Halbleiter als Deutschlands Achillesverse: Der Machtkampf um Taiwan bedroht Lieferketten
VonLennart Schwenck
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USA und China streiten um Taiwan. Deutsche Chipversorgung steht auf dem Spiel. VW droht schon der Produktionsstopp.
Berlin/Peking/Washington/Taipeh – Der Indopazifik ist zum entscheidenden Schauplatz des 21. Jahrhunderts geworden. Hier rangeln die beiden Supermächte USA und China um die Vorherrschaft – und Deutschland spürt die Auswirkungen dieses Machtkampfs bereits dramatisch. Im Raum des Indopazifik leben fast zwei Drittel der Weltbevölkerung, und durch die Region verlaufen die wichtigsten Handelsrouten der Welt – Lebensadern für die Weltwirtschaft.
Und wenn im Indopazifik etwas ins Stocken gerät, spüren wir das auch in Hamburg, in Rotterdam oder in München. China versucht sich diese Seewege zu sichern und die Inselketten zu kontrollieren, um Handlungsfreiheiten zu haben. Für die USA ist der Indopazifik dagegen ein Ort, an dem sie ihre Führungsrolle verteidigen wollen.
USA und China ringen um Vorherrschaft im Indopazifik: Taiwan als Schlüssel zur regionalen Vorherrschaft
Im Zentrum dieses Konflikts steht Taiwan – eine Insel mit enormer strategischer Bedeutung für die globale Halbleiterproduktion. „Taiwan liegt genau im Herzen dieser ersten Inselkette, strategisch deshalb kaum zu überschätzen. Wer Taiwan kontrolliert, kann Chinas Zugang zum Pazifik öffnen oder blockieren“, heißt es im Podcast des Weltspiegel. Für Peking ist Taiwan daher „nicht nur eine abtrünnige Provinz, wie China immer so oft sagt, sondern der Schlüssel zur regionalen Vorherrschaft“.
Die militärische Bedrohung ist real geworden. US-Quellen warnen, dass das chinesische Militär „möglicherweise 2027 oder 2029 möglicherweise bereits so weit“ sein könnte, „um so einen Schlag auszuführen“. China besitzt bereits „die weltgrößte Marine, wenn es um die Anzahl von Schiffen geht“. Bei den letzten Militärmanövern ist es China gelungen, „die Insel ja fast abzuschotten, zu umringen“.
Chinesische Militärparaden als Machtdemonstration: Trump-Faktor verstärkt Unsicherheit
China demonstriert seine wachsende Stärke immer offener. Bei jüngsten Militärparaden in Peking waren laut dem Podcast „Hyperschallraketen dabei, neue Modelle, wo es laut Militärexperten gar keine richtige Antwort noch gibt aus dem Westen. Da waren Cyberkriegsführungseinheiten dabei, und Unterwasserdrohnen.“ China will damit zeigen, dass es stark ist, dass es militärisch an Kraft gewonnen hat. Die Botschaft richtet sich dabei klar an die USA. Alle Militärexperten und Strategen gehen davon aus, dass es innerhalb der nächsten zwei bis vier Jahre zu einer kriegerischen Auseinandersetzung kommen könnte.
Militärparade in Peking: China präsentiert unter den Augen von Putin und Kim neue Superwaffen
Die Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus verstärkt die Unsicherheiten zusätzlich. Wie aus dem Weltspiegel Podcast hervorgeht, ist Trump „angetreten mit der klaren Maßgabe, wir machen America first, wir wollen in keinen Krieg mehr verwickelt sein“. Die Frage ist, wie sich diese Haltung auf Taiwan auswirkt: „So wie die Ukraine das gerade sehr bitter erlebt, so glaube ich durchaus, dass in Taiwan der ein oder andere zittert“, so die ARD-Korrespondentin Gudrun Engel.
Halbleiter als Wirtschaftsmotor: Dramatische deutsche Abhängigkeiten offenbart
Die geopolitischen Spannungen bleiben nicht ohne Folgen für Deutschland – besonders im Bereich der Halbleiterindustrie. Eine aktuelle Bitkom-Umfrage unter 503 Unternehmen zeigt das erschreckende Ausmaß der deutschen Chip-Abhängigkeiten in diesem geopolitischen Spannungsfeld. 92 Prozent der Unternehmen, die intensiv mit Halbleitern arbeiten, halten die Drohungen Chinas gegenüber Taiwan mit Blick auf die Halbleiterversorgung in Deutschland für besorgniserregend. Nur noch 37 Prozent der Unternehmen vertrauen den USA hinsichtlich der weiteren Versorgung mit Chips, wobei 48 Prozent „eher geringes Vertrauen“ und 14 Prozent „gar kein Vertrauen“ in die Vereinigten Staaten haben.
Ein Blick auf die Bezugsquellen zeigt, wie stark die deutsche Industrie von ausländischen Lieferanten abhängt: 72 Prozent der Unternehmen kaufen Halbleiter in den USA, 63 Prozent in China. Deutsche Hersteller kommen mit 54 Prozent an dritter Stelle, gefolgt von japanischen Anbietern mit 36 Prozent. Etwa jedes vierte Unternehmen bezieht seine Chips aus Taiwan – einem der sensibelsten Standorte der Branche.
Die Abhängigkeit wird durch den KI-Boom zusätzlich verschärft. 64 Prozent der Unternehmen, die Halbleiter verwenden, haben bereits spezielle Chips für KI im Einsatz – 49 Prozent zur Ausführung von KI-Anwendungen, 24 Prozent zur Entwicklung oder zum Training eigener KI-Modelle. „Für Künstliche Intelligenz sind besonders leistungsfähige Halbleiter nötig – klassische Chips reichen oft nicht aus“, betont Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst.
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Europas Marktanteilsverlust: Weltweiter Subventionswettlauf um Chip-Dominanz
Die strategische Schwäche Europas wird durch Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums unterstrichen: Der europäische Marktanteil an der weltweiten Halbleiterproduktion ist von etwa 21 Prozent im Jahr 2000 auf derzeit rund acht Prozent gesunken. Der deutsche Marktanteil liegt bei nur drei Prozent. Hauptursache für diesen Rückgang ist der geringere Ausbau von Fertigungskapazitäten in Europa im Vergleich zu anderen Regionen. Dabei steigt die Nachfrage. Laut einer VDMA-Studie dürfte sich der Bedarf an Chips beispielsweise im Industriesektor bis 2030 in Europa verdoppeln. Für Europa sind die wichtigsten Abnehmerindustrien mit über 60 Prozent der Automobilbau sowie der Anlagen- und Maschinenbau .
International tobt ein beispielloser Subventionswettlauf: Der US CHIPS and Science Act sieht ein Gesamtinvestitionsvolumen von 200 Milliarden US-Dollar vor. Japan kündigte staatliche Investitionszuschüsse in Höhe von circa 13 Milliarden US-Dollar an und China brachte einen Investitionsplan mit etwa 143 Milliarden US-Dollar auf den Weg. Durch eine geplante Förderquote von 20 Prozent peilt China damit Investitionen in Höhe von mindestens 715 Milliarden US-Dollar an. Südkorea strebt bis 2047 ebenfalls ein Investitionsvolumen von 433 Milliarden US-Dollar an: „Halbleiter stehen im Mittelpunkt internationaler Wirtschaftskonflikte“, warnte Wintergerst. „Wir brauchen daher ein starkes Ökosystem von Unternehmen rund um Halbleiter in Deutschland und Europa. So können wir Abhängigkeiten reduzieren und sind weniger erpressbar.“
Europa antwortet mit dem European Chips Act, der neue Fertigungskapazitäten aufbauen und moderne Chipfabriken ansiedeln soll. Das europäische Beihilfeinstrument „Important Projects of Common European Interest“ (IPCEI) sieht allein in Deutschland Investitionen von rund vier Milliarden Euro vor. Europaweit sollen über 8.000 Arbeitsplätze in der Halbleiterindustrie geschaffen werden, davon 3.200 in Deutschland.
Halbleiter-Chips sind das Herzstück der digitalen Wirtschaft – doch ihre Produktion konzentriert sich auf wenige, geopolitisch umkämpfte Regionen wie Taiwan.
Halbleiter für die deutsche Automobilbranche: Volkswagen als Paradebeispiel der Verwundbarkeit
Die Auswirkungen des geopolitischen Machtkampfs zeigen sich exemplarisch bei Volkswagen. Der Konzern musste eine Taskforce einrichten, nachdem der wichtige Halbleiter-Produzent Nexperia aufgrund internationaler politischer Verwerfungen seine Lieferungen eingestellt hatte. Obwohl die Produktion in der kommenden Woche an allen deutschen VW-Standorten gesichert sei, warnte ein Sprecher: „Vor dem Hintergrund der dynamischen Lage können kurzfristige Auswirkungen auf das Produktionsnetzwerk des Volkswagen-Konzerns jedoch weiterhin nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden.“
Die Auswirkungen sind bereits dramatisch spürbar: Computerchips, die normalerweise etwa 0,03 Cent pro Stück kosten, werden laut Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Niedersachsenmetall, aktuell für bis zu 1,50 Euro gehandelt. „Wir müssen uns mittel- und langfristig verstärkt darum bemühen, andere Lieferketten aufzubauen“, so Schmidt. „Und zwar aus verbündeten Staaten der westlichen Hemisphäre.“
Komplexe Wertschöpfungsketten als Achillesferse: Durchschnittliche Lieferverzögerung liegt bei vier Monaten
Die Herstellung von Mikrochips kann nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums mehrere 1.000 Einzelschritte umfassen, dauert im Regelfall mehrere Monate und findet weltweit an unterschiedlichen Standorten statt. In einem Auto sind beispielsweise oft über 1.000 Mikrochips verbaut. Fehlt in der Produktion eine Komponente zur Steuerung eines Fensterhebers, kann das Auto nicht fertiggestellt und verkauft werden. Die Bitkom-Studie zeigt die Vielfalt der aktuellen Probleme: 96 Prozent der von Beschaffungsproblemen betroffenen Unternehmen leiden unter Lieferverzögerungen, 91 Prozent sind mit Preiserhöhungen konfrontiert. Für 84 Prozent sind bestimmte Bauteile teilweise nicht verfügbar, bei 75 Prozent wurden die Liefermengen reduziert.
Es gibt jedoch erste Hoffnungen für eine politische Lösung der aktuellen Nexperia-Krise: China hat sich nach Angaben des Handelsministeriums bereit erklärt, Ausnahmen beim Exportverbot für Nexperia-Chips zu machen. „Wir werden die tatsächliche Situation der Unternehmen umfassend berücksichtigen und Ausnahmen für Exporte gewähren, die die Kriterien erfüllen“, erklärte ein Sprecher des chinesischen Handelsministeriums. Die Wiederaufnahme von Lieferungen war Teil einer Handelsvereinbarung zwischen US-Präsident Donald Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping, wie das Wall Street Journal berichtete. (ls)