„Niemand hat eine Ahnung“: Hamas-Sprecher weiß nicht, wie viele Geiseln noch leben
VonLisa Mahnke
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Die Freilassung der Geiseln ist für Israel bei den Verhandlungen unverzichtbar. Ein Hamas-Sprecher gesteht: Die Anzahl der lebenden Geiseln ist unklar.
Beirut – Bei den Verhandlungen um einen Waffenstillstand im Gazastreifen steht eine Forderung für Israel außer Frage: die Freilassung aller verbleibenden Geiseln. In einem Interview erklärte der Hamas-Sprecher für Außenbeziehungen, Osama Hamdan, jedoch, dass „niemand eine Ahnung“ habe, wie viele Geiseln noch am Leben seien. Seinen Worten zufolge ist statt einem Waffenstillstand ein Kriegsende nötig, um einen Gefangenenaustausch zu verwirklichen.
Der letzte Vorschlag für einen Waffenstillstand, der von Seiten Israels kam, habe die Anforderungen der Hamas an ein Kriegsende nicht erfüllt, so Hamdan im Gespräch mit CNN in der libanesischen Hauptstadt Beirut. Er forderte „eine klare Position Israels, den Waffenstillstand und den vollständigen Rückzug aus dem Gazastreifen zu akzeptieren und die Palästinenser ihre Zukunft selbst bestimmen zu lassen, den Wiederaufbau, die Aufhebung der Belagerung“.
Selbst Hamas unsicher: Zahl an lebenden und toten Geiseln unbekannt
Dass die Zahlen der lebenden und toten Geiseln auf israelischer Seite unklar waren, ist schon länger bekannt. Israel glaubt laut CNN, dass mehr als 70 der über 100 verbliebenen Geiseln noch am Leben sind. Viele sorgen sich jedoch darum, dass die Todeszahlen bei den Geiseln höher sein könnten als angenommen.
Hamdan gab nun allerdings zu, dass auch auf Seiten der Hamas unsicher sei, wie viele Geiseln noch am Leben seien. Laut dem Sprecher für Außenbeziehungen sind bei der kürzlichen Befreiung von vier Geiseln drei weitere Geiseln gestorben. Es wäre nicht das erste Mal, dass Geiseln bei der Befreiung anderer Geiseln sterben. Beweise dafür gab er allerdings nicht an.
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Schon bei einem Befreiungsdeal im April gaben die Hamas an, die Forderungen nach 40 zu befreienden Geiseln nicht erfüllen zu können, da nicht genug Geiseln die Anforderungen erfüllen würden. So gab es zuvor bereits Berichte von Geiseln, die angeblich spurlos verschwunden seien. Möglicherweise ist dies auch der Hauptgrund für die Schwierigkeiten bei den aktuellen Verhandlungen: die Angst, Israel würde den Waffenstillstandsplan bei vielen Toten oder bei anderen Problemen im Austausch nicht weiter verfolgen.
US-Außenminister Blinken plädiert für Gaza-Friedensplan – auch UN-Sicherheitsrat akzeptierte
Die Hamas verlangte inzwischen weitere Änderungen am Friedensplan. Laut einer Erklärung des US-Außenministers Antony Blinken würden einige Wünsche „über die Positionen hinausgehen, die zuvor vertreten und akzeptiert wurden“. Der Vorschlag Israels sei „praktisch identisch“ zu dem vorherigen Vorschlag der Hamas gewesen, so Blinken.
„Es ist Zeit, dass das Feilschen aufhört“, erklärte Blinken im NBC-Nachrichtenformat „Today“. Er forderte den Hamas-Chef im Gazastreifen, Yahya Sinwar, auf, den Friedensdeal zu akzeptieren. „Er ist im Untergrund relativ sicher. Die Menschen, die er vorgibt zu vertreten, leiden jeden Tag.“ Blinken erklärte in seiner Rede, es sei „ein Deal, hinter dem die ganze Welt steht“. Am Montag hatte auch der UN-Sicherheitsrat den Plan für einen Waffenstillstand, der laut einer Presseerklärung der UN drei Phasen vorsieht, angenommen.
In der ersten Phase ist eine sechswöchige Waffenruhe geplant, in der Geiseln gegen palästinensische Gefangene ausgetauscht würden und sich das israelische Militär aus den bewohnten Gebieten im Gazastreifen zurückziehen würde. Nach weiteren Verhandlungen könnte dann die zweite Phase, eine dauerhafte Beendigung des Krieges und ein vollständiger Rückzug Israels aus dem Gazastreifen, eintreten. Die dritte Phase sieht einen „mehrjährigen Rekonstruktionsplan für Gaza“ vor.
Netanjahu bestätigt Vorschlag für Friedensplan nicht öffentlich – Hamas sorgt sich offenbar um Einhaltung
Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu habe gegenüber Blinken seine Unterstützung des Vorschlags erneut bestätigt, auch wenn er dies laut CNN öffentlich noch nicht bekannt gab. Blinken forderte im NBC-Interview: „Die Hamas muss zeigen, dass auch sie ein Ende der Krise will. Wenn sie das tut, können wir es zu Ende bringen. Wenn sie das nicht tut, bedeutet das, dass sie den Krieg fortsetzen will.“
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Laut Hamdan geht es der Hamas vor allem um die Länge des Waffenstillstands. Die Sorge sei, dass Israel die zweite Phase des Deals nicht durchsetzen würde: „Die Israelis wollen den Waffenstillstand nur für sechs Wochen und dann wollen sie zurück in den Kampf“. Deshalb forderte Hamdan ein sofortiges Kriegsende, zu dem die USA Israel überzeugen sollten.
Hamas-Sprecher gibt Israel die Schuld an aktueller Situation: Angriff als „Reaktion gegen die Besatzung“
Hamdan sprach vor dem Angriff am 7. Oktober als „eine Reaktion gegen die Besatzung“ und gab Israel die Schuld an der aktuellen Situation. Seit dem Angriff der Hamas sollen laut CNN etwa 90 Prozent der Bevölkerung im Gazastreifen durch die Kämpfe vertrieben worden sein. Die Mitteilungen dafür erreichten die Bevölkerung oft erst kurzfristig.
Die Besatzung würde so oder so töten, so Hamdan, – egal ob man dagegen vorgehe oder nicht. „Was sollen wir also tun, einfach nur warten?“ Es sei ein Falschbericht, dass der Hamas-Chef die toten Zivilisten als „notwendige Opfer“ bezeichnet habe.