VonJana Stäbenerschließen
Ein Unternehmer testet T-Shirts für sieben, zwölf und 80 Euro. Das Ergebnis überrascht ihn – laut Textilexpertin hat er jedoch ein „entscheidendes“ Detail nicht bedacht.
Er habe eine „tiefgründige Erkenntnis“, schreibt Torleif Markussen Lunde auf LinkedIn im Anschluss an ein Experiment, das er vor zwei Jahren gestartet hat. Der Norweger hat sich 2023 drei weiße T-Shirts gekauft. Eines von der norwegischen nachhaltigen Marke Livid (umgerechnet 80 Euro), eines von Uniqlo, (10 Euro), und eines von H&M (7 Euro). Jedes davon habe der Unternehmer 100-mal getragen und wöchentlich gewaschen.
Lunde berät Start-ups in Sachen nachhaltige und erfolgreiche Geschäftsmodelle. Entsprechend verblüfft ist er vom Ergebnis seines T-Shirt-Experiments: „Ironischerweise bekam das teuerste und angeblich nachhaltigste Shirt nach nur drei Wochen sein erstes Loch“, schreibt er über das Livid-Bio-Baumwollshirt. Das T-Shirt von H&M habe länger gehalten, aber franse ebenfalls am Kragen aus. Das Uniqlo-Shirt sehe hingegen fast aus wie neu. „Das Unangenehme daran“: Es bestehe zu 50 Prozent aus Baumwolle und zu 50 Prozent aus Polyester – Material, das nicht gerade für seine Nachhaltigkeit bekannt sei.
T-Shirt-Experiment mit H&M und Co: Welche Rolle spielt Langlebigkeit?
„Was genau bedeutet Nachhaltigkeit, wenn nachhaltig hergestellte Kleidungsstücke nicht lange halten?“, fragt Lunde.
„Langlebigkeit ist ein wichtiger, vielleicht sogar der wichtigste Parameter für Nachhaltigkeit“, sagt Brigitte Zietlow BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Aber: „Entscheidend“ sei auch, wie einfach ein Kleidungsstück recycelt werden könne, wie viel Energie es in der Herstellung verbrauche, welche Chemikalien eingesetzt würden, wie sozial es hergestellt werde und was es beim Waschen an die Umwelt abgebe, erklärt die Textilexpertin vom Umweltbundesamt (UBA).
Bei dem langlebigen Uniqulo-T-Shirt aus dem T-Shirt-Experiment des Norwegers sei es wahrscheinlich, dass die synthetischen Fasern Mikroplastik an die Umwelt abgeben. Und das Recycling könne hier schwierig werden, weil die „Trennung der Fasern bei Mischgeweben aufwendig“ sei. „Monomaterialien sind da die bessere Wahl“, sagt die Co-Autorin einer UBA-Studie, in der es um die Langlebigkeit und Nutzungsdauer für die Nachhaltigkeit von Bekleidung geht.
Allgemein greife das Experiment zu kurz: Ob ein T-Shirt lange halte oder im Müll lande, hänge nicht nur vom Material ab, sondern auch von der Machart. „Textilien aus synthetischen Fasern sind in der Regel sehr langlebig, aber auch Baumwolle kann je nach Verarbeitung lange halten. Hier spielt die Konstruktion des Textils eine Rolle: Leichtgewichtige Baumwollshirts sind anfälliger für Löcher“, erklärt sie. Kunden und Kundinnen könnten dies beim Anfassen erfühlen. „Dass Bio-Baumwolle weniger lange hält, dafür gibt es keinerlei Anhaltspunkte“, widerspricht sie dem Vergleich von H&M- und Livid-T-Shirt.
Nachhaltige Textilien: „Früher war es selbstverständlich, ein Loch zu stopfen“
Das T-Shirt-Experiment sei spannend, weil zurzeit auf europäischer Ebene Studien durchgeführt würden, um Mindestanforderungen für die Langlebigkeit von Textilien zu formulieren. Zum Beispiel Nahtfestigkeit, Farbbeständigkeit und andere Parameter. „Ziel ist es, Mindestkriterien zu definieren, um besonders schlechte Textilien vom europäischen Markt fernzuhalten“, sagt die Textilexpertin BuzzFeed News Deutschland.
„Ein wichtiger Schritt, denn es gibt zwar bereits freiwillige Labels wie GOTS, Blauer Engel oder EU-Umweltzeichen, die Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigen. Aber es fehlen verbindliche Mindestkriterien, die sicherstellen, dass Fast-Fashion-Produkte mit schlechter Haltbarkeit vom Markt verschwinden.“
Abgesehen von solchen Labels, die es uns einfacher machen, langlebige Textilien zu erkennen, wünscht sich Zietlow, dass Kundinnen und Kunden Kleidung wieder öfter reparieren. „Früher war es selbstverständlich, ein Loch zu stopfen, doch heute können das viele nicht mehr oder machen es einfach nicht.“ Auch Second-Hand-Kleidung sei eine tolle Möglichkeit, nachhaltig einzukaufen. Wenn ein gebrauchtes Kleidungsstück immer noch gut aussieht, dann hält es auch noch weitere Waschzyklen aus – und es entsteht kein neuer ökologischer Fußabdruck.“
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