Alltag in der Region Kiew: „Nie habe ich damit gerechnet, dass der Krieg 2023 zu Ende geht. Ich habe aber leise gehofft, dass ich diesen Horizont würde erahnen können.“
„Wenn dich jemand aber am liebsten komplett auslöschen möchte, hast du nicht viele Optionen“, sagt der Journalist Denis Trubetskoy, der selbst von Kiew aus berichtet.
Kiew – „Am Morgen Beschuss, am Abend die Bar“ ist der Satz, mit dem ein langjähriger Freund von mir den Alltag in Kiew zwei Jahre nach Beginn der russischen Vollinvasion beschreibt. Was wir hier erleben, ist nicht mit dem zu vergleichen, womit sich Soldaten an der Front arrangieren müssen. In diesem Winter müssen sie nämlich nicht nur gegen die Russen, sondern auch gegen Tausende von Mäusen und Ratten kämpfen, die ihre Ausrüstung buchstäblich auffressen. Dieser Alltag ist aber auch mit dem der frontnahen Großstädte wie Charkiw und Cherson nicht vergleichbar. Dort ist es oft genug so, dass der Luftalarm erst nach dem Einschlag zu hören ist. Zudem wird auf Cherson oder Saporischschja eher nicht mit präziseren Waffen geschossen, sondern etwa mit umgebauten S-300-Flugabwehrraketen, die im Boden-Boden-Modus sehr ungenau sind. Letztlich ist es eine Lotterie, ob man den nächtlichen Beschuss überlebt oder nicht.
Russlands Einmarsch in der Ukraine: „Es soll so kommen, wie es kommen wird“
Von einer Normalität in Kiew kann jedoch nur jemand sprechen, der von außen für ein paar Tage ohne besonderen Beschuss kommt und die Sprache nicht spricht, um zu verstehen, worum es bei Gesprächen in diesen Bars geht. Schon längst leben in der Hauptstadt, deren faktische Bevölkerung zu Kriegsbeginn bis auf rund eine Million schrumpfte, wieder mehr als drei Millionen Menschen, die – so weit es geht – einem Alltag nachgehen. Sie arbeiten, kaufen ein und treffen sich mit anderen, um sich mal über den morgendlichen Beschuss auszutauschen – zuletzt waren die massiven russischen Luftangriffe irgendwann zwischen 3 und 8 Uhr –, mal insgesamt über die Lage.
Es wird über den Kriegsverlauf, über die weiterhin fehlenden klaren Zukunftsperspektiven und auch über die Angst vor der Mobilmachung gesprochen. Anders als in den vereinfachten schwarz-weißen Schlagzeilen der westlichen Medien ist die Ukraine sehr weit von dem Moment entfernt, an dem ihr die Männer ausgehen. Natürlich gibt es aber lange nicht so viele Freiwillige wie in den ersten Monaten nach dem 24. Februar 2022 – und je länger der Krieg dauert, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, noch mobilisiert zu werden. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich selbst keine Angst davor habe. Aber es soll so kommen, wie es kommen wird.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
„Ich hatte das tiefe Gefühl, der russische Einmarsch auf der Krim sei prinzipiell ungerecht“
Anders als für den Großteil der Ukrainer hat doch die Zeit prinzipieller Unsicherheit für mich jedoch nicht erst vor zwei, sondern vor zehn Jahren begonnen, als die russische Armee Ende Februar 2014 mit der Besetzung der Krim-Halbinsel begann. Ich, aus Sewastopol stammend und dort damals noch lebend, war 20 – und wurde ironischerweise an dem Tag vor dem sogenannten Referendum am 16. März 2014 gerade 21 Jahre alt. Meine politischen Einstellungen waren zu dem Zeitpunkt noch nicht so richtig geformt. Ich hatte allerdings das tiefe Gefühl, der russische Einmarsch auf der Krim sei prinzipiell ungerecht – und habe die Halbinsel deswegen verlassen. Meine Eltern aber leben bis heute dort.
Schon lange vor dem 24. Februar 2022 war ich aus Sicherheitsgründen nicht mehr auf der Halbinsel. Es bestand aber die theoretische Möglichkeit, die Eltern woanders zu treffen. Die russische Vollinvasion hat diese Chance vorübergehend weggenommen: Ich darf die Ukraine als 30-jähriger Wehrpflichtiger nicht verlassen, meine Eltern können nicht nach Kiew. Wann ich sie sehen kann, ist unklar. Dabei macht sich vor allem meine Mutter große Sorgen um mich, ich meinerseits weiß allerdings nicht, ob es gerade in Sewastopol sicherer als hier ist. Die dort stationierte Schwarzmeerflotte beschießt mein Land mit Marschflugkörpern – oft quasi direkt von meiner Heimatstadt aus. Deswegen ist ihre Infrastruktur ein legitimes Ziel für ukrainische Luftangriffe.
Ukrainische Armee beschießt russische Besatzer auf der Krim:
Daher freue ich mich zwar jedes Mal besonders, wenn die Armee meines Landes Ziele auf der Krim und vor allem auch in Sewastopol trifft. Das ist eine persönliche Angelegenheit. Diese Freude ist aber natürlicherweise mit Sorge verbunden, ob meine Eltern nicht doch irgendwo in der Nähe waren. Denn wie es sich anfühlt, weiß ich bestens. Ich weiß genau, wie man sich fühlt, wenn die Überreste eines Marschflugkörpers quasi im Nachbarhof qualmen. Und ich weiß auch, wie es ist, wenn den Russen tatsächliche Einschläge in der Nähe gelingen: Am 2. Januar war ich etwa echt froh, dass das Fensterglas in meiner Wohnung nicht durch eine Druckwelle zerbrach.
Am Ende bleibt uns allen nichts als durchzuhalten: Soldaten und Zivilisten, Ukrainer im Ausland und im eigenen Land, Menschen tief im Hinterland und nahe der Front. Die russische Staatsführung nimmt das Wort „Verhandlungen“ zwar gerne in den Mund. Die Wirklichkeit aber ist: Für 2024 hat Russland sein Militärbudget im Vergleich zum Vorjahr um 80 Prozent erhöht und plant mindestens drei weitere Kriegsjahre im Haushalt ein. Wladimir Putin möchte sich mit der Brechstange durchsetzen – und hofft ganz klar auf die Reduzierung der internationalen Hilfe für Kiew. Kaum etwas spielt dem Kremlherrscher so sehr in die Hände wie die andauernde Krise im US-Kongress, die den ohnehin existierenden ukrainischen Munitionsmangel noch vergrößert.
„Dieser Krieg wird vermutlich mindestens noch mal so lange dauern“
Genau deswegen haben die Ukrainer jedoch keine Alternative zu ihrem Verteidigungskampf. Niemand ist kriegsmüder als wir. Wenn ich von „Kriegsmüdigkeit“ im Westen höre, verstehe ich zwar, was gemeint ist, kann allerdings nicht kapieren, wie man es sich denn zutraut, dieses Wort überhaupt zu verwenden. Wenn dich jemand aber am liebsten komplett auslöschen möchte, hast du nicht viele Optionen. Der einzige, rein persönliche Wunsch, den ich jetzt hätte, ist daher: irgendwann zumindest grob einschätzen zu können, wann ich nicht mehr von Tag zu Tag beziehungsweise oft sogar Stunde zu Stunde planen muss.
Nie habe ich damit gerechnet, dass der Krieg 2023 zu Ende geht. Ich habe aber leise gehofft, dass ich diesen Horizont würde erahnen können. Nun, am 24. Februar 2024 muss man konstatieren: Dieser Krieg wird vermutlich mindestens noch mal so lange dauern. Und die Ukraine braucht weiter die Hilfe der ganzen westlichen Welt, um Putin, dem auch russische Menschenleben völlig egal zu sein scheinen, eindeutig zu sagen: Hier geht es definitiv nicht weiter.
Denis Trubetskoy wurde 1993 in Sewastopol auf der Krim geboren und berichtet seit 2015 von Kiew aus als freier politischer Korrespondent.
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