„Sehr untypisch“

Forscher analysieren ungewöhnliche Eigenschaft von Depressionen – mit verblüffendem Ergebnis

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Krankenkassendaten belegen, dass die Depressionszahlen kontinuierlich ansteigen. Mehrere Studien deuten auf einen interessanten Effekt hin. Kann das stimmen?

Immer mehr Menschen in Deutschland sind aufgrund von Depressionen krankgeschrieben. Das zeigen Daten der Krankenkassen, unter anderem der DAK. Vergangenes Jahr gab es 50 Prozent mehr Fehltage durch Depressionen als 2023, deutlich mehr als wegen anderer psychischer Krankheiten (wie zum Beispiel dem Burn-out).

Sind Depressionen ansteckend? Ein Forschungsteam von der Universität Bergen in Norwegen stellt sich aktuell diese Frage und wertet Daten von 230.000 Jugendlichen zwischen 16 und 19 Jahren aus. „Wir finden Hinweise auf einen echten Ansteckungseffekt“, sagt einer der Autoren, Julian Johnsen, in einem Artikel der Zeit zu dem Thema, der auf Reddit für Diskussionen sorgt.

Ein Mann berichtet, dass er selbst das Gefühl gehabt habe, sich bei seiner depressiven Partnerin, mit der er neun Jahre zusammengelebt hatte „anzustecken“. Ein weiterer findet es logisch, da die „Psyche nicht hermetisch abgeriegelt“ sei. „Selbstverständlich wirken sich das Umfeld und die gemachten Erfahrungen auf einen aus.“ Andere sehen eine Ansteckung skeptisch: Da es keinen klassischen Erreger gebe, sei es „erstmal sehr untypisch“, kommentiert eine Person.

Ansteckungspotential von Depressionen: „Sozial-infektiöse Effekte“

Studien aus Dänemark und Finnland haben das Ansteckungspotential und die Verbreitung von Depressionen bereits untersucht und einen statistischen Zusammenhang festgestellt. Diesem wollten die Forschenden aus Norwegen nun nachgehen. Ihre neuen Untersuchungen zeigen: Wenn in einer Schulklasse zehn Prozent aller Schüler und Schülerinnen eine psychiatrische Diagnose hatten, lag die Wahrscheinlichkeit dafür, dass ein weiteres Kind später wegen psychischer Probleme seinen Hausarzt aufsuchte, um 0,7 Prozent höher, als wenn es nur vier Prozent waren. Ein verschwindend geringer Unterschied.

„Ich halte sozial-infektiöse Effekte auf die Zahl der Diagnosen, nicht aber auf die Zahl der tatsächlich an Depression Erkrankten für naheliegend“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Professor Ulrich Hegerl, BuzzFeed News Deutschland von Ippen.Media. Er leitet das Deutsche Bündnis gegen Depression und die European Alliance Against Depression und kann sich einen wirklichen Ansteckungseffekt, unter anderem aufgrund seiner langjährigen Erfahrung in der Psychiatrie und Psychotherapie kaum vorstellen.

Sind Depressionen ansteckend? (Symbolbild)

Depressionen: Psychiater erklärt Ansteckungseffekt in norwegischer Studie

Entscheidend, um an einer Depression zu erkranken, sei die „vererbte oder erworbene Veranlagung“, erklärt Hegerl BuzzFeed News Deutschland. „Menschen ohne diese erkranken auch bei sehr schweren Lebensumständen nicht an einer Depression, auch nicht über Ansteckungseffekte.“ Studien über die Bevölkerung hätten gezeigt, dass die Anzahl der Erwachsenen mit Depressionen gleich geblieben ist. Was zugenommen habe, sei die Zahl der Depressions-Diagnosen. Das liege daran, dass sich der Wissensstand der Betroffenen und der Hausärzte verbessert und das Stigma abgenommen habe.

Auf diese Weise erklärt sich der Psychiater den festgestellten Ansteckungseffekt in der norwegischen Studie: Gebe es im näheren Umfeld Erkrankte, so führe das zu einem besseren Wissensstand über Hilfsangebote, was die Zahl der Diagnosen im Umfeld von Erkrankten erhöhen könne. Eine Gefahr, dass durch viele depressive Mitschüler in einer Klasse Kinder angesteckt werden könnten, sieht er daher nicht – im Gegenteil. „Dies dürfte das Verständnis für diese häufige Erkrankung verbessern und entstigmatisierend wirken.“

Rubriklistenbild: © IMAGO/Michael Bihlmayer

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