Alina Khimichs Familie ist aus Kiew nach Frankfurt geflüchtet. Sie vermissen die Heimat nicht mehr – doch der Freund soll jetzt an die Front im Krieg.
Frankfurt – Als Alina Khimich mit ihrer 98-jährigen Oma, ihrer Mutter und ihrer Tochter aus ihrer Heimatstadt Kiew vor dem Ukraine-Krieg nach Frankfurt flüchtet, packt sie für alle vier nur einen Koffer. „Ich dachte, wir machen so etwas wie einen Ausflug, es wird meine erste Auslandsreise. Dass der Krieg so lange dauern würde, hatte ich nicht geglaubt“, sagt Alina Khimich.
Fast zwei Jahre sind seit der Flucht im März 2022 vergangen, wenige Wochen, nachdem Russlands Präsident Wladimir Putin den Angriffskrieg auf die Ukraine begonnen hat. Aber an diese Angst, als sie neben ihrem Freund in einem Ferienhaus in einem Vorort vor Kiew aufwacht, die Raketeneinschläge hört und „zunächst nicht weiß, was da gerade passiert“, erinnert sie sich noch genau.
Jahrestag vom Ukraine-Krieg: Geflüchtete Familie hat neues Leben in Frankfurt
Die 33-Jährige trägt ein schwarzes Vyshyvanka-Kleid mit goldenem Muster, eine Nationaltracht. Sie sitzt wenige Tage vor dem 24. Februar, dem zweiten Jahrestag des Kriegsbeginns in der Ukraine, am großen Esstisch im Wohnzimmer ihrer Frankfurter Wohnung. Auf dem Tisch stehen Blinis, süße und deftig gefüllte Pfannkuchen, die sie mit ihrer zwölfjährigen Tochter Viktoria vorbereitet hat.
Ihr flauschiges Hündchen Romeo, das mit ihnen geflüchtet ist und, wie sie scherzhaft gerne sagen, „der einzige Mann in der Familie ist“, springt fröhlich umher. Die Stimmung ist heiter: Mutter und Tochter scherzen viel miteinander. Heimweh haben beide nicht mehr, sagen sie. Frankfurt sei ihr Zuhause, auch emotional. „Ich überlege, wie ich die Wände neu streichen will, damit es noch gemütlicher wird“, sagt Khimich. Aber es ist nicht alles so unbeschwert, wie es wirkt.
Schlechte News von der Front holen die Ukraine-Geflüchtete im Alltag ein
Die Nachrichten aus der Ukraine verfolgten sie zwar nicht mehr so intensiv wie in den ersten Wochen. „Aber die Nachrichten holen uns immer wieder ein. Vor wenigen Tagen habe ich erfahren, dass mein Kindheitsfreund an der Front gefallen ist. Zwei Jahre hat er gekämpft. Als kleines Mädchen habe ich davon geträumt, ihn später einmal zu heiraten“, sagt Khimich und ihr Gesicht wird für einen Moment sehr ernst und traurig.
Wenn Khimich sonst etwas erzählt, leuchten ihre Augen, sie hat eine ansteckende Fröhlichkeit. „Ich möchte so stark und positiv sein wie meine Oma und meiner Familie Kraft geben. Sie ist mein Vorbild.“
Als Zwangsarbeiterin schon in Deutschland – jetzt starb Alexandra Kosiakova mitten im Ukraine-Krieg
Alexandra Kosiakova, „die Babuschka“, wie die drei Frauen das Familienoberhaupt mit den leuchtend blauen Augen liebevoll nannten, wäre an diesem Tag des Treffens 100 Jahre alt geworden. „Das wäre ein großes Fest gewesen. Ich will mich nicht an ihren Todestag erinnern, sondern nur an ihren Geburtstag“, sagt Alina Khimich, Tränen sind in ihren Augen.
Die Serie
Wir begleiten die Familie seit April 2022 und berichten über ihr neues Leben in Deutschland.
Bisher erschienen:
-Angekommen: Alexandra Kosiakova (98) kommt erneut nach Deutschland
-Flucht: 98-jährige kommt nach Deutschland, um Familie zu retten
Viktoria sagt: „Wenn ich nach Hause komme, will ich sie immer noch begrüßen. Ich denke, sie sitzt wahrscheinlich nur auf dem Balkon oder bereitet noch Borschtsch in der Küche vor.“ Schon in Kiew lebten die vier Frauen zusammen. Kosiakovas 99. Geburtstag hatten sie noch mit Gästen fröhlich gefeiert. Bis zum Schluss hatte sie gehofft, mit ihrer Familie nach Hause, nach Kiew, zurückzukehren. Im April 2023 starb sie an den Folgen eines Schlaganfalls.
Ihr Schicksal hatte viele Menschen berührt, denn als junge Frau war Alexandra Kosiakova schon in Deutschland: als Zwangsarbeiterin im Zweiten Weltkrieg. Wie sie beim ersten FR-Interview betont hatte, wollte sie nie wieder ihr Heimatland verlassen: „Ich habe die Flucht auf mich genommen, um meine Familie zu retten.“
Kosiakovas Tochter und Alina Khimichs Mutter Alla Skliaruk (65) kann diesmal nicht beim Interview dabei sein, das wäre ihr zu viel. „Der Tod meiner Oma hat sie sehr mitgenommen. Seit Anfang des Jahres ist sie leider schwer krank.“ Khimichs Grundschulfreundin Xenia Besarabska, die bereits als Kind nach Deutschland kam, übersetzt beim Interview aus dem Russischen.
Deutschkurs für Ukraine-Geflüchtete: Familie wird von Jobcenter hin- und hergeschickt
Khimich sagt, ihr Deutsch sei noch nicht so gut, wie sie es sich erhofft hatte: „Ich wurde schon zu drei verschiedenen Jobcentern in Frankfurt geschickt. Es gab Komplikationen, so dass ich immer noch nicht meinen Integrationskurs machen konnte. Ich hoffe, dass ich bald die notwendige Bescheinigung bekomme.“
Einen ersten Deutschkurs hatte ihr eine Frankfurter Familie, die den vier Frauen auch die Wohnung zur Miete angeboten hatte, privat bezahlt. Auch Viktorias Deutschkenntnisse sind noch nicht besonders gut. Die Zwölfjährige besucht eine Integrationsklasse, fast alles ukrainische Kinder unterschiedlichen Alters.
Ihre Mutter sucht nun dringend eine gute Deutschnachhilfe, da Viktoria ab dem nächsten Schuljahr auf eine andere Schule und dort in den normalen Unterricht gehen soll. Viktoria erzählt, dass sie später gerne Oralchirurgie studieren möchte. Ganz sicher ist sie aber noch nicht. Ihre Mutter plant so oder so ihre Zukunft in Deutschland. „Ich fürchte, der Krieg wird noch sehr lange dauern, und selbst wenn Frieden ist, wird das Leben in der Nachkriegszeit sehr hart. Meine Oma hat uns immer von ihren Erfahrungen erzählt. Ich möchte nicht, dass Viktoria in einer Stadt voller Trümmer aufwachsen muss.“
Minijob statt Bürgergeld: Mutter hält die Familie über Wasser
Aktuell hat Khimich einen Minijob in einem Schönheitssalon und macht dort Maniküre. Viele Ukrainerinnen seien ihre Kundinnen, sie vertrauten einander auch Probleme an. In Kiew hatte Khimich Luftfahrttechnik studiert. Aber als Viktoria geboren wurde, eröffnete sie dort einen Schönheitssalon. „Mein Traum ist es, wenn ich besser Deutsch kann, am Flughafen einen Vollzeitjob mit Aufstiegsmöglichkeiten zu bekommen.“
Viktoria, die in den ersten Monaten noch unbedingt zurück nach Kiew wollte, denkt kaum noch zurück. Das Teenie-Mädchen hat in Frankfurt eine beste Freundin, ein ukrainisches Mädchen, gefunden. Sie sagt: „Ich bin in Deutschland erwachsen geworden. Die Freundschaften, die ich in Kiew hatte, waren die eines Kindes. Jetzt führe ich erwachsene Konversationen mit meiner Freundin.“
Mit ihrem Vater, von dem Khimich schon seit Jahren geschieden ist und der eine neue Familie hat, spricht sie wenig. Der Kontakt sei schon vor Ausbruch des Krieges nicht so nah gewesen. Seitdem ihre Oma krank ist, hilft Viktoria ihrer Mutter im Haushalt, putzt das Bad, geht mit Romeo Gassi. „Auch ich musste erst mal lernen, Borschtsch, also Suppe, zu kochen, das hat früher meine Oma immer gemacht. Bei den ersten Versuchen gab es bei uns am Tisch viele ,Bäh’-Geräusche“, sagt Khimich und lacht.
Flucht vor Ukraine-Krieg: Freund soll jetzt an der Front gegen Russland kämpfen
Dreimal war Alina Khimich seit ihrer Flucht in Kiew. Das letzte Mal im Mai 2023 bei der Beerdigung der Oma. Es war auch das letzte Mal, dass sie ihren Freund gesehen hat. Seit sieben Jahren sind sie ein Paar. „Wir telefonieren täglich. Für Viktoria ist er ein Vaterersatz.“ Der 50-Jährige arbeitet als Bodenleger in Kiew. Noch.
Bilder des Ukraine-Kriegs: Großes Grauen und kleine Momente des Glücks
Denn dann folgt der traurigste und emotionalste Moment des Interviews, als sie sagt: „Ich mache mir große Sorgen. Mein Freund hat jetzt die Mitteilung bekommen, dass er bald eingezogen wird. Anfangs haben sie nur Männer bis 45 eingezogen. Er hat mich gebeten, dass ich so bald wie möglich nach Kiew reise, um mich noch vorher von ihm zu verabschieden.“ Denn eine Fahnenflucht im Ukraine-Krieg ist nahezu unmöglich.
Wir begleiten die Familie seit April 2022 und berichten über ihr neues Leben in Deutschland.
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