60.000 Hitzetote

„Existentielle Bedrohung der Menschheit“: WHO warnt vor tödlicher Hitze in Europa

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Die WHO warnt vor „tödlicher“ Hitze mit verheerenden Auswirkungen. In einem dramatischen Appell fordert sie die Regierungen zu sofortigen Maßnahmen auf.

Kopenhagen – Die Welt ächzt unter dem Wetter der Extreme, mit Hitze und Unwettern. Europa überrollen immer neue Rekord-Hitzewellen bei tropischen Zuständen – mit 60.000 Hitzetoten allein im vergangenen Jahr. Der Klimawandel wird zur greifbaren Gesundheitsgefahr, vor der Experten warnen: „Wir sind nicht vorbereitet“.

Am Montag (18. Juli) veröffentlichte der WHO-Regionaldirektor für Europa, Dr. Hans Henri P. Kluge, einen dramatischen Brandbrief: „Inmitten der verheerenden Auswirkungen der extremen Hitze appelliere ich an die Regierungen in ganz Europa: Ohne Vorbereitung kann die Hitze tödlich sein“. Es bestehe „verzweifelter, dringender Bedarf an regionalen und globalen Maßnahmen“.

Die WHO warnt vor „tödlicher“ Hitze mit verheerenden Auswirkungen in Europa. Sie fordert, sofortige Maßnahmen zur Anpassung an die „neue Realität“ zu treffen. (Symbolbild)

„Existentielle Bedrohung der Menschheit“: WHO-Direktor warnt vor tödlicher Klimakrise

In Europa steigen die Temperaturen doppelt so schnell wie im Rest der Welt. „Nach neuen Einschätzungen, die kürzlich in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurden, starben allein im vergangenen Jahr mehr als 60.000 Menschen in Europa an den Folgen extremer Hitze – dreimal mehr als bisher angenommen“, erklärt der Mediziner. Die Studie eines Forschungsteams des Barcelona Institute for Global Health (ISGlobal) hatte die Werte ermittelt.

Die Zahlen sind alarmierend. Deutschland hatte 2022 – im bisher heißesten Sommer auf dem Kontinent seit Beginn der Aufzeichnungen – mit 8173 Todesopfern insgesamt und 98 Hitzetoten pro Million Einwohner:innen die drittmeisten Hitzeopfer in Europa zu beklagen – nach Italien mit 18.010 Toten und Spanien mit 11.324 Toten.

„Neue Normalität mit verheerenden Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden“

Doch die erschreckenden Statistiken scheinen auch in der Politik, die erst allmählich reagiert, noch nicht ausreichend angekommen zu sein: „Wir müssen sofortige Maßnahmen ergreifen, um uns und unsere Lieben zu schützen, auch wenn längerfristige Maßnahmen für unsere Region und unsere Welt dringend erforderlich sind“, fordert der WHO-Europadirektor darum.

Es gelte, sich auf den Klimawandel mit seiner „neuen Normalität“ und ihren „verheerenden Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden“ einzustellen, und sich Wissen anzueignen, das Leben retten könne.

Für die Millionen von Menschen, die in diesen Tagen von Hitzewellen betroffen sind und für viele, die in den Urlaub fahren, gelte: „Überprüfen Sie regelmäßig die Wetterberichte, befolgen Sie die örtlichen Hinweise und informieren Sie sich bei seriösen Quellen über wetterbedingte Gesundheitsrisiken.“

Neue Wärmeschutzkampagne der WHO: #KeepCool soll Leben retten

Die praktischen Ratschläge der Kampagne #KeepCool des WHO-Regionalbüros für Europa soll nun die schlimmsten gesundheitlichen Auswirkungen der Hitze verhindern: 

  • Hitze vermeiden: Bleiben Sie während der heißesten Tageszeit drinnen und vermeiden Sie anstrengende Aktivitäten im Freien. Halten Sie sich im Schatten auf, lassen Sie Kinder und Tiere nicht in geparkten Fahrzeugen zurück.
  • Kühle Orte aufsuchen: Verbringen Sie mindestens 2-3 Stunden pro Tag an einem kühlen Ort, besonders wenn nötig und möglich.
  • Innenräume kühl halten: Nutzen Sie die Nachtluft, um Ihre Wohnung abzukühlen, und verwenden Sie Jalousien oder Rollläden, um tagsüber die Wärmebelastung zu reduzieren. Schalten Sie so viele elektrische Geräte wie möglich aus.
  • Körper vor Hitze schützen und hydratisiert halten: Tragen Sie leichte Kleidung, duschen oder baden Sie kühl und trinken Sie regelmäßig Wasser. Vermeiden Sie zucker- oder koffeinhaltige und alkoholische Getränke.
  • Auf gefährdete Personen achten: Achten Sie auf Familienangehörige, Freunde und Nachbarn, die Hilfe benötigen könnten.
  • Bei Unwohlsein, Schwindel, Kopfschmerz oder Schwäche bei sich oder anderen sofort handeln: Suchen Sie einen kühlen Ort auf, trinken Sie Wasser und messen Sie die Körpertemperatur.
  • Bei Hitzekrämpfen und erhöhter Temperatur Hilfe holen: Ruhen Sie sich an einem kühlen Ort aus, trinken Sie elektrolythaltige Lösungen und suchen Sie ärztliche Hilfe bei anhaltenden Krämpfen oder ungewöhnlichen Symptomen.
  • Bei ernsten Symptomen wie trockener, heißer Haut, Delirium, Krämpfen oder Bewusstlosigkeit sofort einen Arzt oder einen Krankenwagen rufen.

WHO warnt vor tödlicher Hitze in Europa: „Anpassung an unsere neue Realität“

Kluge schließt seinen Brandbrief mit der Erinnerung daran, dass die Klimakrise eine existenzielle Bedrohung sei, der wir uns nicht nur diesen Sommer, sondern auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten stellen müssten. Es sei höchste Zeit für entschlossene regionale und globale Maßnahmen, um dieser Bedrohung wirksam zu begegnen.

Maßnahmen zum Klimawandel könnten darum nicht von einer bestimmten Regierung oder politischen Partei abhängig gemacht werden – „es muss wirklich ein überparteiliches Thema sein, das von allen Seiten des politischen Spektrums, von links bis rechts, vertreten wird“.

Ohne direkt auf die aktuelle Debatte einzugehen, bricht Kluge auch eine Lanze für junge Klimaaktivisten und ihren Protest: „Entscheidend ist, dass wir die Jugend einbeziehen, denn sie engagiert sich wirklich für die Klimaproblematik, die sie erbt, und steckt oft voller Ideen und Lösungen.“ (uha)

Rubriklistenbild: © Georg Wendt/spa

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