VonLars Pollmannschließen
Der BVB-Kader im Check – Wer überzeugt, wer enttäuscht und welche Weichen für die Zukunft der Schwarzgelben gestellt werden. Teil zwei: Die Abwehr.
Dortmund – Mit einem Finale Furioso ist Borussia Dortmund in der Bundesliga doch noch auf einem Champions-League-Platz gelandet. Die FIFA Klub-WM im Sommer kann der BVB nun unbeschwert angehen.
Vor dem Trainingsauftakt Anfang Juni bleibt die Zeit für den Blick zurück, aber auch nach vorn. Absolut Fussball, das Fußball-Portal von Home of Sports, betrachtet in einer Serie über die kommenden Tage die vier Mannschaftsteile, verteilt ein Zeugnis und gibt einen Ausblick auf mögliche Veränderungen in der Kaderplanung.
Den Auftakt machten die Torhüter des BVB, jetzt sind die Abwehrspieler dran.
Waldemar Anton brauchte Anlauf zum BVB-Führungsspieler
Mit der Verpflichtung von Waldemar Anton verband der BVB die Hoffnung, die durch den Abschied von Mats Hummels entstandene Lücke bei den Führungsspielern füllen zu können. Der vormalige Kapitän des VfB Stuttgart brauchte dann allerdings viel Anlauf, um in diese Rolle zu wachsen.
Das ist Anton letztlich aber doch gut gelungen: Beim starken Endspurt des BVB gehörte der Nationalspieler zu den Leistungsträgern. Zudem schoss er gegen den FC Bayern und die TSG Hoffenheim extrem wichtige Tore.
Das Zeugnis für Waldemar Anton in einem Satz: Nach Leistungen, die seinen teuren Transfer in ein schlechtes Licht rückten, stabilisierte sich Anton in der letzten Saisonphase beachtlich. Note: 3,0
Ramy Bensebaini machte schwache erste BVB-Saison vergessen
Nach seinem BVB-Wechsel im Sommer 2023 blieb Ramy Bensebaini hinter den Erwartungen deutlich zurück. Den Eindruck konnte der Algerier in dieser Saison korrigieren: Schon unter Nuri Şahin gehörte er zu den beständigsten Spielern, unter Niko Kovač war er in Doppelrolle außen wie innen wichtig.
Sieben Scorerpunkte von Bensebaini in der Bundesliga können sich sehen lassen, zudem brandet im Stadion Sonderapplaus auf, wenn er zum spektakulären Tackling ansetzt.
Das Zeugnis für Ramy Bensebaini in einem Satz: Dank taktischer Flexibilität und großer Hingabe ist Bensebaini ein Gewinner der BVB-Saison. Note: 2,5
Yan Couto muss bisher als Fehlinvestition gelten
Den Brasilianer holte Dortmund nach einer starken Saison für den spanischen Überraschungsdritten FC Girona. Daran konnte Yan Couto allerdings nicht anknüpfen. Wegen seiner taktischen Defizite und vieler individueller Fehler spielte der 22-Jährige meist eine Nebenrolle.
Selbst die Systemumstellung auf Dreierkette, die ihm entgegenkommt, half Couto nur bedingt. Im Sommer werden per Kaufpflicht 25 Millionen Euro fällig. Das ist nach aktuellem Stand keine gute Investition für den BVB.
Das Zeugnis für Yan Couto in einem Satz: Der Rechtsverteidiger konnte sein Potenzial sehr selten andeuten, kostet aber eine Menge Geld. Note: 5,0
Almugera Kabar ist noch keine echte BVB-Alternative
Nach dem Abgang von Tom Rothe zu Union Berlin im Sommer verzichtete Dortmund auf einen Transfer, um Eigengewächs Almugera Kabar den Weg nicht zu verbauen. Der U17-Welt- und Europameister zeigte bei seinen wenigen Einsätzen aber, dass er noch nicht so weit ist.
Der Linksverteidiger wirkte in fünf Spielen phasenweise übermotiviert, sah etwa gegen Augsburg nach Einwechslung Gelb-Rot. Dass Dortmund im Winter den Fehler in der Kaderplanung mit Daniel Svensson korrigierte, sagt alles.
Das Zeugnis für Almugera Kabar in einem Satz: Das Potenzial des Talents in allen Ehren, ist Kabar noch keine ernste Alternative für die BVB-Profis. Note: 4,5
Filippo Mané hat mit Verletzungen zu kämpfen
Filippo Mané gilt beim BVB intern als eines der größten Abwehrtalente seit Jahren. Jedoch stellt seine akute Verletzungsanfälligkeit eine große Karriere infrage. Der Italiener stand diese Saison zwölfmal im Profikader, wartet aber weiter auf sein Debüt.
Kein Zeugnis
Julian Ryerson bleibt die BVB-Dampfwalze
Mit seiner Dynamik und Leidenschaft hätte Julian Ryerson schon vor 30 Jahren beim BVB reingepasst: Die Fans honorieren nach wie vor Spieler, die ihr letztes Hemd für den Klub geben, vielleicht aber nicht das größte natürliche Talent mitbringen. Der Norweger schlägt dabei mit seiner Emotionalität ab und zu über die Strenge, etwa bei seiner unnötigen Gelb-Roten Karte gegen Stuttgart.
Dennoch ist Ryerson unverzichtbar und wird er wahrscheinlich sogar unterschätzt. Sechs Scorerpunkte sind für einen Spieler, der auf Kampfkraft reduziert wird, aller Ehren wert.
Das Zeugnis für Julian Ryerson in einem Satz: Auch in dieser Saison verdiente sich Ryerson den Status des Publikumslieblings mit seinen Leistungen und seiner Art. Note: 2,5
Nico Schlotterbeck war bis zum Verletzungsschock der beste BVB-Spieler
Nach dem Abschied von Hummels hat Nico Schlotterbeck noch einen Schritt nach vorn gemacht. Der Nationalspieler macht weniger Fehler und ist als Persönlichkeit weiter gereift. Als er im Herbst ersatzweise die Kapitänsbinde trug, war das ein Vorgeschmack auf die Zukunft.
Bis zum Verletzungsschock im April war Schlotterbeck ohne größere Zweifel der beste BVB-Spieler der Saison und auf höchstem Niveau unterwegs. Bleibt zu hoffen, dass er es schnell wieder erreichen kann.
Das Zeugnis für Nico Schlotterbeck in einem Satz: Schlotterbeck schaffte in dieser Saison endgültig den Sprung vom Top-Talent zum Leistungsträger und Führungsspieler. Note: 2,0
Daniel Svensson übertraf sämtliche BVB-Erwartungen
Mit der Verpflichtung von Daniel Svensson im Winter wollte sich der BVB breiter aufstellen. Der Schwede galt dabei als Perspektivspieler, der sich zunächst akklimatisieren sollte. Dieser Prozess ging dann aber wesentlich schneller vonstatten, als es sich alle in Dortmund erträumt hätten. Svensson wurde dabei zu einem Liebling von Kovač.
Den Sprung aus Dänemark in die Bundesliga und Champions League nahm der Linksverteidiger mit erstaunlicher Leichtigkeit. Dabei ähnelt er Ryerson, bringt aber noch mehr spielerisches Potenzial mit.
Das Zeugnis für Daniel Svensson in einem Satz: Gemessen am Preis-Leistungs-Verhältnis kann Svensson schon jetzt als einer der besten BVB-Transfers der letzten Jahre gelten. Note: 2,0
Niklas Süle erlebte beim BVB Höhen und Tiefen
Im Sommer 2024 staunte der BVB über „Niklas Süle 2.0“, nachdem sich der Abwehrmann in hervorragendem körperlichen Zustand präsentierte. In der Saison war das aber wegen zwei langen Verletzungspausen nur bedingt bemerkbar. Erst im absoluten Endspurt wurde Süle unter Kovač nochmal wichtig.
Seinem Status als Top-Verdiener von Dortmund mit kolportierten 14 Millionen Euro Gehalt konnte Süle mit insgesamt nur 16 Startelfeinsätzen nicht gerecht werden.
Das Zeugnis für Niklas Süle in einem Satz: Wenn er spielfähig war, waren die Leistungen von Süle in Ordnung – das war aber zu selten der Fall. Note: 4,0
Welche Kaderfragen muss der BVB in der Abwehr beantworten?
Alle Abwehrspieler stehen in Dortmund über den Sommer hinaus unter Vertrag. Bei Couto und Svensson erfolgt nach bisheriger Leihe die Festverpflichtung. Damit sind Mittel von über 30 Millionen Euro gebunden. Schon deshalb wird nicht sonderlich viel passieren, sofern es keine Überraschungen gibt.
Eine solche wäre der zuletzt kolportierte Abschied von Bensebaini zu Olympique Marseille. Zwar sind die angeblich aufgerufenen 20 Millionen Euro Ablöse für einen 30 Jahre alten Profi eine Menge Geld, der Algerier ist aber wegen der Doppelrolle als Außenverteidiger und linkes Glied der Dreierkette besonders wichtig, solange Schlotterbeck ausfällt.
Ein externer Ersatz für den Nationalspieler steht auf der Prioritätenliste wohl recht weit unten. Mit Anton, Bensebaini, Süle und auch Emre Can (der offiziell weiter als Mittelfeldmann geführt wird und deshalb nicht in diesem Teil der Serie von Absolut Fussball behandelt wird) sieht sich Dortmund ordentlich aufgestellt.
BVB sucht wohl Leihstation für Eigengewächs Kabar
Bei Süle wäre ein Abschied theoretisch möglich, weil er aber nirgendwo sonst einen so hoch dotierten Vertrag erwarten kann, dürfte er bis Vertragsende 2026 bleiben. Für Kabar sucht der BVB wohl eine Leihstation, Mané muss zunächst mal über einen längeren Zeitraum fit bleiben und sich vermutlich in der zweiten Mannschaft in der Regionalliga an den Erwachsenenfußball gewöhnen.
Leih-Rückkehrer Soumaïla Coulibaly könnte bei der FIFA Klub-WM den BVB-Kader auffüllen, dürfte aber spätestens danach verkauft werden. Der 21-Jährige machte verletzungsbedingt nur 16 Spiele für Stade Brest, überzeugte aber in der Champions League und hat deshalb einen recht robusten Markt.
Rubriklistenbild: © IMAGO/RHR-FOTO


