Der italienische Zivilschutzchef schockt die Bewohner des Supervulkans mit einer neuen provokanten Aussage. Die Emotionen vor Ort kochen.
Pozzuoli – Am Supervulkan der Phlegräsiche Felder im Süden Italiens liegen die Nerven blank. Einmal mehr hatten die Bewohner der Caldera eine schlaflose Bebennacht hinter sich – die schlimmste seit Langem. Mit einer Magnitude von 4,4 traf das stärkste Erdbeben der Neuzeit die Supervulkan-Region. Dazu bedrohen CO-2-Ausgasungen aus dem Boden des Supervulkans die Menschen.
Nachdem in Pozzuoli bereits eine Schule wegen Erstickungsgefahr in der Turnhalle und im Erdgeschoss geschlossen wurde, ordneten jetzt die Behörden im benachbarten Neapel die Schließung der Hotelfachschule in der via Terracina an, nachdem dort ungewöhnlich hoher Kohlendioxidausstoß gemessen. Im gleichen Schulkomplex war 2018 ein Aufzugmonteur im Schacht erstickt, wegen Kohlendioxidansammlungen.
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Lage am Supervulkan in Italien spitzt sich zu: Erstickungsgefahr in Schulen
In der Nähe befindet sich der Agnano-Krater des Supervulkans, der vor Ort wegen der „Hundegrotte“ berüchtigt ist, in der man in vergangenen Jahrhunderten Hunde zur Belustigung von Touristen auf Italien-Urlaub im Kohlendioxid ersticken ließ, das sich dort am Boden ansammelt. Italiens Zivilschutzchef Fabio Ciciliano warnt vor Ort: „Die Schule liegt ganz in der Nähe des Krankenhauses San Paolo und deshalb führt das Gesundheitsamt auch dort umgehend eine Inspektion durch, um die CO₂-Menge festzustellen.“ Auch die U-Bahn von Neapel soll wegen des CO₂.-Gefahr überwacht werden, das wurde im Stadtrat beantragt.
Zivilschutzchef Fabio Ciciliano hielt sich am Montag (10. März) in Neapel auf, um dort mit dem Stadtrat über die Situation am Supervulkan zu sprechen, der im Westen weit in das Stadtgebiet ragt. Draußen vor dem Castel Nuovo, in dem der Stadtrat tagte, wurde Ciciliano von wütenden Demonstranten empfangen, die ein Transparent aufgerollt hatten, auf dem stand: „Wir wollen nicht die Toten zählen.“ Der Zivilschutzchef hatte Mitte Februar die Bewohner der Phlegräischen Felder erzürnt, als er bei einer Bürgerversammlung nach einer langen und heftigen Bebenserie die Frage eines Einheimischen, der fragte, was bei einem beben der Stärke 5 passieren würde, mit den Worten antwortete: „Da stürzen Häuser ein und wir vom Zivilschutz zählen die Toten.“
Italiens Zivilschutzchef sorgt mit unsensibler Erdbeben-Aussage für Empörung in der Bevölkerung
Experten halten ein Beben dieser Stärke im Supervulkan jederzeit für möglich, die Bürger fühlen sich aber vom Staat alleine gelassen, was den Schutz vor den Gefahren in den Phlegräischen Feldern des Supervulkans betrifft. Als ein Journalist Ciciliano auf das Transparent ansprach, antwortete dieser: „Es tut mir leid, dass die Bürger sich beleidigt fühlten, aber es ist völlig klar, dass nicht Erdbeben Todesfälle verursachen: Todesfälle werden durch schlecht gebaute Häuser verursacht.“ Es bestehe kein Zweifel, dass bei einem Erdbeben der Stärke 5 „ein Gebäude, das insgesamt nicht allzu sicher ist, beschädigt werden kann.“
Und schon bricht bei Facebook der nächste Shitstorm los: „Ihr Institutionen habt die heilige Pflicht, diejenigen zu unterstützen, die bereits schwere Schäden in ihren Häusern erlitten haben und ihnen nicht nur Trost, sondern vor allem finanzielle Unterstützung zu geben“, schreibt ein User. Eine Userin kommentiert: „Wie wäre es mit ein bisschen Anteilnahme, Manieren, Bildung, Empathie? So kann eine Institution nicht reden!!!“ Der nächste postet: „Im Sessel in Rom sitzt es sich bequem!“
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Ein Userin meint: „Die Toten werden von einer Politik gemacht, die inkompetente Minister nach Parteibuch besetzt und den Zivilschutz und andere Einrichtungen in eine Bank für Freunde verwandelt.“ Vor allem der Ton stört: „Der Punkt ist, dass diejenigen, die Institutionen repräsentieren, nicht so reden können, als würden sie in einer Bar abgelenkt plaudern, sie können Bürgern, die nach Gewissheit fragen, nicht zynisch antworten, und sie können Angst nicht als etwas Nerviges behandeln, als wäre sie eine nur eine Laune.“ Eine Userin gibt aber zu bedenken: „Leider sagte er die Wahrheit, die Häuser, die nach 1984 renoviert wurden, wurden nicht erdbebensicher gemacht. Man kann es leicht mit bloßem Auge sehen, wenn man auf der Via Neapel in San Gennaro Pisciarelli entlangläuft.“
Ciciliano gab in der Pressekonferenz auch zu bedenken, dass es nicht nur in den Phlegräischen Feldern fragile Gebäude gibt und führt als Beispiel die benachbarte Vulkaninsel Ischia an. „Das Erdbeben von Casamicciola vor acht Jahren forderte mehrere Todesopfer, die Intensität war 33 Mal geringer.“ Das Beben der Stärke 4 auf der Ferieninsel hatte damals zehn Todesopfer gefordert, ein Erdrutsch, der durch die Erdstöße ausgelöst wurde, hatte eine Siedlung verwüstet. Ciciliano erinnerte daran, dass die Bewohner der Phlgräischen Felder jetzt ihr Haus kostenlos inspizieren und auf notwendige Umbauten überprüfen lassen kann, dazu wurde eine interaktive Landkarte online gestellt. Bisher wurden laut Ciciliano 271 Gutachten beantragt, von denen 156 Gebäude in der Gemeinde Pozzuoli, 104 Gebäude in Neapel und elf in Bacoli lägen.
Bei Sanierungsbedarf könne man auf die von der Zentralregierung für Anpassungen zugewiesenen Mittel zuzugreifen. Dem Leiter des Zivilschutzes der Region Kampanien, Italo Giulivo, zufolge sind 30.389 Bürger in 3332 Gebäuden betroffen. Jüngst tauchte in der Region durch das Anheben des Untergrunds ein archäologischer Schatz aus einem See auf. Fischer berichten außerdem von „gekochten Fischen“ in ihren Netzen.