Waffenruhe in Gaza

Waffenstillstand in Sicht: Gaza steht vor Mammutaufgabe Wiederaufbau

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Gaza strebt nach Ruhe. Dringend benötigt werden humanitäre Unterstützung und Wiederaufbau, aber der Pfad ist gespickt mit Hürden. Ein Gespräch.

Nahost-Expertin Muriel Asseburg über Herausforderungen nach dem Deal zwischen Israel und Hamas, viele Fragezeichen auf dem Weg zu einer stabilen Nachkriegsordnung und die große Verantwortung der USA und der arabischen Staaten.

Frau Asseburg, löst der Deal im Gazastreifen Hoffnung aus?
Ja, absolut, die Menschen haben nach der Ankündigung auf den Straßen gefeiert. Die Hoffnung ist riesig, dass die Bombardierungen endlich aufhören, dass die Leute in ihre Häuser, Ortschaften und Städte zurückkehren können, dass es wieder etwas zu essen gibt. Gleichzeitig ist aber auch die Angst groß, dass noch etwas schiefgeht, dass es doch nicht zu einem dauerhaften Waffenstillstand kommt.
Der Gazastreifen ist extrem zerbombt. Was braucht es, um das Leben dort so schnell wie möglich wieder menschenwürdig zu machen?
Als ersten braucht es einen ganz großen Schub humanitärer Hilfe. Es braucht schnell Nahrungsmittel, Trinkwasser und Medikamente sowie Treibstoff, damit beispielsweise Krankenhäuser und Bäckereinen betrieben werden können. Wenn das nicht gelingt, werden noch mehr Leute an den Folgen des Krieges sterben. Zudem braucht es für diejenigen Unterstützung, die in den Norden des Gazastreifens zurückkehren wollen. Dabei geht es um ganz existenzielle Dinge: vorläufige Behausungen, also Zelte und Container. Und dann ist da noch eine der ganz großen Aufgaben: Der ganze Schutt und die Trümmer müssen weg. Das ist eine Mammutaufgabe und wird allein Jahre dauern.

Humanitäre Hilfe dringend nötig: Gaza braucht Nahrung, Trinkwasser und medizinische Versorgung

Das kann erst beginnen, wenn wirklich eine Waffenruhe herrscht. Was muss noch geschehen?
Weiter muss es dann darum gehen, die Häuser, Gesundheits- und Bildungseinrichtungen und die Infrastruktur wieder aufzubauen. Bildung ist ein ganz dringliches Thema: Kinder und Jugendliche sind im Gazastreifen seit 15 Monaten nicht mehr zur Schule gegangen; die Universitäten sind geschlossen. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene wieder regelmäßig in Bildungseinrichtungen zu bringen, ist für die Zukunft besonders wichtig, noch mehr in einer so jungen Gesellschaft, wie der im Gazastreifen. Auch die gesamte Infrastruktur muss wieder aufgebaut werden: die Elektrizitätsversorgung, die Wasserversorgung, die Abwasserversorgung. Es ist sehr viel zu tun.
Ein zerstörtes Zelt in Chan Junis, nördlicher Gazastreifen: Dort griff Israels Armee noch in der Nacht zu Freitag an.
In der Nacht, nachdem der Deal öffentlich wurde, hat Israel den Gazastreifen bombardiert. Mehr als 80 Leute sind dabei gestorben. Der Waffenstillstand soll erst ab Sonntag gelten. Wieso bombardiert Israel bis dahin weiter?
Um klarzumachen, dass Israel aus einer Position der Stärke in ein solches Abkommen geht und nicht deshalb, weil die Hamas gewonnen hat. Das ist zynisch, denn militärisch wird dadurch jetzt nichts Entscheidendes mehr erreicht.
Kann das den Deal gefährden?
Das sehe ich nicht, außer, wenn dabei etwas sehr Extremes passieren sollte.

Hoffnung auf Frieden in Gaza: „Jede und jeder im Gazastreifen hat geliebte Menschen verloren“

Vielleicht ist es zu früh, aber lassen Sie uns mal ein paar Jahrzehnte nach vorne blicken. Was sind die langfristigen Auswirkungen dieses Krieges – auf die Palästinenser:innen und die Israelis?
Die langfristigen Auswirkungen hängen auch davon ab, ob die Waffenruhe trägt, ob sie zu einem Waffenstillstand wird und ob es dann zu Wiederaufbau und einer politischen Konfliktregelung kommt. Wenn das gelingt, wenn dann Palästinenserinnen und Palästinenser Entwicklungsperspektiven haben, dann könnte trotz des unendlichen Leids, das sie in den letzten fünfzehn Monaten erfahren haben, eine positive Zukunft entstehen.
Was, wenn es nicht so kommt?
Dann steht das Leid dieses furchtbaren Krieges allein da. Es wird in beiden Gesellschaften über Generationen fortwirken. Der 7. Oktober und der Krieg in Gaza waren jeweils so ein Einschnitt – und haben die beiden Völker noch weiter auseinandergebracht. Israelische Politiker haben angedroht, eine zweite Nakba (die Vertreibung und Flucht hunderttausender Palästinenser:innen 1948, d.Red. ) umzusetzen, und genauso ist das von vielen Palästinenserinnen und Palästinensern auch wahrgenommen worden. Sie haben den Krieg als Fortsetzung einer Politik empfunden, die auf Vertreibung und Auslöschung der Palästinenser abzielt.

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Gaza-Deal: Netanjahus Angst trotz der Aussicht auf Waffenruhe

Im Gazastreifen war davon jede und jeder betroffen; jeder hat geliebte Menschen verloren; nahezu alle haben unter Vertreibung gelitten. Diese Erfahrungen werden – vor allem vor dem Hintergrund des kollektiven Traumas der Nakba – lange fortwirken. Sie erlauben auch Empathie für das Leiden der anderen oder Gedanken an eine Aussöhnung.
Und auf der israelischen Seite?
Da ist es spiegelbildlich. Die Gräueltaten vom 7. Oktober haben in der israelischen Bevölkerung das kollektive Trauma des Holocaust wiedererweckt und zu einer sehr harten Haltung gegenüber den Palästinensern geführt. Natürlich gibt es in beiden Gesellschaften auch Kräfte, die an Dialog festhalten und eine Friedensregelung anstreben, aber die sind in der absoluten Minderheit.

Verantwortung der USA und arabischer Länder: Druck auf beide Seiten für Stabilisierung in Nahost wächst

Ist es wegen dieses kollektiven Traumas nicht unwahrscheinlich, dass sich gerade jetzt eine friedliche Koexistenz entfalten kann?
Wenn man die Israelis und die Palästinenser damit allein lässt, dann ist es in der Tat sehr unwahrscheinlich. Deswegen ruht jetzt auch sehr viel Verantwortung auf den USA und den arabischen Staaten, dafür zu sorgen, dass das Abkommen vollständig umgesetzt wird – und darauf aufsetzend auch eine Konfliktregelung,
Das Abkommen soll ein Anfang sein. Als wie wahrscheinlich schätzen Sie es ein, dass alle drei Stufen des geplanten Deals erreicht werden und dieser Deal das vorläufige Ende des Kriegs markiert?
Der Deal ist so konstruiert, dass beide Seiten ein Interesse daran haben, alle drei Stufen umzusetzen. Israel hat ein Interesse daran, dass alle Geiseln freikommen – seien sie tot oder lebendig. Und das würde eben erst vollständig in Stufe drei geschehen. Die Hamas hat ein Interesse an einem dauerhaften Waffenstillstand und Wiederaufbau, die für die dritte Phase vorgesehen sind. Insofern ist das Abkommen schlau konstruiert. Allerdings zieht sich der gesamte Prozess über einen sehr langen Zeitraum; seine Umsetzung ist sehr komplex. Das macht den Prozess äußerst störanfällig und bietet denen, die ihn torpedieren wollen, viel Angriffsfläche.
Welche Gruppen wollen das Abkommen torpedieren?
Vor allem bewaffnete Gruppen auf der palästinensischen und rechtsextreme Politiker und Siedler auf der israelischen Seite. Auch Premier Netanjahu könnte einmal mehr versuchen, die Umsetzung zu unterminieren. Das Risiko ist sehr hoch, dass es nicht gelingt, bis zu Phase drei zu kommen. Ein Problem ist dabei auch, dass bislang nur die erste Phase im Detail ausgehandelt worden ist. In Bezug auf die zweite und dritte Phase aber sind noch viele Fragen offen, die erst noch verhandelt werden müssen.

Netanjahus Zwickmühle: Politischer Druck und Kriegsziele belasten Israels Regierung

Was ist der größte Knackpunkt, an dem das Abkommen scheitern könnte?
Es sieht so aus, als ob Netanjahu gegenüber Finanzminister Bezalel Smotrich Zugeständnisse gemacht hat, damit dieser die Koalition nicht platzen lässt. Diese umfassen laut Presseangaben Zugeständnisse in Bezug auf das Siedlungsprojekt im Westjordanland und die Zusage, die Militäroperationen gegen die Hamas wieder aufzunehmen. Beides würde sich mit einem langfristigen Waffenstillstand nicht vertragen.

Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern 

Vor 60. Gründungstag von Israel
Die Generalversammlung der Vereinten Nationen entschied 1947 über die Teilung Palästinas in zwei Staaten, einen jüdischen und einen arabischen. Im Teilungsplan wurde auch festgelegt, dass die Briten ihr Mandat für Palästina bis August 1948 niederlegen. Großbritannien hatte nach dem Ersten Weltkrieg das Gebiet besetzt und war 1922 offiziell mit dem Mandat über Palästina beauftragt worden. Am 14. Mai 1948 wurde auf Grundlage des UN-Beschlusses der jüdische Staat gegründet. © dpa
Proklamation des Staates Israel
Nach der Unterzeichnung der Proklamationsurkunde am 14. Mai 1948 im Stadtmuseum von Tel Aviv hält eine nicht identifizierte Person das Schriftstück mit den Unterschriften in die Höhe. Links ist David Ben Gurion zu sehen, der erste Ministerpräsident Israels. © dpa
Israelischer Unabhängigkeitskrieg
Ein historisches Datum für den Staat Israel. Doch die arabischen Staaten Libanon, Syrien, Jordanien, Ägypten und Irak erkannten die Gründung nicht an und überschritten nur einen Tag später mit ihren Armeen die Grenzen. So begann der Palästina-Krieg, der im Januar 1949 mit dem Sieg Israels endete. Das Foto zeigt israelische Mitglieder der paramilitärischen Organisation Haganah im August 1948.  © AFP
Operation Yoav
Die israelische Armee konnte während des Krieges 40 Prozent des Gebiets erobern, das eigentlich laut dem ursprünglichen UN-Plan zur Teilung für die arabische Bevölkerung vorgesehen war. So wurde auch der westliche Teil von Jerusalem von Israel besetzt.  © Imago
Waffenstillstand Israel Palästina 1949
Die Vereinten Nationen vermittelten zwischen Israel und Ägypten, und so kam es zwischen den beiden Ländern am 24. Februar 1949 zu einem Waffenstillstandsvertrag. Andere arabische Kriegsgegner folgten mit Waffenstillständen bis Juli 1949. Laut Schätzungen starben bei dem Krieg, den die arabischen Länder gestartet hatten, mehr als 6000 Israelis und 6000 Araber.  © ACME Newspictures/afp
Arafat. Geschichte des Krieges in Israel
Jassir Arafat gründete 1959 die Fatah, eine Partei in den palästinensischen Autonomiegebieten. Laut ihrer Verfassung war ihr Ziel, auch mit terroristischen Mitteln die Israelis aus Palästina zu vertreiben und Jerusalem als Hauptstadt zu installieren. Ebenfalls als Ziel rief die Fatah die „Ausrottung der ökonomischen, politischen, militärischen und kulturellen Existenz des Zionismus“ aus.  © PPO/afp
Arafat
1993 erkannte die Fatah mit ihrem Vorsitzenden Jassir Arafat das Existenzrecht Israels im Osloer-Friedensprozess an, und wollte den Terror als Waffe nicht mehr nutzen. Allerdings gab es immer wieder Bombenattentate in Israel. 2011 suchte Arafat den Schulterschluss mit der Hamas. Gemeinsam planten sie, eine Übergangsregierung zu bilden, was bis heute nicht umgesetzt wurde. Innerhalb der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) ist die Fatah die stärkste Fraktion. © Aleksander Nordahl/Imago
1974 Arafat vor UN
Im Oktober 1974 erkannte die Vollversammlung der Vereinten Nationen die PLO als Befreiungsbewegung an. Daraufhin wurde Arafat als Vertreter eingeladen. Am 13. November 1974 eröffnete Arafat die Debatte in der Vollversammlung. Er beendete die Rede mit dem Satz: „Ich bin mit einem Olivenzweig in der einen und dem Gewehr des Revolutionärs in der anderen Hand hierhergekommen. Lasst nicht zu, dass der grüne Zweig aus meiner Hand fällt!“ © dpa
Kampfflugzeug im Sechs-Tage Krieg
Vom 5. Juni bis 10. Juni 1967 fand der Sechstagekrieg zwischen Israel auf der einen und Ägypten, Jordanien und Syrien auf der anderen Seite statt. Auslöser war die ägyptische Blockade der Seestraße von Tiran für die Israelis, die so abgeschnitten waren. Außerdem hatte der ägyptische Präsident den Abzug der Blauhelme erzwungen, die die nördliche Grenze Israels sicherten. Als Drohung schickte Ägypten dann 1000 Panzer und 100.000 Soldaten an die Grenzen zu Israel. Als Reaktion auf die Bedrohung flogen die Israelis einen Präventiv-Schlag. Auf dem Foto sieht man ein ägyptisches Kampfflugzeug. Während des Krieges konnte Israel die Kontrolle über den Gazastreifen, die Sinai-Halbinsel, die Golanhöhen, das Westjordanland und Ostjerusalem erlangen. Weil Israel seine Angreifer besiegen konnte, machte der Staat am 19. Juni 1967, neun Tage nach seinem Sieg, Ägypten und Syrien ein Friedensangebot. Darin enthalten die Aufforderung, Israel als Staat anzuerkennen. © AP/dpa
Arabisch-israelischer Krieg
Am 6. Oktober 1973, dem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, startete eine arabische Militärkoalition unter Führung Ägyptens und Syriens einen Überraschungsangriff, gleichzeitig auf die Sinai-Halbinsel und die Golanhöhen. Nach anfänglichem Erfolg der arabischen Kriegsparteien gelang es Israel, sich zu behaupten. Erst mit dem Friedensvertrag sechs Jahre später am 26. März 1979, normalisierten sich die Beziehungen zwischen Ägypten und Israel. Ägypten war der erste arabische Staat, der das Existenzrecht Israels anerkannte. © afp
Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten, Jimmy Carter schüttelt dem ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat die Hand.
Das Friedensabkommen vom 26. März. 1979 war ein wichtiger Meilenstein. US-Präsident Jimmy Carter gratulierte damals dem ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat und dem israelischen Premierminister Menachem Begin vor dem Weißen Haus. Nach den Camp-David-Verhandlungen unterzeichneten sie den Friedensvertrag zwischen den beiden Ländern dort. © Consolidated News Pictures/afp
Beschuss im Libanonkrieg
1982 begann mit dem Libanonkrieg der erste große israelisch-arabische Konflikt, der von Israel gestartet wurde. Die Kriegsparteien waren die israelische Armee und verbündete Milizen auf der einen, die PLO und Syrien auf der anderen Seite. Israel besetzte im Rahmen des Krieges zwischen 1982 und 1985 den Süden Libanons. Später richtete Israel daraufhin dort eine „Sicherheitszone“ ein, die aber Angriffe der Hisbollah aus dem Libanon auf nordisraelische Städte nicht verhindern konnte. Am 25. Mai 2000 zog die israelische Armee aus dem Südlibanon ab.  © Dominique Faget/afp
Soldaten und Kinder bei der Intifada 1987
Am 8. Dezember 1987 brach im Westjordanland und im Gazastreifen ein gewaltsamer Aufstand der Palästinenser gegen die israelische Besatzung aus. Diesen Aufstand nennt man Intifada. Auf dem Foto ist zu sehen, wie israelische Soldaten Kinder anweisen, das Gebiet zu verlassen, als Hunderte von Demonstranten Steine und Flaschen schleudern.  © Esaias Baitel/afp
Hamas-Kundgebung im Gaza-Streifen
Die PLO (Palästinensische Befreiungsorganisation), die ihre Zentrale in Tunis hatte, wollte einen eigenen palästinensischen Staat ausrufen, hatte aber keine Kontrolle über die entsprechenden Gebiete. Im Zuge dessen kam es zu einem Gewaltausbruch, der erst 1991 abnahm. 1993 wurde schließlich mit dem Osloer Abkommen die erste Intifada beendet. © Ali Ali/dpa
Der PLO-Führer Yasser Arafat und der israelischen Premierminister Yitzahk Rabin schütteln sich 1993 die Hände.
Nach Jahrzehnten von Gewalt und Konflikten unterschrieben am 13. September 1993 Israels Außenminister Shimon Peres und Mahmoud Abbas, Verhandlungsführer der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), unter Aufsicht der russischen und amerikanischen Außenminister die „Osloer Verträge“. Das Foto des Händedrucks zwischen Palästinenservertreter Jassir Arafat und dem israelischen Ministerpräsident Yitzhak Rabin und US-Präsident Bill Clinton wurde weltberühmt. © J. David Ake/afp
Yasir Arafat, Shimon Peres und Yitzhak Rabin erhalten den Friedensnobelpreis
Nach der Unterzeichnung der Osloer Verträge bekamen Jassir Arafat, Schimon Peres und Yitzhak Rabin den Friedensnobelpreis für 1994. Hier die Preisträger zusammen mit ihrer Medaille und ihrem Diplom im Osloer Rathaus. Die Friedensverträge wurden damals als wichtiger Startpunkt für Frieden in der Region gesehen. © Aleksander Nordahl/Imago
Bill Clinton, König Hussein und Rabin bei der Friedenssitzung
1994 folgten Friedensverhandlungen zwischen Jordanien und Israel 1994 im Weißen Haus. Auf dem Foto ist zu sehen, wie der jordanische König Hussein und der israelische Premierminister Yitzahk Rabin bei der Friedenssitzung sich die Hände schütteln. © Imago/ ZUMA Press
Sarg von Yitzhak Rabin, Geschichte des Kriegs in Israel
Mit der Hoffnung auf Frieden in der Region wurde der Hass von israelischen Extremisten größer. Diese wollten Abkommen mit den arabischen Staaten und der PLO nicht akzeptieren. So wurde Yitzhak Rabin zur Zielscheibe und wurde 1995 im Anschluss an eine große Friedenskundgebung in Tel Aviv von einem rechtsextremen Juden ermordet. Das Foto zeigt den Sarg des Premierministers in Jerusalem bei seiner Beerdigung.  © Jim Hollander/dpa
Junge schießt mit Katapult bei der zweiten Intifada, Geschichte des Krieges in Israel
Obwohl es in den 1990er Jahren mit den Osloer Verträgen große Hoffnung auf Frieden gab, hatte sich die Situation nach der Ermordung von Yitzhak Rabin massiv aufgeheizt. 2000 kam es zur zweiten Intifada, dem gewaltvollen Aufstand der Palästinenser mit Straßenschlachten. Die zweite Intifada dauerte bis 2005. © Imago/UPI Photo
Israelische Soldaten 2006, Geschichte des Krieges in Israel
2006 kam es wieder zwischen Israel und dem Libanon zum Krieg. Die Auseinandersetzung wird auch 33-Tage-Krieg oder zweiter Libanon-Krieg genannt, weil sie nach gut einem Monat am 14. August 2006 mit einem Waffenstillstand endete. Das Foto zeigt einen israelischen Soldaten im Libanon-Krieg im Jahr 2006. Eine israelische Artillerieeinheit hatte soeben an der libanesisch-israelischen Grenze in den Libanon gefeuert. Fast 10.000 israelische Soldaten kämpften in der Nähe von etwa einem Dutzend Dörfern im Südlibanon gegen Hisbollah-Kämpfer.  © Menahem Kahana/afp
Israelisches Militär feuert auf Ziele im Libanon
Auslöser des Libanon-Kriegs waren anhaltende Konflikte zwischen der Terrororganisation Hisbollah und der israelischen Armee. Um die Angriffe zu stoppen, bombardierte die israelische Luftwaffe die Miliz aus der Luft und verhängte eine Seeblockade. Die Hisbollah antwortete mit Raketenbeschuss auf den Norden Israels. Später schickte Israel auch Bodentruppen in den Süden von Libanon.  © Atef Safadi/dpa
Angriff im Süden von Beirut
Die libanesische Regierung verurteilte die Angriffe der Hisbollah und forderte internationale Friedenstruppen, um den Konflikt zu beenden. Am 14. August 2006 stimmten schließlich nach einer UN-Resolution die Konfliktparteien einem Waffenstillstand zu. Sowohl die Hisbollah als auch Israel sahen sich als Sieger.  © Wael Hamzeh/dpa
Krieg in Israel
2014 startete die israelische Armee (IDF) mit der Operation Protective Edge am 8. Juli eine Militäroperation, weil die Hamas aus dem Gazastreifen immer wieder Israel beschoss. Ab dem 26. Juli 2014 folgte eine unbefristete Waffenruhe, die kanpp neun jahre währte.  © Abir Sultan/dpa
Jahrestag der Angriffe auf Israel am 7. Oktober
Am 7. Oktober 2023 startete die Hamas einen Überraschungsangriff auf Israel mit Raketenbeschuss und Bodeninfiltrationen aus dem Gazastreifen, was zu schweren Verlusten und der Entführung zahlreicher Geiseln führte. Hier ist eine Gesamtansicht der zerstörten Polizeistation in Sderot nach den Angriffen der Hamas-Terroristen zu sehen.  © Ilia Yefimovich/dpa
Jahrestag der Angriffe auf Israel am 7. Oktober
Bei dem Überfall der Hamas und anderer extremistischer Gruppierungen auf Israel wurden rund 1200 Menschen getötet und mehr als 250 Israelis als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Seitdem wurden laut der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde im Gazastreifen Zehntausende Menschen getötet, darunter auch viele Frauen und Minderjährige. © Ilia Yefimovich/dpa
Wie schätzen Sie Benjamin Netanjahu ein? Der Krieg im Gazastreifen sichert seine Macht. Ist er nun bereit, diese vermeintliche Sicherheit aufzugeben?
Das Ende des Krieges wird viele Herausforderungen für Netanjahu bringen. Die Forderung nach Neuwahlen wird stark werden; die Forderung nach einer Untersuchungskommission für die sicherheitspolitischen Versäumnisse rund um den 7. Oktober wird lautstark werden. Das ist nicht in seinem Interesse. Gleichzeitig ist er jetzt unter Druck, sich die Unterstützung des nächsten US-Präsidenten Donald Trump zu sichern. Auch wächst der Unmut in der israelischen Bevölkerung und im israelischen Sicherheitsestablishment in Bezug auf die Prioritätensetzung und Kriegsführung. Schon seit Langem machen israelische Militärs deutlich, dass sie im Gazastreifen militärisch kaum noch etwas erreichen können – vor allem keine nachhaltigen Erfolge.
Die israelische Regierung hat immer wieder auf die eigenen militärischen Ziele verwiesen. Hat die Regierung diese Ziele schon erreicht?
Die israelische Regierung hat drei Ziele verkündet. Das erste Ziel lautete, die Hamas militärisch zu zerschlagen. Das hat die Armee zu einem großen Teil erreicht, weil sie sehr viele Kämpfer – nach eigenen Angaben rund 19 000 – getötet und einen großen Teil der militärischen Kapazitäten zerstört hat. Gleichzeitig treibt dieser Krieg aber auch die Rekrutierung von neuen Kämpfern an.

Gefahr für den Deal: Extremisten und ungelöste Fragen bedrohen den Friedensprozess in Gaza

Das zweite Ziel?
Das zweite Ziel ist die Befreiung der Geiseln. Diese sind nur zum allerkleinsten Teil militärisch befreit worden, die meisten sind bislang im Rahmen eines ersten Abkommens im November 2023 freigekommen.
Das dritte Ziel ist, dass die Hamas auch politisch keine Rolle mehr spielt und vom Gazastreifen keine Bedrohung mehr für Israel ausgeht. Wie sieht es da aus?
Die Hamas ist immer noch da, Israel verhandelt sogar mit ihr. Auch wenn sie künftig nicht mehr in der ersten Reihe stehen dürfte: Sie wird bei den Fragen, wie der Gazastreifen künftig regiert werden soll, weiterhin eine Rolle spielen. Rein militärisch kann auch nicht dafür gesorgt werden, dass aus dem Gazastreifen keine Bedrohung für Israel ausgeht. Dazu braucht es politische Regelungen.

Langfristige Perspektive: Waffenstillstand in Gaza könnte Entwicklung und Stabilität bringen

Welche Szenarien sind mit Blick auf den Gazastreifen und die Westbank denkbar? Wie könnten die Gebiete politisch verwaltet werden?
Prinzipiell besteht die Möglichkeit, dass es wie vor dem 7. Oktober wäre. Das würde bedeuten: unterschiedliche Regierungen im Gazastreifen – etwa Hamas – und in der Westbank – etwa die von der Fatah dominierte Palästinensische Autonomiebehörde – mit unterschiedlich gestalteter direkter oder indirekter Besatzung Israels. Das wäre sicherlich kein auf Dauer stabiles Szenario.
Muriel Asseburg arbeitet als Politologin für die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Ihre Forschungsschwerpunkte sind Konflikte und politische Ordnung im Nahen Osten. Sie lebte unter anderem in Jerusalem, Damaskus, Ramallah und Beirut.
Was wäre noch denkbar?
Ein anderes Szenario wäre, dass es zu einer geeinten palästinensischen Führung kommt – entweder, indem die Autonomiebehörde auch die Kontrolle im Gazastreifen übernimmt oder man sich auf eine Regierung der nationalen Einheit einigt. Das wäre ein Fortschritt.

Folgen des Krieges: Traumata und Misstrauen prägen Israelis und Palästinenser gleichermaßen

Welche Rolle würde die Hamas da spielen? Denn dass die Hamas politische Macht bekommt, scheint für Israel doch ausgeschlossen, oder?
Wie das genau aussehen kann, darüber verhandeln ja auch unter anderem Hamas und Fatah. Man hatte sich im letzten Jahr schon auf ein Verwaltungskomitee aus Technokraten für den Gazastreifen geeinigt. Die Führung in Ramallah hatte dem aber noch nicht zugestimmt. Vorstellbar ist aber auch, dass die Hamas mittelfristig wieder die Kontrolle im Gazastreifen übernimmt. Und zwar dann, wenn es nicht gelingt, den Drei-Phasen-Plan umzusetzen und eine international begleitete Stabilisierung unter Einbindung der Autonomiebehörde zustande zu bringen.
Dieses Szenario würde Benjamin Netanjahu aber doch kaum akzeptieren. Denn wenn nach dem langen Krieg das Ergebnis wäre, dass die Hamas, die am 7. Oktober Israel überfallen hat, wieder ähnliche Macht besitzt wie vor dem Überfall, würde die israelische Bevölkerung Netanjahu doch abwählen.
Das wäre nicht nur ein Scheitern der proklamierten Kriegsziele, es wäre auch ein Scheitern der Ansätze der internationalen Gemeinschaft. Aber dennoch ist es ja nicht ausgeschlossen. Wir kennen vergleichbare Fälle, etwa in Afghanistan, wo nach 20 Jahren internationaler Präsenz die Taliban wieder die Macht übernommen haben.

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