VonCarolin Gehrmannschließen
Kälte kann eine gesundheitsfördernde Wirkung haben und sogar beim Abnehmen helfen. Doch es kommt dabei, wie so oft, auf die Dosis an. Sonst droht womöglich der nächste Infekt. Denn auch Viren mögen tiefe Temperaturen.
Bremen – Dass es im Winter draußen kalt ist und sogar zu Kälte-Knallern kommt, weiß jedes Kind. Doch in diesem Jahr ist durch die Energiekrise vieles ein wenig anders als sonst und wir frieren teilweise nicht nur draußen, sondern auch drinnen. Heizenergie ist zum teuren Gut geworden, in öffentlichen Gebäuden wurden die Heizungen deshalb schon heruntergedreht. Doch kann man dem Frieren eventuell auch etwas Positives abzugewinnen? Ja, sagen einige Wissenschaftler. Zumindest aus medizinischer Sicht können sich Kältereize positiv auf den Organismus auswirken.
Kälte in gewissem Maß hat eine gesundheitsfördernde Wirkung und hilft, Gewicht zu verlieren
„Thermogener Lebensstil“ nennt das der Münchner Biomediziner Alexander Bartelt gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa). Wer über den Tag verteilt immer mal wieder ein wenig friert, rege so seinen Stoffwechsel an und kann auf diese Weise sogar Gewicht verlieren, erklärt der Experte. Doch das richtige Maß ist dabei entscheidend. Denn übermäßige Kälte wiederum hat einen negativen Effekt auf unsere Gesundheit und kann dazu führen, dass wir schneller krank werden oder uns sogar schlechter konzentrieren können. Denn auch unser Gehirn reagiert auf Kälte – zumindest für eine bestimmte Gruppe Menschen konnte das nachgewiesen werden.
Ist Kälte gesund? Sport im Freien bei niedrigen Temperaturen führt zu kürzerer Krankheitsdauer
Sport im Freien ist hingegen auch bei kühleren Temperaturen gesund und stimuliert die Immunabwehr. Denn es werden dadurch verstärkt bestimmte Hormone ausgeschüttet, die Entzündungsmechanismen im Körper herunterregulieren. Auch die weißen Blutkörperchen vermehren sich – und bilden somit eine stärkere Armee gegen eindringende Krankheitserreger, wie Dr. Heinz-Wilhelm Esser im WDR-Gesundheitspodcast „Frag dich fit“ erklärt.
Für das klassische „Abhärten“ durch Kälte, sodass man gar nicht mehr krank werde, gebe es aus wissenschaftlicher Sicht zwar noch keine eindeutigen Belege. Doch konnte inzwischen nachgewiesen werden, dass sich durch Training bei tiefen Temperaturen die Krankheitsdauer von Erkältungen zumindest verkürzen lässt. Bei Menschen, die nicht im Freien trainieren, beträgt diese durchschnittlich 7,5 Tage. Wer sich regelmäßig bei Kälte sportlich betätigt, der könne die Dauer des Infekts auf rund 5,2 Tage reduzieren, sagt der Experte.
Die Kälte lässt Krankheitserreger unempfindlicher werden – deshalb werden viele Menschen im Winter krank
Im Innenraum sollte man allerdings eine „Wohlfühltemperatur“ von mindestens 20 Grad haben, damit man nicht auskühlt. Kälte an sich mache zwar nicht krank, aber sie komme Viren, wie beispielsweise dem Influenza-Virus, entgegen. Denn es wurde nachgewiesen, dass die Hülle dieses Erregers bei tiefen Temperaturen in einen gelartigen Zustand übergeht, was das Virus viel unempfindlicher für Einflüsse von außen werden lässt. Das ist auch der hauptsächliche Grund, warum so viele Menschen in den Wintermonaten krank werden. Dazu komme der Aspekt, dass man in der kalten Jahreszeit wieder vermehrt in Innenräumen zusammen sitzt und so die Erreger weitergibt.
Kälte im Büro: Frieren führt dazu, dass sich Frauen schlechter konzentrieren können
Bei sitzender Tätigkeit im Büro oder leichten Arbeiten sollte die Temperatur am Arbeitsplatz mindestens 20 Grad oder mehr betragen, empfiehlt Dr. Esser. In einer Studie konnte nämlich nachgewiesen werden, dass die kognitive Leistungsfähigkeit bei Frauen immer weiter sinkt, je tiefer die Temperaturen fallen. Bei hohen Temperaturen nahm ihre Leistungsfähigkeit hingegen zu – ganz im Gegensatz zu den ebenfalls untersuchten Männern, deren Gehirne mit Hitze nicht so gut zurechtkamen. Die Männer konnten wiederum bei niedrigen Temperaturen besser performen, wie die Wissenschaftler Tom Y. Chang und Agne Kajackaite herausfanden. Die Temperaturen riefen in den Gehirnen der Probanden also jeweils sehr unterschiedliche Reaktionen hervor.
Und wie war das doch noch? Durch Kälte kann man abnehmen, ganz ohne sich zu bewegen? Das ist zwar richtig, jedoch muss man dazu einiges beachten. Denn es geht dabei nicht um dauerhaftes, krankmachendes Frieren, sondern um kurze, über den Tag verteilte Kältereize. Wer immer mal wieder Kälte bewusst spürt, ohne dabei auszukühlen, der kann so ungefähr ein Kilo pro Jahr abnehmen, erklärt Professor Bartelt. Der Grund dafür ist das sogenannte braune Fettgewebe, das durch die Kältereize aktiviert wird. Es befindet sich dort, wo es schnell das Blut wärmen kann, beispielsweise um größere Blutgefäße herum. Ist es aktiv, schmilzt auch das weiße Fettgewebe ab, das sich beispielsweise in Pölsterchen um die Hüften befindet.
Durch kurze Kältereize wird der Stoffwechsel angeregt – aber möglichst ohne zu frieren
Mit 100 bis 150 Gramm habe ein Erwachsener allerdings relativ wenig braunes Fett, und mit dem Alter nehme dessen Aktivität auch noch ab, sagte Bartelt. Anregen könne man es, indem man beispielsweise anstelle der dicken Daunenjacke vielleicht nur eine Daunenweste anziehe, sodass Teile des Körpers Kälte fühlen und der Körper den Stoffwechsel und damit das braune Fett aktivieren muss. Auch kalte Duschen und Kneipp-Kuren mit kaltem Wasser tragen laut Bartelt dazu bei. „So lange man nicht friert, aber die Kälte spürt, ist das ok“.
Durch regelmäßige Saunagänge wird man unempfindlicher gegenüber starken Temperaturen
Eisbaden dagegen sei ein extremer Reiz und sollte höchstens von sehr gesunden Menschen absolviert werden. Übertreiben solle man mit den Kältereizen nicht, das gelte auch bei Bürotätigkeiten, so der Experte. Die Thermoregulation lasse sich aber auch trainieren, wie Dr. Esser betont, zum Beispiel durch regelmäßige Saunagänge. Wenn man aus der Wärme kommt, kühle man sich anschließend ja ebenfalls im Eisbecken ab, was uns nicht nur unempfindlicher gegenüber Kälte werden lässt, sondern auch eine Wohltat für Körper und Seele darstellt.
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