Naher Osten

Kurs auf Konfrontation: USA stärken Präsenz gegen Iran mit mehr Schiffen und Bombern

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Verstärkung: Das amphibische Angriffsschiff „USS Wasp“ ist aktuell im Mittelmeer im Einsatz. Mit aufgestockten Kräften wollen die USA versuchen, die geopolitische Lage im Nahen Osten zu beruhigen. Die Wasp würde geeignet sein, Evakuierte aufzunehmen und zu versorgen.
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Die USA rüsten im Nahen Osten auf. Schiffe, Bomber, Personal: von allem deutlich mehr. Die US-Wahl 2024 wird zeigen, welchem Zweck das wirklich dient.

Washington D.C. – „Die verstärkte Truppenpräsenz soll sowohl zur Verteidigung Israels beitragen als auch US-amerikanisches und verbündetes Personal und Vermögen schützen“, schreibt die Nachrichtenagentur Associated Press (AP). Laut der Nachrichtenagentur erhöht das US-Verteidigungsministerium zur US-Wahl die Truppenpräsenz rund um das Mittelmeer damit auf 43.000 Kräfte und mehr als ein Dutzend neuer Kriegsschiffe. Währenddessen zieht sich die Kampfgruppe um den Flugzeugträger USS Abraham Lincoln aus dieser Region zurück und wird abgelöst. Die USA reagieren damit auf den anhaltenden Krieg in Israel.

„Diese Bewegungen demonstrieren die flexible Natur der globalen Verteidigungshaltung der USA und die Fähigkeit der USA, weltweit kurzfristig Truppen einzusetzen, um auf sich entwickelnde Bedrohungen der nationalen Sicherheit zu reagieren“, sagte Generalmajor Pat Ryder der Presse. Der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums bestätigte, dass mehrere Zerstörer der US Navy sowie B-52 Stratofortress-Bomber, Kampfjets und Tankflugzeuge der US Air Force in den kommenden Monaten in den Nahen Osten geschickt werden, wie das Magazin Task & Purpose berichtet.

USA-Präsenz: auf Abschreckung von Bedrohungen durch den Iran konzentriert

Zwischenzeitlich hatten die USA eine Präsenz von fast 50.000 Soldaten in der Region, wogegen die normale Stärke rund 35.000 Kräfte beträgt, wie Associated Press schreibt. Aktuell bilden die Kampfgruppen dort vier Schwerpunkte. Zwei Gruppen operieren im Mittelmeer, eine Gruppe im Roten Meer, sowie mit der USS Abraham Lincoln eine im Golf von Oman. Mit der USS Wasp hat die US-Marine eine Landungsgruppe im Mittelmeer vor Ort – die kann auch Evakuierte aufnehmen und versorgen; dazu eine Gruppe um vier Zerstörer herum.

„Für die große Mehrheit von ihnen war Palästina ein so wichtiges Thema und eine so wichtige Frage. Wenn die Amerikaner im Grunde umschwenken und die zionistische Bewegung und dann den Staat Israel unterstützen – per Definition auf Kosten der Palästinenser und der dortigen einheimischen Bevölkerung –, dann gibt es natürlich eine gewaltige Gegenreaktion in der arabischen Welt.“

Karim Makdisi, Center for Strategic and International Studies

Im Roten Meer kreuzen Zerstörer und ein U-Boot. Die Trägergruppe um die USS Abraham Lincoln operiert noch im Oman; laut Associated Press bis Mitte November. Dessen Ablösung bildet demnächst die USS Harry S. Truman – dieser Träger sowie zwei Zerstörer und ein Kreuzer befinden sich laut AP aktuell im Atlantik auf Kurs Richtung Osten. In wenigen Tagen werden sie demnach die europäische Region erreichen, bevor sie ihr Ziel im Nahen Osten ansteuern.

Ihre Präsenz hätten die USA in diesem Jahr ausgeweitet, da sie sich „auf die Abschreckung und Bekämpfung von Bedrohungen durch den Iran und sein Netzwerk bewaffneter Verbündeter in der Region konzentrieren, darunter Hamas (Gazastreifen), Hisbollah (Libanon), die Huthis (Jemen) und mehrere militante Gruppen aus dem Irak und Syrien“, schreiben Jonathan Masters und Will Merrow. Die beiden Autoren des Thinktank Council on Foreign Relations unterstreichen, dass die USA als enger Verbündeter Israels ebenfalls in deren Feindseligkeiten mit der Terrororganisation Hamas involviert und Ziel ihrer Attacken wurden.

Drohung gegen Hisbollah: USA stationieren wieder B-52-Bomber

Überdies haben die USA die Aufgabe übernommen, die Handelsschifffahrt im Roten Meer und im Golf von Aden zu sichern und gegen Drohnen- sowie Raketenangriffe der Huthi-Rebellen zu verteidigen. Offenbar rechnen die USA mit einer weiteren Eskalation der dortigen geopolitischen Situation und wollen sich bestmöglich wappnen.

Ebenfalls werden im Nahen Osten B-52 Stratofortress-Bomber präsent sein – das sei das erste Mal seit 2019, dass B-52-Bomber auf einer Basis in der Region stationiert würden, schreibt das Air & Space Forces Magazin. Von wo aus die Bomber vom Stützpunkt Minot in North Dakota in der Region operieren würden, bleibt geheim. „Doch in den letzten Tagen sind Frachtflugzeuge aus Minot auf dem Luftwaffenstützpunkt Al Udeid in Katar eingetroffen. Al Udeid ist der größte US-Stützpunkt im Nahen Osten und hat bereits zuvor B-52-Bomber beherbergt“, berichtet Air & Space Forces-Autor Chris Gordon.

Zur Entourage der Bomber gehören nach seinen Informationen eine zusätzliche Staffel F-15E Strike Eagles, F-22, F-10 Thunderbolt sowie Tankflugzeuge. Wie Gordon weiter berichtet, seien eine weitere Staffel F-16, das 480. Jagdgeschwader vom rheinland-pfälzischen Luftwaffenstützpunkt Spangdahlem, sei Ende Oktober bereits dorthin verlegt worden; Anfang Oktober bereits Tankflugzeuge Boeing KC-46 Pegasus.

Schützenhilfe für Israel: USA wollen die Luftabwehr verstärken

Task & Purpose stellt klar, die US-amerikanischen Streitkräfte wollten ihre Präsenz besonders gegenüber dem Iran und seinen Partnern ausbauen, würden aber wohl auch mittelbar in die Luftabwehr Israels eingreifen: beim Abfangen und Abschießen von Drohnen und Raketen, die in der Region gestartet wurden, so das Magazin: „Letzten Monat sagte das Pentagon, es werde eine THAAD-Batterie (Terminal High Altitude Area Defense) und etwa 100 Soldaten nach Israel schicken, um dessen Luftabwehr zu verstärken.“

Der Iran reagiert prompt, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet: „Wir waren schon immer der Meinung, dass die amerikanische Präsenz in der Region eine destabilisierende Wirkung hat“, sagte Esmaeil Baghaei gegenüber Journalisten zu der Stationierung aufgestockter Kräfte; der Sprecher des iranischen Außenministeriums fügte hinzu, dass sie „Irans Entschlossenheit zur Selbstverteidigung nicht beeinträchtigen wird“. Möglicherweise dient die verstärkte Präsenz der USA aber auch als Versuch, die israelischen Offensivbemühungen einzuhegen.

US-Wahl 2024: Trump hatte Israels Premier Netanyahu die Freundschaft entzogen

Die Regierung des noch amtierenden US-Präsidenten Joe Biden hatte die Warnung ausgesprochen, dass die Hisbollah im Krieg in Israel das israelische Luftabwehr-System Iron Dome an seine Grenzen bringen könnte. Allerdings hatte der jüngste Gegenschlag des Iran mit fast 200 Raketen nur optisch Wirkung erzielt – und könnte Israel deshalb zwingen, das Konzept Luftabwehr zu überdenken.

„Wenn die Achse des Widerstands nicht funktioniert, dann ist die einzige Abschreckung vielleicht eine nukleare Abschreckung“, sagt David Albright gegenüber der Washington Post. Der Atomwaffenexperte und Präsident der Denkfabrik „Institute for Science and International Security“ sieht in jedem iranischen Fehlschuss mit konventionellen Raketen die Wahrscheinlichkeit wachsen, dass die Unterstützer der Hisbollah mit dem Bau von Atomwaffen beginnen würden, wie er gegenüber der Washington Post erklärt hat.

Allerdings gehen US-Analysten davon aus, dass die USA keine weitere Eskalation in der Region dulden werden – wahrscheinlich sogar von keiner der beiden Seiten. Als unvorhersehbar gilt, welchen Kurs Donald Trump in dieser Region einschlagen würde, ginge er aus der US-Wahl 2024 als Sieger hervor. „Israel muss sehr vorsichtig sein, denn es verliert einen großen Teil der Welt, es verliert eine Menge Unterstützung“, sagte Trump im März in einem Interview mit der konservativen israelischen Publikation Israel Hayom , woran der britische Guardian erinnert hat. „Es muss zu Ende gebracht werden, es muss die Arbeit erledigt bekommen. Und es muss den Friedensprozess vorantreiben“, wird Trump zitiert.

Prognose: Kamala Harris wird Kurs von Joe Biden vermutlich fortsetzen

Davor hatte sich der Republikaner als bester Freund von Israels Premier Benjamin Netanyahu dargestellt, ihm allerdings die Freundschaft entzogen, als er noch ehe Trump selbst den Demokraten Joe Biden als Gewinner der vorangegangenen US-Präsidentenwahl anerkannt hatte. Trumps demokratische Gegenkandidatin Kamala Harris wird von der New York Times in der politischen Spur von Joe Biden verortet. Sie soll sich – wie auch schon Biden – für eine Zweistaaten-Lösung einsetzen mit einer weitgehenden Parität, „in der Israelis und Palästinenser Seite an Seite in ihren eigenen souveränen Ländern leben würden“, schreibt WSJ-Autorin Lara Jakes.

Mit der aktuell wachsenden Flottenstärke profilieren sich die USA aufs Neue als dort einflussreichste ausländische Macht in einem schwelenden Unruhe-Herd. Der Grund dafür läge an einem grundlegenden Gefühl des Verrates in der arabischen Welt, sagt Karim Makdisi. Der Politikwissenschaftler der Amerikanischen Universität Beirut hatte in einem Forum der Denkfabrik „Center for Strategic and International Studies“ (CSIS) auf das intrinsisch motivierte Feindbild USA unter vielen Arabern hingewiesen.

„Für die große Mehrheit von ihnen war Palästina ein so wichtiges Thema und eine so wichtige Frage. Wenn die Amerikaner im Grunde umschwenken und die zionistische Bewegung und dann den Staat Israel unterstützen – der Definition nach auf Kosten der Palästinenser und der dortigen einheimischen Bevölkerung –, dann gibt es natürlich eine gewaltige Gegenreaktion in der arabischen Welt.“

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