VonPatrick Mayerschließen
Die Ukrainer warnen vor einem möglichen Angriff aus Belarus. Ein Minsk-Kenner erklärt Merkur.de jedoch, wie wackelig Alexander Lukaschenkos Macht in seiner Armee ist.
Minsk/Moskau – Polen warnt im Ukraine-Krieg unablässig vor einer angeblichen Bedrohung aus Belarus. „Die Sicherheitslage im Osten ist schon seit längerer Zeit instabil und Polen muss mit einem ganzen Spektrum an Bedrohungen aus dieser Richtung zurechtkommen“, erklärte Vize-Außenminister Arkadiusz Mularczyk der Bild.
Belarus: Putin-Verbündeter will laut Experte keinen Krieg mit der Ukraine
Zuletzt hatten sich die Ereignisse überschlagen: Unweit des militärisch brisanten Suwalki-Korridors zwischen Polen, Baltikum, Weißrussland und der russischen Exklave Kaliningrad wurden zuerst rund 100 Wagner-Söldner gesichtet. In den vergangenen Tagen verließen dann wohl Hunderte Wagner-Söldner überraschend Belarus, nachdem sich die Leute von Jewgeni Prigoschin in Weißrussland umgelassen haben sollen.
Damit nicht genug: Geht es nach einem Minsk-Insider, habe nicht die belarussische Armee und schon gar nicht die belarussische Gesellschaft ein Interesse daran, in einen Konflikt mit der Verteidigungsallianz Nato oder mit der Ukraine zu geraten. Das erklärte der weißrussische Oppositionspolitiker Pawel Latuschka Merkur.de von IPPEN.MEDIA. Ferner hat Russland seinen Informationen zufolge kaum noch Truppen im Land stationiert.
Laufen Drohungen des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko somit ins Leere? Aktuell würden zwar gemeinsame militärische Ausbildungszentren am Luftwaffenstützpunkt in Baranowitschi sowie am Luftverteidigungsstützpunkt bei Grodno in Sjabrowka geschaffen. Aber: „Fast alle russischen Soldaten, die vor dem Krieg in Belarus trainiert haben, haben das Territorium Weißrusslands verlassen“, erzählt Latuschka.
Wladimir Putin droht Ukraine: Wäre belarussische Armee aber nicht bereit für einen Krieg?
Ist ein Bedrohungsszenario für Kiew aus Belarus somit obsolet? Auch wenn Moskau-Machthaber Wladimir Putin und sein Zirkel dieses seit Frühjahr 2022 immer wieder angedeutet haben?
„Was die Armee angeht, gibt es unterschiedliche Ansichten. Dies liegt daran, dass die Armee einem massiven Gehirnwäsche-Angriff (vom Minsker Regime, d. Red.) ausgesetzt ist. Wenn wir über die Spezialeinheiten sprechen, sind diese größtenteils bereit, Lukaschenko zu unterstützen, und unter Umständen sogar, gegen die Ukraine in den Krieg zu ziehen“, erklärt Latuschka: „Wenn wir aber über die regulären Streitkräfte sprechen, sind diese überwiegend gegen den Krieg. Und was die Rekruten angeht: Sie kommen aus einer Gesellschaft, die eine Antikriegsstimmung hat. Deshalb hat Lukaschenko die Entscheidung getroffen, sich nicht am Krieg zu beteiligen, sondern den russischen Truppen das Territorium Weißrusslands für die militärische Aggression gegen die Ukraine zur Verfügung zu stellen - für Raketenangriffe und Luftangriffe.“
Lukaschenko befürchtet, dass zumindest ein Teil der belarussischen Armee sich ihm widersetzen würde und dies zum Sturz des Regimes führen könnte.
Ukraine-Krieg: Alexander Lukaschenko bangt laut Experte um sein Regime in Belarus
Lukaschenko habe es nicht gewagt, Truppen über die belarussisch-ukrainische Grenze zu entsenden, meint der frühere Kulturminister (2009 bis 2012) des Landes weiter: „Nicht, weil er etwa die Ukraine liebt und eine positive Einstellung gegenüber Ukrainern hat. Sondern nur, weil er befürchtet, dass zumindest ein Teil der belarussischen Armee sich ihm widersetzen würde und dies zum Sturz des Regimes führen könnte. Dies zeigen die Daten zweier soziologischer Umfragen, die von analytischen Zentren des belarussischen Geheimdienstes im Jahr 2022 innerhalb der Armee durchgeführt wurden. Diese Daten liegen uns vor.“
Die größte Herausforderung für die Opposition bestehe nun darin, „die Stimmung in der Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Hier führen wir einen sehr ernsten und schwierigen Kampf. Tatsächlich einen Krieg um die Köpfe der Weißrussen“, sagt Latuschka und warnt vor einer „riesigen Propaganda-Maschinerie Russlands“. Diese wolle laut dem einstigen Minister „das russische Narrativ in die belarussische Gesellschaft einbringen, unsere Geschichte umschreiben und unsere Kultur sowie unsere Sprache verzerren“.
Russischer Einfluss auf Belarus: Experte erhebt Vorwürfe gegen Putins Regime in Moskau
Seiner Meinung nach sind die Russen angeblich daran interessiert, „dass der belarussische Staat und die belarussische Nation aufhören zu existieren“. Lukaschenko sei bei diesem Ziel Moskaus nichts weiter als eine „Marionette des Kremls“, meint Latuschka im Gespräch mit Merkur.de von IPPEN.MEDIA: „Wir kämpfen für die Existenz unseres Staates, für die Existenz unserer Nation, für die Wahl der Weißrussen für Europa.“ (pm)
Rubriklistenbild: © IMAGO/Gavriil Grigorov


