Alpen-Phänomen verändert Italiens Grenze im höchsten Skigebiet Europas
VonJohannes Welte
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Am Matterhorn trifft die Schweiz auf Italien. Künftig aber an einem anderen Punkt. Gletscher des höchsten Skigebietes Europas schmelzen und tragen die Grenze davon.
Zermatt/Breuil-Cervinia – Das Matterhorn in der weit über die 4000-Meter-Marke reichenden Bergwelt der Walliser Alpen ist so etwas wie das inoffizielle Markenzeichen der Schweiz. Doch genau über den Gipfel und die benachbarten Gletscher und Kämme verläuft seit Jahrhunderten die Grenze der Eidgenossenschaft zum südlichen Nachbarstaat Italien. Doch der Klimawandel zwingt die beiden Länder jetzt, ihre Grenzlinien am Fuße der 4478 Meter hohen Felspyramide des Matterhorns neu zu ziehen.
Gletscherschmelze am Matterhorn: Italien und Schweiz einigen sich auf neue Grenze in den Alpen
Die beiden Länder haben sich jetzt geeinigt, die Grenze um die Grenzsteine am per Seilbahn erschlossenen Graukopf (Testa Grigia, 3479 Meter), dem benachbarten Gletscherfeld Plateau Rosa, dem Rifugio Carrel am Liongrat (3830 Meter) des Matterhorns und der Gobba di Rollin (3899 Meter) „auf Grundlage ihrer wirtschaftlichen Interessen anzupassen“. In dem Gebiet befindet sich das höchst gelegene Skigebiet Europas, das bis zur Gobba die Rollin reicht und vom italienischen Wintersportort Breuil-Cervinia per Seilbahn über die Station Testa Grigia erreichbar ist. Von Zermatt aus erreicht man das Plateau Rosa über den Trockenen Steg entweder mit der Luftseilbahn Klein Matterhorn oder mit dem Skilift Gandegg.
Der Schweizer Bundesrat hat am Freitag einer Änderung des Grenzverlaufs zum Nachbarland Italien zugestimmt. „Bedeutende Abschnitte der Grenze werden durch die Wasserscheide oder die Kammlinien von Gletschern, Firn oder Dauerschnee definiert“, erklärte die Schweizer Regierung am Freitag (27. September) in einer Pressemitteilung. „Diese Formationen verändern sich aufgrund des Abschmelzens der Gletscher.“ Sobald auch Italien das Abkommen unterzeichnet hat, wird die Grenzbereinigung umgesetzt. Die Schweiz und Italien teilen sich rund 800 Kilometer Landesgrenze. Insgesamt handle es sich bei der angekündigten Bereinigung nur um eine „kleine Korrektur“, so der Schweizer Bundesrat.
Grenze zwischen Italien und der Schweiz verschiebt sich – Skihütte „wanderte“
Die Grenze war bislang durch den Gletschergrat am Plateau Rosa, also der höchsten Kammlinie festgelegt, doch der Gletscher ist zusammengeschmolzen und die höchste Linie hat sich verschoben. Das hatte zur Folge, dass die 1989 auf italienischem Boden erbaute Berghütte Rifugio Guide de Cervinio in 3480 Meter Höhe fast vollständig in die Schweiz „umzog“, was zu Diskussionen und Verwerfungen führte. Plötzlich waren die Behörden im Schweizer Wallis statt die im italienischen Aostatal für Genehmigungen, Steuer etc. zuständig. Laut raonline.ch gibt es aufgrund des Gletscherschwunds insgesamt auf einer Länge von rund 40 Kilometern Verschiebungen beim Verlauf der Grenzlinie.
Beide Länder seien gewillt, ihre gemeinsame Grenze zu bereinigen. Ein entsprechendes Abkommen sei vorbereitet worden. In Italien steht die Bestätigung der Änderungen offiziell noch aus. Die Grenzänderungen wurden grundsätzlich bereits 2023 vereinbart. Alleine der Schweizer Ferienort Zermatt am Fuße des Matterhorn zieht jede Saison Hunderttausende Touristen an. Im vergangenen Jahr verbrachten die Gäste dort insgesamt 2,7 Millionen Nächte, über die Hälfte von ihnen kam aus dem Ausland.
Das Abschmelzen der Gletscher in den Alpen ist alarmierend. Im vergangenen Jahr verloren sie laut CNN vier Prozent ihres Volumens, nur übertroffen vom Rekordverlust von sechs Prozent im Jahr 2022. Dieser Abwärtstrend zeige keine Anzeichen eines Endes, so Matthias Huss, Glaziologe an der Schweizer Universität ETH Zürich und Direktor von GLAMOS, dem Schweizer Gletscherüberwachungsnetzwerk, zu dem US-Sender.
Die Alpengletscher fallen in sich zusammen – und begraben dabei immer wieder Menschen unter sich
„Im Jahr 2024 verlieren die Gletscher weiterhin mit hoher Geschwindigkeit Eis, obwohl es im Winter viel geschneit hat und man davon ausgegangen war, dass dies etwas Erleichterung bringen würde“, sagte Huss bei CNN. „Einige Gletscher fallen buchstäblich auseinander, kleine Gletscher verschwinden.“
Bergstürze, Erdbeben, Lawinen: Die größten Naturkatastrophen der Alpen
Selbst bei den ehrgeizigsten Klimaschutzmaßnahmen könnten bis 2100 bis zur Hälfte aller Gletscher weltweit verschwunden sein. Dadurch werde die Landschaft instabiler und anfälliger für gefährliche Erdrutsche und Einstürze. Im Jahr 2022 verloren elf Menschen an der Marmolata in den italienischen Dolomiten ihr Leben, als ein Gletscher abstürzte. Das Eis in den Dolomiten zieht sich weiterhin dramatisch zurück. Im Mai dieses Jahres geriet im Engadin eine deutsche Wandergruppe in eine Eislawine, ein Mann starb.
Der Gletscherschwund sorgt auch für grausige Funde in den Alpen
Die Verschiebung nationaler Grenzen sei „eine kleine Nebenwirkung“ des Gletscherschmelzens, so Huss. Aber wenn die Menschen sehen könnten, dass es „unmittelbare Auswirkungen auf unsere Weltkarte hat“, fügte er hinzu, würden die immensen Veränderungen einer sich erwärmenden Welt viel deutlicher sichtbar.
Schrumpfende Gletscher führen auch zu grausamen Entdeckungen. Letztes Jahr wurden nahe des Matterhorns die Überreste eines Bergsteigers geborgen, der 37 Jahre zuvor bei einer Wanderung verschwand. Mit ihrem Rückgang verlieren die Gletscher auch ihre wichtige Rolle als Süßwasserlieferant, was den Wassermangel bei Hitzewellen noch verschärfen könnte.