VonUlrike Hagenschließen
Deutschland im Rentenstreit: Die SPD will mehr für Geringverdienende, die Union warnt vor Überlastung der Jungen. Der Vorschlag eines Forschers könnte beide Seiten versöhnen.
München/Berlin – Das Thema ist hochumstritten und ein äußerst heißes Eisen in der Regierungskoalition unter Friedrich Merz: die Höhe und Sicherung der zukünftigen Renten in Deutschland. Vor allem die Junge Union warnt beim Rentenstreit davor, nachfolgenden Generationen zu hohe Lasten aufzubürden, während die SPD fordert, ältere Menschen im Blick zu behalten, deren Altersbezüge bereits jetzt kaum zum Leben reichen. Nun bringt ein Wirtschaftsexperte eine ebenso simple wie gerechte Lösung für den sich zuspitzenden Renten.-Streit ins Gespräch: die Rentenpauschale.
Das deutsche Rentensystem steckt in einem gewaltigen Dilemma. Mit der in den Ruhestand tretenden Babyboomer-Generation explodieren die Rentenzahlungen, gleichzeitig schrumpft die Zahl der Beitragszahler. Obendrauf steigen die Lebenserwartung und damit die Rentenbezugsdauer: „Ein einfacher Vorschlag könnte Fairness und Gerechtigkeit zwischen den Generationen sichern und die festgefahrene Debatte befrieden“, erklärt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Gespräch mit IPPEN.MEDIA am Freitag (21. November).
„Jeder bekommt mehr Geld“: Ökonom mit Patentlösung für Dilemma – die Rentenpauschale
Seine Idee: „Höhere Renten für die Älteren, aber keine Zusatzlast für die Jüngeren.“ Ein pauschaler Rentenzuschlag, so Fratzscher, biete eine gerechte Lösung. Er schlägt eine jährliche Rentenerhöhung von 50 Euro monatlich bis zum Jahr 2031 für alle Rentenbeziehenden – unabhängig von der Rentenhöhe – vor: „Für armutsgefährdete Rentnerinnen und Rentner entspricht dies etwa einer Erhöhung von fünf Prozent pro Jahr, das ist deutlich mehr als unter der Rentengarantie“, so der Ökonom.
Umgekehrt spare man Geld ein, das bei höheren Renten über die Pauschale weniger gezahlt werde – und könne dieses in Rücklagen führen oder nutzen, um steigende Beitragssätze für jüngere Menschen abzufedern. „Angelehnt an Tarifverhandlungen würden zwar alle mehr Geld bekommen, aber überproportional profitieren würden vor allem Menschen mit geringeren Einkommen.“
Die bisherigen Lösungsansätze, wie etwa der sogenannte „Babyboomer-Soli“ bedeute jedoch – im Vergleich zur Rentenpauschale – eine deutlich stärkere Umverteilung von reichen Rentnern zu armen Rentnern: „Reiche Rentner würden beim Boomer-Soli netto am Ende des Monats sogar weniger Geld in der Tasche haben“. Dennoch: „Erhöht man die Renten weiterhin prozentual, profitieren vor allem Spitzenbezieher mit hohen Rentenansprüchen“. Umgekehrt träfe es die Geringverdiener überproportional, wenn das Rentenniveau gesenkt werde. Und eine Erhöhung der Beitragssätze belaste die junge Generation zusätzlich.
Eine Rentenpauschale schafft Transparenz, stärkt generationsübergreifend das Vertrauen in das Rentensystem, und sorgt für Gerechtigkeit und Solidarität.
„Schnell und einfach umsetzbar“: Ökonom schlägt neue Rentenpauschale vor
Die Rentenpauschale hingegen biete drei entscheidende Vorteile: Erstens wirke sie progressiv – während Geringverdiener mit zum Beispiel 600 Euro Rente bei einer 50-Euro-Pauschale 8,3 Prozent mehr erhalten, profitieren Gutverdiener mit beispielsweise 2.400 Euro Altersbezügen nur um 2,1 Prozent, was Bedürftige überproportional entlastet. „Zweitens ist sie demografisch nachhaltig, da die Kosten nicht automatisch mit der Lohnentwicklung steigen und somit kalkulierbar bleiben“, rechnet Fratzscher vor. „Drittens ist sie schnell und einfach umsetzbar – ohne komplizierte Berechnungen und neue Bürokratie.“
Auf den Euro berechnet hat das DIW den Vorschlag noch nicht – „ob es 40, 50 oder 60 Euro sein sollten, das ist auch nicht so relevant.“, führt der Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin aus, „aber die Idee der Pauschale steht“. Sie schaffe Transparenz, stärke generationsübergreifend das Vertrauen in das Rentensystem, und sorge für „Gerechtigkeit und Solidarität“.
Damit habe das Konzept den bisher vorgeschlagenen Reformen, „die neue Ungerechtigkeiten schaffen, anstatt das System gerechter zu machen“, vieles voraus, schließt DIW-Experte Fratzscher. Ob diese Argumente jedoch auf offene Ohren bei Kanzler Merz stoßen, der die Renten-Debatte zur Chef-Sache machte, inzwischen aber selbst in den eigenen Reihen kämpfen muss, ist fraglich.
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