- VonBettina Menzelschließen
Russland sammelt Raketen, um im Winter erneut Angriffe gegen die Energieinfrastruktur der Ukraine zu starten. Drohnen könnten dann für beide Kriegsparteien an Bedeutung gewinnen.
Kiew – Im Ukraine-Krieg setzte Kiew von Anfang an auf Drohnen. Was angesichts zunächst zögerlicher Waffenlieferungen des Westens als eine Art Notlösung begonnen hat, etabliert sich mittlerweile als Standbein der militärischen Taktik der Ukraine. Russland hortet indes offenbar Marschflugkörper für den Winter, um erneut die ukrainische Energieinfrastruktur anzugreifen und so die Zivilbevölkerung zu terrorisieren. Auch für Moskau könnten die unbemannten Flugkörper in der sogenannten „Schlammperiode“ eine wichtige Rolle spielen.
Gegenoffensive im Ukraine-Krieg: Ukrainische Erfolge durch Drohnenangriffe
Der Einfallsreichtum der Ukraine ist ein Teil ihrer Erfolgsstrategie. Immer wieder überraschte Kiew den Westen mit einfachen und kostengünstigen Lösungen für komplexe Probleme – ob Bomben aus dem 3D-Drucker, Minendetektion per Wärmebildkamera – oder Drohnen für Angriff, Verteidigung und Aufklärung. Eine Drohnenarmee solle künftig den Himmel über der Ukraine schützen, sagte der ukrainische Vize-Minister für digitale Transformation, Alex Bornyakov, vergangenes Jahr. „Das ist eines der großen Projekte, auf die wir uns jetzt fokussieren“, so Bornyakov weiter.
Mittlerweile verfügt Kiew über Storm Shadow- und Scalp-EG-Marschflugkörper, Flugabwehrsysteme wie IRIS-T, Leopard-Panzer und viele weitere moderne Waffen. Drohnen bleiben aber wichtig, nicht nur für die Aufklärung: Zuletzt konnte etwa ein Angriff mit Drohnen und Raketen ein russisches Flugabwehrsystem auf der Krim zerstören. Besonders im Winter könnten die unbemannten Flugobjekte für beide Kriegsparteien weiter an Bedeutung gewinnen.
Ukraine-Gegenoffensive: Offenbar russische Angriffe auf Energieinfrastruktur im Winter geplant
Vergangenen Winter terrorisierte Russland die ukrainische Bevölkerung mit Angriffen auf die zivile Infrastruktur. Nach Geheimdienstangaben des britischen Verteidigungsministeriums versuche Russland aktuell, einen „beträchtlichen Vorrat“ an luftgestützten Marschflugkörpern anzulegen, um sie in der kommenden kalten Jahreszeit erneut massive Angriffe auf die Infrastruktur der Ukraine zu starten. „Es besteht die realistische Möglichkeit, dass Russland diese Waffen über den Winter erneut gegen ukrainische Infrastrukturziele einsetzt“, so das britische Ministerium.
Dabei könnte Russland zunächst versuchen, mit Drohnen die ukrainische Luftabwehr zu übersättigen und dann Marschflugkörper schicken, sagte Markus Reisner, Offizier des österreichischen Bundesheeres, im Gespräch mit t-online. Der frühere Nato-General Erhard Bühler sieht die Ukraine gut gewappnet für kommende Angriffe auf ihre Infrastruktur, die Vorbereitungen seien „ganz intensiv und auch mit Unterstützung der Europäischen Union“.
Russland hortet Raketen für den Winter im Ukraine-Krieg: Angriffe auf Infrastruktur wohl nicht so verheerend
Das sei auch Gegenstand der Gespräche gewesen, die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kürzlich in Kiew führte, betonte der Militärexperte in am Freitag in seinem Podcast „Was tun, Herr General?“.
Die ukrainische Regierung selbst hatte zu Protokoll gegeben, dass bei Angriffen auf Infrastruktur nicht der Schaden des Vorjahres zu erwarten – auch wegen der nun stärkeren Luftverteidigung.
Winter im Ukraine-Krieg: Drohnen gewinnen in Schlammperiode an Bedeutung
US-Generalstabschef Mark Milley sagte vergangene Woche zur aktuellen Situation der Gegenoffensive im Ukraine-Krieg, es gebe „noch eine vernünftige Zeitspanne, wahrscheinlich 30 bis 45 Tage“ bevor die Schlammperiode beginne. Man wisse, dass dann schweres Gerät und Fahrzeuge mit Rädern kaum mehr einsetzbar seien, erklärte indes Markus Reisner gegenüber t-online. „Das heißt nicht, dass die Angriffe völlig zum Erliegen kommen, aber man ist gezwungen, mit kleinen Trupps vorzugehen, und die Witterungsbedingungen werden immer schwieriger.“ Drohnen würden dann eine noch größere Rolle spielen, glaubt der Militärexperte.
Man sehe das bereits jetzt: „Immer dann, wenn der Konflikt von einer Bewegungs-Kriegsführung in eine stationäre kommt, beginnen sofort ganze Schwärme von Drohnen aufzusteigen und man beginnt sich gegenseitig aufzuklären und zu beschießen“, so der Militärexperte.
Bedeutung des Winters im Ukraine-Krieg: „Südukraine ist nicht Sibirien“
Das Thema der „Schlammperiode“ stamme teils auch aus Bildern aus dem Zweiten Weltkrieg, kommentierte indes Ex-Nato-General Bühler die öffentliche Diskussion über die Bedeutung des Winters für den Ukraine-Krieg. „Die Geländegängigkeit moderner Kampffahrzeuge ist heute ganz anders“, so Bühler.
Zwar hätten die Umweltbedingungen immer einen Einfluss, räumte auch der Ex-Nato-General ein. Doch die „Südukraine ist nicht Sibirien“. Zudem hätten sowohl Russland als auch die Ukraine ganz sicher aus den vergangenen drei Kriegswintern gelernt. Man habe sich operativ immer wieder der Bedrohungs- und Umweltlage angepasst, so der ehemalige General in seinem Podcast vom Freitag weiter.
