Tagebau Hambach

Am neuen Riesensee in NRW könnte Geschichte wieder aufleben – mit Virtual Reality

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Der Kohleabbau ließ nur wenig vom Hambacher Forst übrig. Am neuen Riesensee in NRW könnte er nun wieder zum Leben erwachen – mittels Virtual Reality.

Hambach – In NRW mussten in den vergangenen Jahrzehnten ganze Landschaften den Braunkohlebaggern von RWE weichen. Dörfer wurden umgesiedelt, von Jahrhunderte alten Wäldern blieben bloß Bruchstücke übrig. So auch vom Bürgewald, heutzutage besser bekannt als Hambacher Forst. Einst ganze 4100 Hektar groß, umfasst der Wald zwischen Köln und Aachen inzwischen nur noch rund 500 Hektar. Nach dem gesetzlichen Kohleausstieg in NRW ab 2030 sollen die Kraterlandschaften zu einer großen Wald-Seen-Landschaft umgewandelt werden. Und auch der Bürgewald könnte dann wiederbelebt werden – zumindest virtuell.

„Besondere Orte“ am neuen Riesensee in NRW – „Epoche des Kohleabbaus zu einem guten Ende bringen“

So soll der zweitgrößte See Deutschlands in NRW aussehen, zu den RWE den Tagebau Hambach formen will.

Man wolle die Epoche des Braunkohleabbaus „zu einem guten Ende bringen“, hieß es vor einigen Wochen von der Neuland Hambach GmbH. Dafür sind verschiedene Projekte im rheinischen Revier geplant. Unter anderem will RWE den Tagebau Hambach zum zweitgrößten See Deutschlands umfunktionieren. Ein Radweg soll Besucher entlang des Ufers des sich füllenden Sees führen – mit „besonderen Orten“ entlang der Strecke, so die Verantwortlichen. Dafür hat die Gesellschaft im Rahmen einer Vorstudie verschiedene Ideen für die Highlights ausgearbeitet, die aktuell diskutiert werden.

RWE ließ vom 1000-jährigen Bürgewald nur Bruchstücke übrig – Virtual Reality könnte ihn wiederbeleben

Mittels Virtual Reality könnte Geschichte am neuen Riesensee in NRW erlebbar gemacht werden. (Symbolbild/IDZRNRW-Montage)

Eine dieser Ideen für die „besonderen Orte“ am neuen Riesensee in NRW könnte im Jülicher Stadtteil Stetternich umgesetzt werden. Der Vorschlag der Neuland Hambach GmbH sieht vor, die „Geschichtsträchtigkeit des Ortes zugänglich und erlebbar“ zu machen. Im ersten Jahrhundert verlief eine römische Fernstraße von Köln über Jülich nach Boulogne-sur-Mer im heutigen Nordfrankreich. Rund 2000 Jahre später könnten Modulbauten auf der alten Römerstraße ein „Zeitreise-Angebot“ beherbergen, durch das auch der über 1000 Jahre alte Bürgewald wieder in seiner einstiegen Ausprägung zum Leben erwachen könnte – dank Virtual Reality (VR).

Bürgewald/Hambacher Forst

Der Hambacher Forst ist ein circa 500 Hektar großer Wald zwischen Köln und Aachen – mit einer langen Geschichte: Erstmalig erwähnt wurde der Hambacher Forst – damals noch als burgina bezeichnet – in einer Urkunde vom 25. Juli 973. Ursprünglich erstreckte sich der Wald zwischen Elsdorf und Niederzier auf über 4000 Hektar. Durch die Rodung für den Braunkohleabbau von RWE im Tagebau Hambach sind heutzutage jedoch nur 500 Hektar übrig. In der Folge wurden große Teile des Waldes zerstört, ohne jemals archäologisch untersucht worden zu sein.

Als der Energiegigant im Herbst 2018 weitere Teile des Waldes abholzen wollte, demonstrierten circa 50.000 Menschen für den Erhalt des geschichtsträchtigen Waldstücks. Dadurch wurde der Hambacher Forst zum Symbol des Widerstands von Umweltschützern gegen den Braunkohleabbau im rheinischen Revier. Bei einem Spitzentreffen der Bundesregierung mit den vier vom Kohleausstieg betroffenen Ländern im Januar 2020 wurde schließlich der Erhalt des Hambacher Forstes vereinbart.

Doch nicht nur der Bürgewald würde dank der modernen Technik wiederbelebt: Besucher könnten durch VR auch „über die historische Via Belgica und die Sophienhöhe fliegen“ sowie marschierende römische Soldaten und Reiter beobachten, schreibt Neuland Hambach. „Die erste Eisenbahn, Autos, Braunkohlebagger und der zukünftige See würden im Zeitraffer erlebt werden können.“ Auch für zukünftige Mobilitätsthemen wäre dort thematisch Platz. Zudem ist auf der Straße ein Eingangstor zur Sophienhöhe angedacht, dass den Fußpunkt und eine Aussichtsplattform mit einem thematischen Aufgang verbindet.

Neuland Hambach GmbH

Die Neuland Hambach GmbH wurde von den sechs Anrainerkommunen Elsdorf, Jülich, Kerpen, Merzenich, Niederzier und Titz ins Leben gerufen. Die Gesellschaft vertritt die Interessen der Bürgerinnen und Bürger im Umkreis, kümmert sich um die strukturpolitische Entwicklung und die Koordination der Zukunftsperspektiven sowie um die Akquise von Fördermitteln und Investitionen.

„Besondere Orte“ am neuen Riesensee in NRW: Was dort sonst noch entstehen könnte

Die „Sprünge in der Zeit“, wie es Neuland Hambach bezeichnet, sind jedoch nur ein Vorschlag für die „besonderen Orte“ am neuen Riesensee in NRW. Eine „Höllentreppe“ könnte vom Ort Titz-Höllen auf die Sophienhöhe hinaufführen und einen „neuen Blick in Richtung der sich wandelnden Landschaft rund um den Tagebau Garzweiler ermöglichen“. Neben den Tagebauen Hambach und Inden soll auch die Grube in Garzweiler zu einem großen See werden. Der bereits bestehende Aussichtspunkt Niederzier könnte ausgebaut werden – mit einem Modulbau inklusive begehbarem Dach.

Riesige Tagebauseen in NRW: Kritik an dem Vorhaben

Die Entnahme des Wassers für die Tagebauseen sorgte für gleich von mehreren Seiten für Kritik: Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) fürchtet, dass der Rhein zukünftig sowieso schon zu wenig Wasser führen könnte und zweifelt an der Durchführbarkeit des Projekts. Auch Anwohner zeigten sich mit dem Vorhaben von RWE rund um den Tagebau Hambach unzufrieden.

Aus der Manheimer Kirche könnte ein Kunstwerk, eine Kletterhalle oder als Zeugnis der Geschichte des Ortes dienen. Als eines der letzten Gebäude in Manheim-Alt blieb das entwidmete Gotteshaus stehen, der Rest vom Ort gleicht nach der Umsiedlung der Anwohner für RWEs Kohleabbau einem Geisterdorf. Auch das Einleitbauwerk, durch das das Wasser in den zukünftigen See fließen soll, könnte als „besonderer Ort“ dienen, unter anderem mit einer Panorama-Terasse. Am Rand des Hambacher Forstes ist eine „Oase für alle“ angedacht, mit Gemeinschaftsgarten und Obstwiese.

„Rückeroberung von Heimat“: Wieso die „besonderen Orte“ am neuen See in NRW wichtig sind

Die „besonderen Orte“ sollen eine „besondere Strahlkraft“ auf Anwohner und Touristen haben, sagte Christina Brincker von der Neuland Hambach GmbH im Sommer im Gespräch mit 24RHEIN. Lange bevor der neue Riesensee in NRW gefüllt ist, sollen die Orte als erste, sichtbare Beispiele des Strukturwandels im rheinischen Revier dienen. Aktuell werden die Meinungen der Anwohner zu den „besonderen Orten“ ausgewertet, Ende November soll deren genaue Ausgestaltung feststehen. Dabei geht es nach jahrzehntelangem Braunkohleabbau um mehr als nur Tourismus, wie Neuland Hambach schreibt: Es geht um die „Rückeroberung von Heimat“. (mg) Fair und unabhängig informiert, was in Köln & NRW passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.

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Rubriklistenbild: © RWE & Imagebroker/Imago

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