunehmend konfrontativ: Mit den jüngsten Attacken beweist die Ukraine Handlungsfähigkeit und bestreitet sie andererseits gegenüber den Geberländern mit der ständig wiederholten Forderung nach mehr Waffen und großzügigen Einsatzmöglichkeiten. Ohne Zweifel fehlen der Ukraine aber die Kräfte, um massiert mit ATACMS vorzugehen. Der Ukraine scheint wenig anderes zu bleiben, als Schritt für Schritt vorzugehen und durchzuhalten, bis Russlands Fähigkeiten aufgezehrt sind.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
„Falls die Ukraine eine erhebliche Zahl russischer Systeme zerstört, ist Russland möglicherweise nicht in der Lage, eine ausreichende Zahl an Luftabwehrsystemen herzustellen oder zu reparieren, um die aktuelle Dichte seiner Luftabwehr über der besetzten Ukraine aufrechtzuerhalten“, schreibt das ISW in seinen Frontberichten. Laut dem Air & Space Forces Magazin sollen die USA auf genau diese Taktik setzen, wie das Blatt den U.S.-Verteidigungsminister Lloyd J. Austin zitiert.
„,Die Ukraine verfügt über eine ziemlich große eigene Fähigkeit, Ziele anzugreifen, die weit außerhalb der Reichweite von ATACMS liegen‘, und luftgestützten Marschflugkörpern, sagte Austin und nannte ukrainische Drohnen als Beispiel. „Ich glaube nicht, dass eine bestimmte Fähigkeit entscheidend sein wird.‘“