IPPEN-Serie: Fünf Jahre Corona

Babyboomer besonders anfällig – warum „Querdenken“ während Corona eskalierte

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„Maulkorb“, „Diskriminierung“, „Mord“: Die Vorwürfe und Verschwörungstheorien während der Corona-Pandemie waren extrem. Wurden Menschen, die sich in krude Thesen geflüchtet haben, nicht richtig abgeholt?
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Familien haben sich entzweit, Menschen das Vertrauen in die Politik verloren. Corona hat tiefe Gräben gerissen. Wie geht man jetzt mit Querdenken um?

+++ 15. März 2021: Die Polizei Dresden spricht von einer spürbar „zunehmenden Frustration über den Staat und eine Radikalisierung auf der Straße“ bei Corona-Protesten. +++

Frankfurt – „Sind Sie etwa für Corona?“ Nur Wochen nach Beginn der Pandemie gingen Tausende „Corona-Gegner“ auf die Straßen. Gegen ein lebensbedrohliches Virus lässt sich aber nicht protestieren, Wut und Kritik galten den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie.

Corona entfachte Proteste: Wieso war Querdenken plötzlich so verbreitet?

Die Welle der Wut türmte sich in der Corona-Pandemie bemerkenswert schnell auf. Verschwörungstheorien machten in außergewöhnlicher Zahl außergewöhnlich weite Runden. Wieso?

„Mehrere Faktoren haben den Effekt währende der Corona-Pandemie verstärkt“, sagt Diplom-Pädagogin Sarah Pohl von der Beratungsstelle ZEBRA-BW zu IPPEN.MEDIA. „Die Pandemie ging sehr nah und hat uns alle betroffen.“ Auswirkungen und Maßnahmen waren allgegenwärtig.

Was ist ZEBRA-BW?

ZEBRA-BW bietet eine neutrale Anlaufstelle für Weltanschauungsfragen. Menschen, deren Angehörige etwa Sekten oder Verschwörungstheorien verfallen, können sich hier auch gemeinsam beraten lassen. Das Leitbild: „Nicht alles ist schwarz-weiß.“ ZEBRA-BW will aufklären, nicht diktieren und „Ratsuchende dazu befähigen, selbst kritisch zu urteilen“. Gefördert wird das unabhängige Angebot vom Kultusministerium Baden-Württemberg.

Pädagogin erklärt, was Menschen während Corona zerriss: „Kampf der Grundbedürfnisse“

Vor allem neue Corona-Maßnahmen und Einschränkungen lösten heftige Reaktionen aus, erinnert sich Pohl. „Freiheit ist für viele ein hoher Grundwert. Die Sorge darum hat viele zu Querdenken hingezogen. Es war wie Ping-Pong: Stärkere Verbote führten zu stärkeren Einwänden.“ Es entstand „ein Kampf der Grundbedürfnisse. Freiheit versus Sicherheit.“

Anders als bei abstrakten Verschwörungstheorien wie etwa zur Mondlandung ließ sich gegen Corona-Maßnahmen auch ganz konkret rebellieren. „Masken und Impfungen waren reale Gegenstände mit praktischer Relevanz, die aktiv abgelehnt werden konnten“, sagt Pohl. „So ist aus Theorie Verschwörungspraxis geworden.“

Sarah Pohl leitet die Beratungsstelle ZEBRA in Baden-Württemberg. Sie ist Diplom-Pädagogin, Paar- sowie Familientherapeutin, Heilpraktikerin für Psychotherapie und plädiert dafür, Menschen nicht für ihre Meinung zu verurteilen.

Die Pandemie stürzte die ganze Welt in eine Ausnahmesituation, die schwer zu greifen war. Jeden Tag neue Infektions- und Todeszahlen, ohne einen Weg aus der Krise zu sehen. „Die Ungewissheit war für viele schwer auszuhalten“, sagt Pohl, „das macht Erklärungen attraktiv, die die Komplexität rausnehmen und einen Sündenbock benennen. Verschwörungstheorien sind wie eine Krücke.“

Expertin über Corona-Streit: „Querdenken-Szene wollte grundsätzlich sicherlich nichts Böses“

„Die Querdenken-Szene wollte grundsätzlich sicherlich nichts Böses“, da ist Pohl überzeugt. Trotzdem folgte „eine heikle Entwicklung mit Risikopotenzial“. Auf Corona-Demos wurden Abstandsregeln nicht eingehalten und Masken bewusst abgelehnt oder teils durch Zwiebelnetze ersetzt. Dabei steht eins außer Frage: Mehr Ansteckungen führten zu mehr Todesfällen.

IPPEN-Serie: Fünf Jahre Corona

In der Serie zum fünften Jahrestag der Corona-Pandemie spricht IPPEN.MEDIA mit Menschen, die die Pandemie aus verschiedenen Blickwinkeln erlebt, durchlebt und größtenteils noch lange nicht abgeschlossen haben. Auf der Suche nach Folgen, Lehren und der Aufarbeitung.

Im Moment lesen Sie Teil 4 der Serie. Lesen sie auch …

… Teil 1: Hier zieht Virologe Hendrik Streeck Bilanz und spricht über Folgen, Lehren und die Zukunft nach Corona.

… Teil 2: Über den womöglich größten Fehler in der Corona-Pandemie und seine Folgen für Kinder.

… Teil 3: Über den „aussichtslosen Kampf“ Tausender Corona-Geimpfter.

… und Teil 5: Über ein „komplett überfordertes Gesundheitssystem“ und die prekäre Lage Tausender Betroffener von Long Covid.

Gegen Masketragen, Abstandhalten und den Lockdown. Mobil gemacht hatten in erster Linie selbsternannte „Querdenker“, erreicht haben sie viele Menschen mit esoterischen Ansichten oder besorgte Eltern. Aber schon bald mischten Rechtsextreme und Verschwörungsanhänger mit. Teile der Querdenken-Bewegung gerieten unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. „Corona-Gegner“ in eine Schublade zu stecken, wäre allerdings falsch.

Während Corona-Pandemie enorm sichtbar: Babyboomer anfälliger für Verschwörungstheorien

Die meisten Betroffenen, die sich bei der Beratungsstelle gemeldet hatten, waren laut Pohl erwachsene Kinder wegen ihrer Eltern. Ältere Menschen scheinen anfälliger für Verschwörungserzählungen zu sein. Die ZEBRA-BW-Leiterin ordnet ein: „Die Generation der Babyboomer hat weniger Medienkompetenz, wie Studien zu Fake-News zeigen. Digital Natives haben ein anderes Bewusstsein für Nachrichten im Internet entwickelt.“

Eine Studie von Princeton University und New York University stellte beispielsweise schon 2019 heraus, dass Personen über 65-Jahren durchschnittlich siebenmal so viele Inhalte mit Fake-News teilten, als Menschen unter 30. Laut einer Erhebung der Forschungsgruppe gdp haben Gen Z und Millennials dabei auch mehr Vertrauen in sich selbst. In der Studie von 2022 schätzte über die Hälfte der jüngeren Befragten Fake-News im Internet als (leicht) erkennbar ein. Unter Babyboomern sagten 45 Prozent, Fake-News seien für sie eher nicht erkennbar oder sogar überhaupt nicht erkennbar.

Fest steht trotzdem: „Den prototypischen Querdenker gibt es nicht.“ Pohl erklärt: „Links, rechts, sozial besser gestellt … es war eine Einheit im Dagegensein.“

Corona-Theorien hatten teils reale Folgen: Kinder weggenommen, Chlordioxid zu trinken gegeben

Und dieses Dagegensein entlud sich nicht nur in Protest gegen die Politik. Familien und Freunde zerbrachen teils an den Corona-Verschwörungstheorien. Bei manchen Betroffenen sind die Gräben laut Pohl so tief, dass bis heute kein Kontakt mehr besteht. „Schlimme Eskalationen wurden tatsächlich tätlich“, erklärt sie. „Beispielsweise wurden die Kinder weggenommen, weil der Partner sie impfen lassen wollte. In einem Fall wurde einem Kind Chlordioxid zu trinken gegeben.“ Um Chlordioxid kursierte damals eine Erzählung, es sei ein Corona-Heilmittel, die sogar Wieder-US-Präsident-Trump geteilt hatte.

Die Risse, die Corona hinterlässt, sind tief. Familien haben sich entzweit, das Vertrauen in Wissenschaft und Politik hat gelitten. Und Pohl betont: „Dass es keine Proteste mehr gibt, heißt nicht, dass das Denken weg ist.“

Wie heilt man die Risse, die von Corona übrig geblieben sind?

Heute, fünf Jahre nach der Pandemie, wurden die Wunden noch lange nicht geheilt. „Um das Vertrauen in die Politik wiederherzustellen, bräuchte es einen anderen Umgang miteinander und Selbstreflexion“, moniert Pädagogin Pohl und merkt an: „Das ist im Großen wie im Kleinen.“

Was tun, wenn ein Angehöriger abgedriftet ist? Es sei wichtig, den Kontakt mit Personen zu halten, die Verschwörungstheorien verfallen. Und noch wichtiger, sie nicht zu verurteilen, erklärt die Therapeutin. Man dürfe einen Mensch nicht mit einer Meinung verwechseln. Außerdem brauche es Geduld: „Von Verschwörungstheorien wegzukommen, ist ein Weg. Zum Vergleich: Das ist wie jemand, der sich ungesund ernährt. Wir machen Spinat schmackhaft. Und helfen möglichst, alles ein bisschen mehr zu hinterfragen.“

In der Pandemie war eine Überforderung da. Das muss man gründlicher aufarbeiten als bislang.

Pädagogin Sarah Pohl über die Reaktion auf Corona.

„Menschen, die sich gehört fühlen, werden leiser“, betont Pohl. Und das sollte sich auch die Politik zu Herzen nehmen. „Im Großen sollten Selbstverantwortung und Selbstkritik vorgelebt werden. Das würde massiv Vertrauen wiederaufbauen. Da kann die Politik viel aus der Paarberatung lernen“, rät sie. Dass die Corona-Aufarbeitung stockt, hilft da aktuell natürlich nicht. „In der Pandemie war eine Überforderung da. Das muss man gründlicher aufarbeiten als bislang. Ein Schuld-Spiel hilft dabei allerdings nicht.“

Der Grundsatz gilt: „Zum Streit gehören zwei und eine Versöhnung müssen beide wollen.“ (moe)

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