Not in Gaza – und der Winter naht: Wo Trumps Plan schmerzliche Lücken hat
Die humanitäre Lage in Gaza könnte Trumps Friedensplan auf die Probe stellen. Die Probleme sind groß – und viele Antworten unklar.
Nach mehr als zwei Jahren Krieg flossen zum ersten Mal überwiegend Freudentränen in Israel und Gaza. Die Waffen ruhen, auf beiden Seiten kehren Menschen in die Arme ihrer Familien zurück. US-Präsident Donald Trump, der die Verhandlungen maßgeblich vermittelt hatte, wurde in der Knesset als Friedensstifter gefeiert und erklärte den Gaza-Krieg offiziell für beendet.
Die Hoffnung auf Frieden ist groß, doch die Wunden sitzen zu tief, als dass Nahost-Experten eine langfristige Versöhnung zwischen Israel und den Palästinensern als gegeben sehen. Der Historiker Gil Shohat etwa warnt die internationale Gemeinschaft davor, jetzt davon auszugehen, dass wieder alles gut sei. Seit 2023 leitet er das Israel-Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv. „Die humanitäre Lage in Gaza ist weiterhin katastrophal“, sagt er auf Anfrage der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Palästinenser kehren nicht zu ihren Häusern zurück, sondern zu einem Trümmerfeld aus Schutt und Asche, unter dem Granaten und Leichen begraben liegen – und der Winter steht vor der Tür.
Humanitäre Hilfe in Gaza und die wichtige Rolle der UN
Für die humanitären Hilfsorganisationen lautet die Priorität derzeit: Den Menschen im Gazastreifen ein Obdach geben. Dazu verteilt etwa „Caritas International“ Zelte und Baumaterial. Der Fokus liege auf besonders schutzbedürftigen Familien sowie auf denen, die unter sehr schwierigen Bedingungen in unterversorgten und überfüllten Lagern leben, heißt es auf Anfrage unserer Redaktion. Gerade zu Beginn werde es wohl für viele auf Behelfsunterkünfte oder sogar Schlafen unter freiem Himmel hinauslaufen, so die Einschätzung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK).
Zusätzlich brauchen die Menschen in Gaza Nahrungsmittel, medizinische Güter, Medikamente und sauberes Wasser. „Diese Güter stehen zu einem großen Teil an der ägyptischen Grenze zum Gazastreifen und können zumindest für eine gewisse Zeit schnell ins Land gebracht werden“, sagt Christof Johnen, Leiter der Internationalen Zusammenarbeit beim DRK, unserer Redaktion. „Es ist unabdingbar, dass die Hilfe in Gaza endlich wieder unabhängig, neutral und im Sinne der Menschlichkeit geleistet wird“, betont die Caritas. Die Organisationen fordern aber auch eine funktionierende Koordination der Hilfseinsätze. Trumps Plan sieht vor, dass die Vereinten Nationen (UN) und andere internationale Institutionen die Verteilung der Hilfe in Gaza organisieren.
Auch Shohat würde das begrüßen. Er zweifelt jedoch, ob er wirklich umgesetzt wird. Zuvor hatte die von Israel und den USA eingesetzte Gaza Humanitarian Foundation (GHF) diese Aufgabe übernommen. Nach Ansicht der Caritas hat die „militärische und politisch motivierte Hilfe“ der GHF zu Chaos geführt – und die Schwächsten, wie alte Menschen, Kinder und Kranke, nicht erreicht. Hilfsorganisationen und Experten heben daher die Rolle der UN hervor. Sie verfüge über die nötige Erfahrung, um die kommende Mammutaufgabe im weithin zerstörten Gazastreifen zu bewältigen.
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„Auf einer Fläche, die halb so groß ist wie Berlin, ist nicht nur ein Großteil des Wohnraums zerstört, es muss zudem eine Hungersnot bekämpft werden, das Gesundheitssystem und die Wasserversorgung müssen neu aufgebaut werden“, erklärt die Caritas. Die von Israel in den vergangenen zwei Jahren erheblich ausgeweiteten administrativen Hürden für Hilfsorganisationen bestehen fort. Dazu komme die Ungewissheit, wer für Sicherheit und Ordnung sorgen wird.
Ein Punkt, der auch darüber entscheidet, wie viel Geld nach Gaza für den Wiederaufbau fließen wird, sagt Nahost-Experte Simon Wolfgang Fuchs der Frankfurter Rundschau. Er ist Associate Professor für Islam in Südasien und im Nahen Osten an der Hebräischen Universität in Jerusalem.
Gaza: Nahost-Experte nennt Golfstaaten und Europa als wichtige Geldgeber – Deutschland soll helfen
Länder wie Ägypten oder Indonesien sollen Truppen entsenden, um für Sicherheit zu sorgen. Sollte aber Trumps Plan ins Stocken geraten, würde das laut Fuchs Geberländer entmutigen, in Gaza zu investieren, aus Angst, das Geld könnte in die Hände der Hamas gelangen. Ein zentraler Punkt ist die Entwaffnung und Entmachtung der Terrororganisation. Doch das lehnt die islamistische Palästinenserorganisation bereits ab. Allerdings will sie auf eine führende Rolle bei der künftigen Verwaltung des Gazastreifens verzichten.
Prognosen zufolge wird der Wiederaufbau von Gaza mehrere Jahrzehnte benötigen. Bei der finanziellen Unterstützung spielen aus Fuchs‘ Sicht vor allem die Golfstaaten und Europa eine wichtige Rolle. Israel wird seiner Meinung nach kein Geld in den Wiederaufbau stecken. Und inwieweit sich die USA engagieren, sei unklar. Neben der Finanzierung gibt es auch logistische Probleme: Wo sollen die Menschen während des Wiederaufbaus leben? Wer wird das koordinieren? Wohin soll der ganze Schutt? Wer übernimmt die Räumung von Bomben und Granaten? „Das sind alles Fragen, die jetzt dringend anstehen, aber Trumps Plan mit seinen dünnen Aussagen liefert bisher keine Antworten darauf“, sagt Fuchs.
Dazu kommt die katastrophale Lage in den Krankenhäusern. Viele seien zerstört oder überfüllt und es fehle an Personal, Medikamenten sowie Treibstoff, sagt Lara Dovifat von „Ärzte Ohne Grenzen“ unserer Redaktion. Mitarbeiter vor Ort berichten, dass Patienten oft tagelang auf eine Behandlung warten. Chronisch kranke Menschen könnten derzeit nicht versorgt werden. „Es wird Jahre dauern, bis das Gesundheitssystem wieder in der Lage ist, auf den Bedarf zu reagieren“, meint Dovifat. Mehr als 16.000 Menschen warteten auf eine lebensrettende medizinische Evakuierung – diese Evakuierungen jetzt auszubauen, sei zentral, um weitere Todesfälle zu verhindern.
Dovifat fordert Deutschland auf, sich aktiv zu beteiligen. Etwa daran, sichere Transportwege für Patienten zu schaffen, Visa- und Aufnahmeverfahren zu erleichtern und Behandlungskapazitäten in deutschen Kliniken für besonders dringende Fälle zu öffnen. Langfristig müsse der Wiederaufbau des Gesundheitssystems Priorität haben: Kliniken, Personal, Medikamente, psychologische Betreuung. „Wir hoffen, dass die Welt nicht wegschaut, wenn die Kameras verschwinden“, sagt sie.
Gaza: Nahost-Experte schließt Abwanderung nicht aus
In Israel spielt das Leid der Palästinenser laut Shohat weiterhin so gut wie keine Rolle. Allerdings stellten sich immer mehr Menschen den „Horrorbildern aus Gaza“. „Diejenigen, die diese Bilder in die israelischen Demonstrationen tragen, kriegen zwar jetzt mehr Gehör, sind aber noch immer eine Randerscheinung in der Protestlandschaft“, sagt er. Dementsprechend fehlt es seiner Meinung nach weitgehend an einer Debatte um eine friedliche politische Zukunft der Region.
Ein aktuell bekanntes Vorhaben: Eine technokratische Körperschaft unter Leitung von Tony Blair und Donald Trump soll den Wiederaufbau steuern. Das das lässt Kritiker vermuten, dass diese im Gazastreifen ein „spekulatives Verwertungsobjekt“ sehen. Aus Shohats Sicht bleibt das Recht auf Selbstbestimmung und -verwaltung der Palästinenser dabei außen vor. Doch viele wollen zurückkehren und ihr altes Leben wieder aufbauen. Sollte der Gazastreifen aber wegen politischer und militärischer Hürden einer Trümmerlandschaft bleiben, schließt Fuchs eine Abwanderung nicht aus; die palästinensischen Familien könnten an ihre Grenzen geraten. Im aktuellen Plan ist die Rede von einer „freiwilligen Auswanderung“ – ohne Garantie auf ein Rückkehrrecht. (Quelle: Eigene Anfragen)