VonMoritz Bletzingerschließen
Wieso ist das Tauchboot „Titan“ auf Titanic-Expedition implodiert? U-Boot-Pilot Philippe Epelbaum meint, bis dahin habe OceanGate-Milliardär Stockton Rush einfach Glück gehabt.
München/Engelberg – Fünf Menschen sind tot. Sie wollten das Wrack der Titanic sehen und stiegen dafür in das Tauchboot „Titan“. Es implodierte keine zwei Stunden nach dem Abtauchen. Über eine Woche später wurden die zerquetschten Trümmer geborgen. Keine Überlebenschance für die Passagiere.
Wie sind die Titanic-Reisen so lange gut gegangen? Schweizer U-Boot-Experte meint, OceanGate hatte Glück
Zahlreiche ehemalige Titanic-Touristen schilderten, das Mini-U-Boot wirke improvisiert und unsicher. Aber wie kann es sein, dass die Tauchkapsel Marke Eigenbau die Titanic-Fahrt mehrfach überstand, jetzt aber komplett versagte?
Offenbar hat Betreiber Stockton Rush bis zur Todesfahrt, bei der er ebenfalls an Bord war, mehrfach Glück gehabt, sagt Philippe Epelbaum im Gespräch mit Merkur.de von IPPEN.MEDIA. Der 60-Jährige betreibt das einzige U-Boot für Schweizer Seen und bietet mit seiner Firma Subspirit Tauchgänge für Touristen an.
„Titan“-Tauchkapsel wurde nie geprüft: „Keine Zertifizierungsgesellschaft bereit, es zu zertifizieren“
„Im Grunde genommen ist es insofern Glückssache, als dass er sich beim Material auf keinerlei Erfahrungswerte stützen konnte“, sagt Epelbaum. Der Schweizer erklärt: „Es wurde noch nie aus so einem Material ein U-Boot gebaut, deshalb war auch keine Zertifizierungsgesellschaft bereit, es zu zertifizieren.“
Tatsächlich ging die „Titan“ ohne Qualitätssiegel auf Titanic-Mission. Es gibt kein unabhängiges Gutachten für das Mini-U-Boot. Dementsprechende Berichte der DailyMail bestätigten sich. Vor drei Jahren hatte Rush die Tauchkapsel vorgestellt, präsentierte aber keine Testmöglichkeit. „Titan“ sei so innovativ, um einen Anbieter zu finden, der die Zertifizierung vornehmen könnte, hätte der OceanGate-Gründer Jahre warten müssen.
Im Unterschied zu anderen Tauch-Gefährten, besteht der Druckkörper der „Titan“ nicht aus Metall, sondern aus Karbon-Fasern.
OceanGate-Boss „hat es einfach durchgezogen“: Wurde Stockton Rush seine Titanic-Passion zum Verhängnis?
„Ein U-Boot muss zwingend aus Materialien gebaut sein, die den Druckverhältnissen auf Maximaltiefe standhalten“, sagt Epelbaum. Und: „Ein Sicherheitsfaktor muss dazu gerechnet werden.“ Dass die Kohlefasern halten, da war sich Rush sicher. Auf Tests konnte er sich aber nicht berufen, geschweige denn, einen Sicherheitsfaktor aufrechnen.
„Die ‚Titan‘-Tauchkapsel hatte keine Zertifizierung. Der Betreiber hat es einfach durchgezogen in internationalen Gewässern, hat das ganze Risiko auf sich genommen“, hält Epelbaum fest. Rush wollte zur Titanic und in internationalen Gewässern gibt es keine Behörde, die ihm das mit seinem U-Boot untersagen könnte.
Ist dem Milliardär seine Passion zum Verhängnis geworden? „Wenn Sie so etwas machen, brauchen Sie, um Risiken auszuschließen, immer einen unabhängigen Experten, der das überprüft“, sagt Epelbaum, „wenn Sie selbst bauen, könnten Sie das durch eine rosarote Brille sehen. Es ist wichtig, dass jemand daneben ist, der nicht voreingenommen ist.“ Als „Spinner“ möchte Epelbaum den „Titan“-Erfinder trotzdem nicht bezeichnen, er sieht ihn eher als wagemutigen Pionier.
Plötzlich kam es zur Implosion: Gab es eine Sicherheits-Checkliste für die „Titan“? Inspektionen zwingend notwendig
Der Subspirit-CEO vermutet, dass die „Titan“ dem Druck unter Wasser nicht gewachsen war. Dafür spricht, dass es allem Anschein nach zu einer Implosion kam. Daran glaubt auch Epelbaum: „Wäre Wasser über ein kleines Leck eingetreten, hätten die Geräte noch lange genug funktioniert, dass die Crew einen Notfall hätte melden können. Der Kommunikationsabbruch kam aber schlagartig. Das spricht für eine Implosion.“
Die Bilder zum Drama um das Titanic-U-Boot: Das letzte Foto der „Titan“ – und die ersten Trümmer




Er fügt hinzu: „Wenn die bisherigen Erkenntnisse stimmen, dass es zu einer Implosion gekommen ist, würde ich schwer davon ausgehen, dass das Material dem Druck nicht gewachsen war.“ Kleine Schäden von früheren Tauchgängen könnten übersehen worden sein. „Verformungen müssen nicht sichtbar sein. An den Sollbruchstellen können sie aber auftreten und genau an diesen Stellen bricht das U-Boot dann“, erklärt der erfahrene U-Boot-Pilot.
Passagierflugzeuge, die ebenfalls großen Druckbelastungen standhalten müssen – nur eben in umgekehrter Form wie ein U-Boot – werden deshalb regelmäßig geröntgt oder mit Ultraschall untersucht. Ähnlich sollte es auch mit den Unterwasser-Gefährten gehandhabt werden. „Im laufenden Betrieb sprechen wir nicht von Prüfungen, sondern von zwingend notwendigen Inspektionen“, sagt Epelbaum, „manche Inspektionen sind Teil der Checklisten und müssen daher vor jedem Einsatz durchgeführt werden, andere beispielsweise monatlich.“ Welche Checklisten OceanGate für die „Titan“ einhielt, oder ob es überhaupt welche gab, ist nicht bekannt. Juristen rechnen mit „gewaltigen Schadensersatzforderungen“ gegen OceanGate. Daran ändern auch Verzichtserklärungen und der Tauchgang in internationalem Gewässer nichts. (moe)
Rubriklistenbild: © Oceangate Expeditions/picture alliance/dpa/PA Media/fkn


