Putins Krieg

Angriff auf Ukraine: „Am Ende bleibt uns allen nichts als durchzuhalten“

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Alltag in der Region Kiew: „Nie habe ich damit gerechnet, dass der Krieg 2023 zu Ende geht. Ich habe aber leise gehofft, dass ich diesen Horizont würde erahnen können.“

„Wenn dich jemand aber am liebsten komplett auslöschen möchte, hast du nicht viele Optionen“, sagt der Journalist Denis Trubetskoy, der selbst von Kiew aus berichtet.

Kiew – „Am Morgen Beschuss, am Abend die Bar“ ist der Satz, mit dem ein langjähriger Freund von mir den Alltag in Kiew zwei Jahre nach Beginn der russischen Vollinvasion beschreibt. Was wir hier erleben, ist nicht mit dem zu vergleichen, womit sich Soldaten an der Front arrangieren müssen. In diesem Winter müssen sie nämlich nicht nur gegen die Russen, sondern auch gegen Tausende von Mäusen und Ratten kämpfen, die ihre Ausrüstung buchstäblich auffressen. Dieser Alltag ist aber auch mit dem der frontnahen Großstädte wie Charkiw und Cherson nicht vergleichbar. Dort ist es oft genug so, dass der Luftalarm erst nach dem Einschlag zu hören ist. Zudem wird auf Cherson oder Saporischschja eher nicht mit präziseren Waffen geschossen, sondern etwa mit umgebauten S-300-Flugabwehrraketen, die im Boden-Boden-Modus sehr ungenau sind. Letztlich ist es eine Lotterie, ob man den nächtlichen Beschuss überlebt oder nicht.

Russlands Einmarsch in der Ukraine: „Es soll so kommen, wie es kommen wird“

Von einer Normalität in Kiew kann jedoch nur jemand sprechen, der von außen für ein paar Tage ohne besonderen Beschuss kommt und die Sprache nicht spricht, um zu verstehen, worum es bei Gesprächen in diesen Bars geht. Schon längst leben in der Hauptstadt, deren faktische Bevölkerung zu Kriegsbeginn bis auf rund eine Million schrumpfte, wieder mehr als drei Millionen Menschen, die – so weit es geht – einem Alltag nachgehen. Sie arbeiten, kaufen ein und treffen sich mit anderen, um sich mal über den morgendlichen Beschuss auszutauschen – zuletzt waren die massiven russischen Luftangriffe irgendwann zwischen 3 und 8 Uhr –, mal insgesamt über die Lage.

Es wird über den Kriegsverlauf, über die weiterhin fehlenden klaren Zukunftsperspektiven und auch über die Angst vor der Mobilmachung gesprochen. Anders als in den vereinfachten schwarz-weißen Schlagzeilen der westlichen Medien ist die Ukraine sehr weit von dem Moment entfernt, an dem ihr die Männer ausgehen. Natürlich gibt es aber lange nicht so viele Freiwillige wie in den ersten Monaten nach dem 24. Februar 2022 – und je länger der Krieg dauert, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, noch mobilisiert zu werden. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich selbst keine Angst davor habe. Aber es soll so kommen, wie es kommen wird.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

„Ich hatte das tiefe Gefühl, der russische Einmarsch auf der Krim sei prinzipiell ungerecht“

Anders als für den Großteil der Ukrainer hat doch die Zeit prinzipieller Unsicherheit für mich jedoch nicht erst vor zwei, sondern vor zehn Jahren begonnen, als die russische Armee Ende Februar 2014 mit der Besetzung der Krim-Halbinsel begann. Ich, aus Sewastopol stammend und dort damals noch lebend, war 20 – und wurde ironischerweise an dem Tag vor dem sogenannten Referendum am 16. März 2014 gerade 21 Jahre alt. Meine politischen Einstellungen waren zu dem Zeitpunkt noch nicht so richtig geformt. Ich hatte allerdings das tiefe Gefühl, der russische Einmarsch auf der Krim sei prinzipiell ungerecht – und habe die Halbinsel deswegen verlassen. Meine Eltern aber leben bis heute dort.

Schon lange vor dem 24. Februar 2022 war ich aus Sicherheitsgründen nicht mehr auf der Halbinsel. Es bestand aber die theoretische Möglichkeit, die Eltern woanders zu treffen. Die russische Vollinvasion hat diese Chance vorübergehend weggenommen: Ich darf die Ukraine als 30-jähriger Wehrpflichtiger nicht verlassen, meine Eltern können nicht nach Kiew. Wann ich sie sehen kann, ist unklar. Dabei macht sich vor allem meine Mutter große Sorgen um mich, ich meinerseits weiß allerdings nicht, ob es gerade in Sewastopol sicherer als hier ist. Die dort stationierte Schwarzmeerflotte beschießt mein Land mit Marschflugkörpern – oft quasi direkt von meiner Heimatstadt aus. Deswegen ist ihre Infrastruktur ein legitimes Ziel für ukrainische Luftangriffe.

Ukrainische Armee beschießt russische Besatzer auf der Krim:

Daher freue ich mich zwar jedes Mal besonders, wenn die Armee meines Landes Ziele auf der Krim und vor allem auch in Sewastopol trifft. Das ist eine persönliche Angelegenheit. Diese Freude ist aber natürlicherweise mit Sorge verbunden, ob meine Eltern nicht doch irgendwo in der Nähe waren. Denn wie es sich anfühlt, weiß ich bestens. Ich weiß genau, wie man sich fühlt, wenn die Überreste eines Marschflugkörpers quasi im Nachbarhof qualmen. Und ich weiß auch, wie es ist, wenn den Russen tatsächliche Einschläge in der Nähe gelingen: Am 2. Januar war ich etwa echt froh, dass das Fensterglas in meiner Wohnung nicht durch eine Druckwelle zerbrach.

Am Ende bleibt uns allen nichts als durchzuhalten: Soldaten und Zivilisten, Ukrainer im Ausland und im eigenen Land, Menschen tief im Hinterland und nahe der Front. Die russische Staatsführung nimmt das Wort „Verhandlungen“ zwar gerne in den Mund. Die Wirklichkeit aber ist: Für 2024 hat Russland sein Militärbudget im Vergleich zum Vorjahr um 80 Prozent erhöht und plant mindestens drei weitere Kriegsjahre im Haushalt ein. Wladimir Putin möchte sich mit der Brechstange durchsetzen – und hofft ganz klar auf die Reduzierung der internationalen Hilfe für Kiew. Kaum etwas spielt dem Kremlherrscher so sehr in die Hände wie die andauernde Krise im US-Kongress, die den ohnehin existierenden ukrainischen Munitionsmangel noch vergrößert.

Ein Feuerwehrmann rettet in Kiew ein Tier nach einem russischen Angriff.

„Dieser Krieg wird vermutlich mindestens noch mal so lange dauern“

Genau deswegen haben die Ukrainer jedoch keine Alternative zu ihrem Verteidigungskampf. Niemand ist kriegsmüder als wir. Wenn ich von „Kriegsmüdigkeit“ im Westen höre, verstehe ich zwar, was gemeint ist, kann allerdings nicht kapieren, wie man es sich denn zutraut, dieses Wort überhaupt zu verwenden. Wenn dich jemand aber am liebsten komplett auslöschen möchte, hast du nicht viele Optionen. Der einzige, rein persönliche Wunsch, den ich jetzt hätte, ist daher: irgendwann zumindest grob einschätzen zu können, wann ich nicht mehr von Tag zu Tag beziehungsweise oft sogar Stunde zu Stunde planen muss.

Nie habe ich damit gerechnet, dass der Krieg 2023 zu Ende geht. Ich habe aber leise gehofft, dass ich diesen Horizont würde erahnen können. Nun, am 24. Februar 2024 muss man konstatieren: Dieser Krieg wird vermutlich mindestens noch mal so lange dauern. Und die Ukraine braucht weiter die Hilfe der ganzen westlichen Welt, um Putin, dem auch russische Menschenleben völlig egal zu sein scheinen, eindeutig zu sagen: Hier geht es definitiv nicht weiter.

Denis Trubetskoy wurde 1993 in Sewastopol auf der Krim geboren und berichtet seit 2015 von Kiew aus als freier politischer Korrespondent.

Krieg in der Ukraine

Am 24. Februar 2022 begann der russische Überfall auf die gesamte Ukraine. Ein Ende des Kriegs ist nicht abzusehen. Die Frankfurter Rundschau zieht eine Bilanz des Schreckens.

Jeder Tag Krieg ist einer zu viel: Mit jedem Menschen, der sein Leben verliert, stirbt die Menschlichkeit. Ein Leitartikel von Karin Dalka.

Zwei Jahre Krieg, viele Jahre Vorlauf - eine kommentierende Zeittafel zur Entwicklung in der Ukraine.

Der Krieg gegen die Ukraine fordert Europa – nicht nur verteidigungspolitisch. Eine Analyse von Andreas Schwarzkopf.

Wie weit ist der Weg zum Frieden? In der FR-Serie #Friedensfragen suchen Expertinnen und Experten seit Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine nach Antworten auf viele drängende Fragen. Ein Überblick von Pitt von Bebenburg.

Tun, als gäbe es keine Ukraine: Moskau redet nicht über tote Bekannte, über Wladimir Putin oder Raketenangriffe. Zwei Jahre nach Beginn der „Kriegsspezialoperation“ tun die meisten in Russland so, als gäbe es keine Ukraine. Eine persönliche Betrachtung von Korrespondent Stefan Scholl.

Die Russen stehen vor New York: Ein ukrainisches Städtchen mit einem merkwürdigen Namen sehr nahe der Front. Dort paart sich das Elend der Sowjetzeit mit dem des Krieges. Von Till Mayer.

In Deutschland statt an der Front: Zehntausende Männer aus Russland und der Ukraine verweigern den Kriegsdienst – aber nicht viele bekommen hier Schutz. Von Pitt von Bebenburg.

„Die Nachrichten holen uns immer wieder ein“: Alina Khimich ist mit Familie aus Kiew nach Frankfurt geflüchtet. Sie und ihre Tochter vermissen ihr Heimatland nicht mehr und planen ihr Leben in Deutschland. Aber sie ist verzweifelt, weil ihr Freund jetzt in den Krieg ziehen soll. Von Kathrin Rosendorff.

„Putin ist ein Gefangener seiner Ideologie“: Der Osteuropa-Historiker Martin Schulze Wessel über den Fluch Russlands, die mangelnde Einsicht im Westen und die weitere Bedrohung durch Putin im Falle einer ukrainischen Niederlage. Ein Interview von Michael Hesse.

Das „elegante“ Recht auf Enteignung: Im Westen wird nach juristischen Wegen gesucht, Russlands Staatsschatz an die Ukraine zu geben. Die USA zeigen sich darin besonders innovativ – und forsch. Von Stephan Kaufmann.

Garantiert sicher – wie in der Sowjetunion: Russlands kriegstüchtige Wirtschaft bröckelt an allen anderen zivilen Ecken und Enden. Von Stefan Scholl.

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