VonJürgen Steckschließen
Wo ist der bessere Standort für eine Klinik - und was ist besser: Neubau oder Kombilösung? Landrat Dr. Joachim Bläse und die Endera-Gutachter stellen zwei Gutachten vor.
Aalen. "Wir werden vorschlagen, den Regionalversorger in Essingen zu entwickeln", dieses Fazit zog Landrat Dr. Joachim Bläse am Ende. In gut zwei Stunden hatten zuvor er sowie für die Endera-Gruppe Axel Euler und erstmals der neue Vorstandsvorsitzende der Kliniken Ostalb, Christoph Rieß, zwei Gutachten vorgestellt.
In beiden Gutachten kommt die Endera-Gruppe zum Schluss, dass Essingen der beste Standort ist für eine künftige zentrale Großklinik im Ostalbkreis: den Regionalversorger, das Herzstück im Zukunftskonzept der Kliniken Ostalb.
Im einen Gutachten geht es um das beste Grundstück für eine solche Klinik. Im Ranking dafür steht Essingen mit 80,1 Prozent vor dem Standort Mögglingen (76,1 Prozent) und dem Ostalb-Klinikum in Aalen mit 68,7 Prozent.
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Im zweiten Gutachten hat Endera untersucht, was besser wäre: ein Neubau in Essingen oder die Weiterentwicklung des Ostalb-Klinikums zum Regionalversorger – die von Aalen angestoßene sogenannte "Kombi-Lösung". Aufgrund der Bewertungsergebnisse ergebe sich folgendes Ranking, fasste Euler dieses Ergebnis zusammen: Essingen erfülle 97 Prozent der Kriterien, die Kombilösung in Aalen nur 83,5 Prozent.
Bläse äußerte sich "sehr dankbar" darüber, dass Aalen die Kombi-Lösung ins Spiel gebracht habe. Die Aalener Ausarbeitungen seien hilfreich, zu erkennen, dass der Neubau Vorteile biete. "Wir könnten Aalen gut weiterentwickeln, aber wir können Essingen sehr gut entwickeln", so das Fazit des Landrates.
Bläse übt Selbstkritik: Durcheinander in September-Sitzung
Selbstkritisch gab sich Bläse in Bezug auf die Sitzung im September, als es ein Durcheinander darüber gab, wie viele Betten die Gutachter in ihren Planungen zugrunde legen sollten. Ansonsten zollte er dem Kreistag mit allen Kreisrätinnen und Kreisräten großen Respekt für die gute Arbeit, die geleistet worden sei: "Ein mutiger Kreistag, der gestalten will", sagte er.
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Großen Wert legte Bläse auf die Feststellung, dass Endera ein neutrales Gutachten erstellt habe. Neutral, das sei auch er in den vergangenen Wochen und Monaten geblieben und habe zum Thema "die Klappe gehalten" – damit man ihm nicht nachsagen könne, er habe sich bereits festgelegt. Diese "Schweigegelübde", wie Bläse es nannte, habe ihn "an mancher Stelle geschmerzt". Aber es sei richtig gewesen, auch wenn ihm dies als Fehler angekreidet worden sei.
Der neue Vorsitzende der Kliniken Ostalb, Christoph Rieß, erklärte, er habe keine Präferenzen bezüglich des Ortes. Ihm seien "optimale Prozesse wichtig", sagte er. Und diese ließen sich mit einem Neubau auf der grünen Wiese besser gestalten.
Was abgefragt wurde
Die Aufgabe sei, den Standort zu finden, "sodass wir in spätestens zehn Jahren einen Regionalversorger haben mit der bestmöglichen Erreichbarkeit für den größten Teil der Bevölkerung", mit der "funktional aus baulicher, organisatorischer und medizinstrategischer Sicht besten und wirtschaftlichsten Lösung", fasste Bläse nochmals zusammen.
Die Bewertung des Grundstückes
Beim Thema Grundstück schneidet das Essinger Gelände in fast allen Belangen besser ab als das Ostalb-Klinikum - lediglich beim Bereich Umfeld, wo es um die Attraktivität geht, hat Aalen knapp die Nase vorn, sagte Endera-Gutachter Axel Euler.
Essingen und Mögglingen liegen in vielen Bereichen in etwa gleich auf, jedoch habe der Essinger Bürgermeister Wolfgang Hofer seine Sache besser gemacht als sein Mögglinger Kollege Adrian Schlenker, wenn es um die Verfügbarkeit von Grundstücken geht. Beim Ostalb-Klinikum gebe es in einem Bereich ein Problem mit einem starken Gefälle. Das Triumph-Areal, die zweite von Aalen angebotene Fläche, habe er nicht weiterverfolgt, weil das Gelände bebaut und auch belastet sei.
Der Vergleich zwischen Essingen und Aalen
Im Vergleich zwischen der Kombi-Lösung und einem Neubau in Essingen liege der Neubau auch in fast allen Belangen vorne – außer beim Thema Nachhaltigkeit, berichtete Euler. Interessanter Aspekt: Während beim Thema Erreichbarkeit der Bahnhalt in Essingen als Pluspunkt gewertet wird, wurde die Tangente, die Aalen vom Ostalb-Klinikum durch den Rohrwang zur B29 vorgeschlagen hat, als "wenig realistisch" betrachtet, wie Euler sagte.
Was die Kombi-Lösung in vielen Belangen schlechter aussehen lasse, sei die Verteilung auf mehrere Gebäude. Dies bedeute lange Wege, dies bedeute mehr Gebäudehülle und somit energetische Nachteile und dies sei auch von Nachteil während der Bauzeit, weil viel zurückgebaut werden müsse. Dies führe auch dazu, dass Aalen unterm Strich teurer werde.
Die Kosten zu Preisen Stand 2023 werden für den Neubau in Essingen mit 606 Millionen Euro angegeben, für das Ostalb-Klinikum mit 649 Millionen Euro. Werden zu erwartende Preissteigerungen eingerechnet, dann sind's für Essingen 782 Millionen Euro, für die Kombilösung 835 Millionen Euro. Vom Zeitplan her könnte, so Euler, der Neubau bis zum Jahr 2035 abgeschlossen sein.
Die Kombi-Lösung sieht Euler erst im Jahr 2041 realisiert - auch deswegen, weil bis dahin das Patientenhotel und die Frauenklinik saniert werden müssten. Nach dem Aalener Konzept hätten diese eigentlich erhalten werden sollen. Diese Sanierung schlägt auf die Kosten durch: mit knappen 70 Millionen macht sie die Kombi-Lösung teurer.
Was noch geklärt werden muss
Noch keine Angaben kann Bläse dazu machen, wie die Grundversorgung in Mutlangen und Ellwangen künftig aussieht. Zu klären sei ferner, was die zu erwartende Standortentscheidung für den Rettungsdienst bedeutet. Sobald aber die Standortfrage geklärt sei, werde sich eine Arbeitsgruppe mit diesen Themen beschäftigen. Dann könne "von der Qualität und der Aufgabe her gedacht werden".
Die Sache mit dem Bahnhalt
Aufhorchen lässt eine Aussage Bläses zu den Bahnhalten zwischen Schwäbisch Gmünd und Aalen. Es gebe eine Aussage aus dem Verkehrsministerium, dass in Essingen der Bahnhalt reaktiviert werden könne, wenn dort eine Klinik gebaut werde.
Zudem habe er die Zusage "von der Stadt Gmünd", dass Schwäbisch Gmünd auf den Bahnhalt in Hussenhofen verzichte, wenn das Klinikum in Essingen gebaut werde und nicht in Aalen. Die Bedeutung des Klinikums in Essingen sei von größerer Bedeutung für die Bevölkerung in Schwäbisch Gmünd, so gibt Bläse die Motivation Schwäbisch Gmünds zum Ausdruck.
Wie es weiter geht
Am Montag tagt der Verwaltungsausschuss Kliniken. In der Sitzung wird das Gutachten diskutiert – und eine Empfehlung ausgearbeitet für die Entscheidung des Kreistages am 5. März.
