Israels Offensive im Gazastreifen: Hunderte Tote in nur zwei Tagen
VonMaria Sterkl
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Israel intensiviert den Beschuss auf Gaza. In zwei Tagen sterben bis zu 300 Menschen. Das Schicksal der Bevölkerung beginnt eine Rolle zu spielen.
Gaza – Bis zu 300 Leichen binnen 48 Stunden: Es war ein blutiges Wochenende im Gazastreifen. Mit dem Ende der Nahostreise von US-Präsident Donald Trump am Freitag intensivierte Israels Armee den Beschuss aus der Luft und mit Artillerie. Und das sind nur die gezählten Toten. Da die Notaufnahmen nach elf Wochen Blockade am Ende ihrer Vorräte an Medikamenten, Verbandsmaterial und OP-Bedarf angelangt sind, ist die Versorgung der Hunderten Verwundeten in vielen Fällen unmöglich.
Das könnte erst der Anfang sein. Der Beschuss diene zur Vorbereitung der Bodenoffensive, heißt es. Im Norden des Gazastreifens wurden die Menschen aufgefordert, sich unverzüglich in weiter südlich gelegene Gebiete zu begeben, doch auch dort gab es Luftschläge. In Deir El-Balah im Zentrum des Gazastreifens warf Israels Luftwaffe Flugblätter ab. „Bewohner von Gaza – Israels Armee kommt“, steht darauf. Grafisch hinterlegt wurde die Ansage mit einer kitschigen Illustration des sich teilenden Roten Meers: eine Anspielung auf den Auszug der Israeliten aus Ägypten.
Pläne hinter neuer Offensive geleakt: So will Israel offenbar den Gazastreifen besetzen
Auf wessen Exodus sich die Armee hier beziehen möchte, ist so unklar wie die Zielsetzung der Offensive selbst. Geht es um die neueste Fantasie von US-Präsident Donald Trump, wonach eine Million Menschen aus Gaza nach Libyen transferiert werden könnten? Oder bezieht sich die Armee auf die Pläne der israelischen Regierung, Teile des Gazastreifens dauerhaft zu besetzen?
Laut einem Leak, über den die Sunday Times berichtet, besteht der längerfristige Plan Israels darin, große Gebiete des Gazastreifens militärisch zu okkupieren und den Gazastreifen in drei abgegrenzte Gebiete zu teilen. Zivilist:innen könnten ihr jeweiliges Gebiet nur mit spezieller Armeeerlaubnis verlassen.
Zum Schein? Israel verhandelt weiter mit den Hamas – Aufrufe zu Protest gegen Israel-Offensive
Vorerst wird in Doha aber noch über einen möglichen Deal mit der Hamas verhandelt. Inzwischen wird es in israelischen Medien schon als Fortschritt gewertet, dass das israelische Verhandlerteam noch nicht abgereist ist. Der intensive Beschuss in Gaza diene dazu, die Hamas zum Aufgeben zu zwingen und einen Geisel-Deal zu ermöglichen, erklärt das Umfeld von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu.
Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert
Der Premier weiß, dass es das ist, was die Mehrheit der Israelis hören will: Sie haben den Krieg satt und fürchten um das Schicksal der verbleibenden lebenden Geiseln. Ihr Vertrauen in den guten Willen der Regierung ist jedoch begrenzt. Die Beteuerungen, man meine es ernst und strebe einen baldigen Abschluss der Verhandlungen an, dienen dazu, die Gemüter zu besänftigen.
Ob das gelingt, ist fraglich. „Netanjahu zerrt uns in einen politisch motivierten Krieg, der zum Tod von Geiseln und Soldaten führen wird“, sagte Einav Zangauker, Mutter der nach Gaza verschleppten Geisel Matan Zangauker am Samstagabend in Tel Aviv. Am Tag danach starteten mehrere Menschenrechtsorganisationen in Israel einen spontanen Aufruf, sich der militärischen Offensive physisch entgegenzustellen. „Lasst alles liegen und kommt zur Gaza-Grenze“, heißt es in dem Aufruf. Das Ziel: Die Grenze zum Gazastreifen zu besetzen und eine menschliche Blockade gegen die nach Gaza mobilisierten Truppen zu bilden.
Nicht mehr nur die Geiseln im Mittelpunkt: Zivilbevölkerung im Gazastreifen findet Gehör
Immer öfter geht es in den Antikriegsprotesten in Israel nun auch um die Zivilbevölkerung in Gaza. Bis vor wenigen Wochen hatte das Schicksal der Geiseln die Proteste geprägt: Der Ruf nach einer Waffenruhe war zwar laut, er zielte aber vor allem darauf ab, die Freilassung weiterer Geiseln zu erreichen.
Nun sieht man immer öfter die Bilder von im Krieg getöteten Kindern aus Gaza auf den Straßen Tel Avivs und Jerusalems. In sozialen Medien debattierten am Wochenende liberale israelische Journalist:innen darüber, ob das, was sich gerade in Gaza ereignet, schon als Genozid bezeichnet werden könnte – eine Diskussion, die vor einem Jahr auch in linksliberalen Kreisen nur selten offen geführt wurde.
Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern
„Jeder hat sich daran gewöhnt“: Massensterben und Hungersnot im Gazastreifen bleibt Nebensache in Israel-Medien
Die Mehrheit der israelischen Mediennutzenden muss sich mit dem Schicksal der Zivilbevölkerung in Gaza und der Frage, welche Verantwortung Israels Armee dafür trägt, aber gar nicht erst herumschlagen. Die Berichterstattung über den Krieg in Gaza entspricht in weiten Teilen dem offiziellen Narrativ der Armee. Für das Massensterben von Kindern und die drohende Hungersnot infolge der israelischen Blockade ist dort wenig Platz.
Es war ausgerechnet ein rechtsextremer Politiker, der diese Ignoranz über das Leiden der Menschen in Gaza auf den Punkt brachte: „Letzte Nacht wurden fast hundert Gazaner getötet, das interessiert niemanden mehr“, frohlockte Zvi Sukkot, Abgeordneter der Religiösen Zionisten, im Interview auf Kanal 12. „Jeder hat sich daran gewöhnt.“