Pestizide

Glyphosat-Entscheidung in Brüssel: Das wären die Folgen der Neuzulassung 

  • schließen

Das Totalherbizid Glyphosat soll nach dem Willen der EU-Kommission für weitere zehn Jahre zugelassen werden. Doch nicht alle sind damit einverstanden. In der EU droht Streit.

Brüssel – Es ist wieder soweit: In der EU und damit auch in Deutschland wird wieder über Glyphosat gesprochen und vor allem gestritten. Die Fronten sind verhärtet, Gegner des Totalherbizids warnen vor den Folgen für Natur und Umwelt, auch die Frage, ob das Mittel krebserregend ist, ist noch nicht abschließend geklärt. Befürworter betonen den hohen Nutzen für die konventionelle Landwirtschaft, die ohne Pestizide wie Glyphosat hohe Verluste und damit steigende Lebensmittelpreise befürchten.

Am 12. und 13. Oktober kommen die EU-Mitgliedsstaaten zusammen, um über den Vorschlag der Kommission, die eine Neuzulassung des Mittels bis Ende 2033 empfiehlt, abzustimmen. Einig sind sich die Länder nicht, es ist überhaupt nicht klar, ob die Kommission eine Mehrheit finden wird.

Ampel-Streit über Glyphosat zeichnet sich ab

Mehrere Mitgliedsstaaten haben eigentlich die Absicht, Glyphosat zu verbieten. Auch Deutschland hat laut Koalitionsvertrag vereinbart, Glyphosat nicht mehr weiter zuzulassen. Doch ein Gericht in Luxemburg hat im Frühjahr entschieden, dass die Mitgliedsländer keine eigenständigen Verbote verhängen können, solange der Stoff auf EU-Ebene zugelassen ist. Die Ampel-Koalition und auch die Regierungen anderer EU-Länder haben also gehofft, dass das Auslaufen der Zulassung Ende des Jahres bestehen bleibt, damit sie mit ihren nationalen Vorhaben nicht in die Bredouille kommen. Die FDP hat bereits verlautbart, dass sie eine weitere Zulassung von Glyphosat befürworten – entgegen den Vereinbarungen des Koalitionsvertrags.

Ein nationales Verbot würde der Ampel also – mal wieder – Kopfschmerzen bereiten. Grundsätzlich können einzelne EU-Staaten nach Angaben der EU-Kommission eigene Regeln erlassen, wie glyphosathaltige Produkte genutzt werden dürfen. Es wäre also denkbar, dass Deutschland die Anwendungsregeln so eng schnürt, dass das einem Verbot gleichkäme.

„Auch wenn sich der rechtliche Kontext in Luxemburg nur bedingt übertragen lässt, heißt das, dass die Bundesregierung nur gut begründet in bestimmten Anwendungsbereichen ein Glyphosatverbot erlassen kann, damit es den Gerichten standhält“, so die Grünen-Europaabgeordnete Jutta Paulus. Eine Möglichkeit sieht sie darin, bestehende Einschränkungen etwa für Wasserschutzgebiete, Kleingärten und Spielplätze zu verlängern und auszuweiten.

Eine mögliche Verlängerung der Zulassung von Glyphosat in der EU stößt auf geteilte Ansichten.

Neben Deutschland sehen auch Frankreich, Luxemburg, Österreich und Belgien das Pflanzenschutzmittel kritisch. Wenn all diese Mitglieder bei der Abstimmung am Freitag gegen den Kommissionsvorschlag stimmen, wird es in den Berufungsausschuss gehen. Das heißt: Nochmal wochenlanges Zittern, bis eine klare Entscheidung gefällt wird.

EU will eigentlich Pestizide deutlich reduzieren

Wird die Zulassung wie geplant verlängert, bedeutet das nicht nur Ärger in Deutschland. Auf EU-Ebene wird nämlich auch aktuell darüber diskutiert, wie Pestizide im Allgemeinen reduziert werden können. Dazu liegt eine Pestizidverordnung auf dem Tisch, die aber noch die Glyphosat-Entscheidung abwartet. „Wenn Glyphosat nicht mehr zugelassen wird, dann sparen wir uns viele Diskussionen im Nachhinein. Glyphosat ist der am meisten verwendete Pestizid in Europa. Ein Verbot würde vieles sehr viel einfacher machen“, so Jutta Paulus.

In Deutschland wird Glyphosat nicht nur in der Landwirtschaft verwendet, sondern auch im Gartenbau. Nach Angaben des Deutschen Bauernverbandes kommt Glyphosat auf rund 37 Prozent der Ackerflächen zum Einsatz. Damit sollen die Felder vor oder kurz nach der Aussaat und erneut nach der Ernte unkrautfrei gehalten werden. Während der Wachstumszeit der Nutzpflanzen kommt Glyphosat nicht zum Einsatz, da auch diese sonst absterben würden. Über Jahre wurde Glyphosat auch entlang von Schienen angewendet, darauf verzichtet die Deutsche Bahn aber seit 2023.

In Deutschland wurden nach jüngsten Zahlen des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit im Jahr 2021 knapp 4100 Tonnen des Pflanzenschutzmittels abgesetzt. Nach Angaben der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft findet Glyphosat in Europa zu etwa 40 Prozent im Obst-, Gemüse- und Weinbau Anwendung, gefolgt von Getreidebau (etwa 20 Prozent). Spanien, Italien und Frankreich haben im Vergleich zu Deutschland oder Großbritannien einen doppelt bis fünffach höheren Verbrauch.

Wofür nutzen Landwirte Glyphosat?

Bauern wollen mit dem Unkrautvernichter Kräuter und Gräser bekämpfen, die mit den Nutzpflanzen um Raum, Wasser, Nährstoffe und Sonnenlicht konkurrieren. Im Gegensatz zu vielen anderen Mitteln wirkt Glyphosat unter praxisüblichen Anwendungen nicht über den Boden nach. Wenn Landwirte auf die Unkrautbekämpfung per Pflug verzichten können, sparen sie bei Arbeitszeit- und Maschinenkosten. Die Glyphosate Renewal Group und der Deutsche Bauernverband weisen darauf hin, dass sich beim Pflügen die CO₂-Emissionen und der Verbrauch fossiler Brennstoffe erhöhen könnte. Auch führe das Pflügen zu einem unerwünschten Verlust von Bodenmaterial und zur Zerstörung von Kleinstlebewesen, die für die Humusbildung essenziell seien.

Warum ist Glyphosat also umstritten? Glyphosat tötet alle Pflanzen auf einem Feld. Durch weniger Wildpflanzen auf und neben den Feldern gibt es geringeren Lebensraum für Insekten und Feldvögel. Das schadet auch der Landwirtschaft selbst, denn deren Erträge hängen maßgeblich von bestäubenden Insekten ab. Und das Herbizid findet sich letztlich in der gesamten Nahrungskette - bis hin zu Säugetieren. Unklar ist zudem, wie genau sich Glyphosat durch die Natur bewegt, da es auch dort zu finden ist, wo das Mittel nie gesprüht wurde.

In den vergangenen Jahren haben Untersuchungen wiederholt Hinweise darauf ergeben, wie Glyphosat auf Honigbienen wirkt - etwa auf die kognitiven Fähigkeiten oder auf das Immunsystem. Eine Studie der Universität Konstanz kommt zu dem Schluss, dass Glyphosat die Lernfähigkeit von Hummeln beeinträchtigt, was ihre Fortpflanzungs- und Überlebenschancen verringere.

Entsprechend sind auch die Umweltverbände aktuell auf den Barrikaden. Der Bund für Umwelt und Naturschutz etwa spricht von einer „Katastrophe für Mensch und Artenvielfalt“. Für den WWF ist die Empfehlung der EU-Kommission Zeichen eines Systems, in dem kurzfristiger Profit dem nachhaltigen Wandel der Landwirtschaft im Weg steht. Auch für Eva Corral von Greenpeace ist der Fall klar. Die europäischen Regierungen sollten den Schutz der öffentlichen Gesundheit und der Umwelt über die privaten Geschäftsinteressen von Unternehmen wie Bayer stellen, meint sie.

Ist Glyphosat krebserregend?

Darum kreist seit Jahren eine Debatte. Die Internationale Agentur für Krebsforschung, ein Gremium der Weltgesundheitsorganisation, stufte das Mittel 2015 als „wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“ ein. Das bedeutet, dass eine Krebsgefahr grundsätzlich möglich ist. In diese Kategorie fällt aber genauso rohes und verarbeitetes Fleisch.

Im Gegensatz dazu schrieb etwa die Europäische Chemikalienagentur erst 2022 erneut, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht genügten, um Glyphosat als krebserregenden, genverändernden oder fortpflanzungsgefährdenden Stoff einzustufen. Auch kommen unter anderen die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit, das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung und die US-Umweltbehörde EPA zu einem solchen Schluss. Genauso weist Glyphosat-Hersteller Bayer den Verdacht zurück, dass der Unkrautvernichter krebserregend sei. Dennoch ist der Konzern in den USA mit zahlreichen Klagen konfrontiert. Bayer musste in bestimmten Fällen hohen Schadenersatz zahlen, hat andererseits aber auch Prozesse gewonnen.

Mit Material von dpa

Rubriklistenbild: © Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Kommentare