Krieg gegen die Existenzgrundlagen der Menschen: Arbeiter untersuchen den Schaden nach einem Raketeneinschlag in einem ukrainischen Umspannwerk. Russlands Terror gegen die Energieanlagen durchzieht den gesamten Ukraine-Krieg und hat höchstens zweitrangig militärischen Wert (Archivfoto).
Wie The New Voice of Ukraine berichtet, habe Russland in der Nacht des 28. Oktober beispielsweise in der Region um Charkiw „einen massiven kombinierten Angriff“ geflogen mit Shahed-Drohnen, Kalibr-Raketen vom Meer aus, Kh-101-Raketen von Tu-95-Flugzeugen aus sowie ballistischen Raketen „Insgesamt waren an dem Angriff 188 Raketen und Drohnen beteiligt. Die ukrainische Luftabwehr fing 79 Raketen und 35 Angriffsdrohnen ab“, wie das Magazin schreibt.
Kalibr-Einsatz: Möglicherweise hat Russland seine Kriegstauglichkeit allgemein erhöht
Möglicherweise hat Russland damit seine Kriegstauglichkeit allgemein erhöht. Wie das Magazin Army Recognition aktuell berichtet, habe Russland mit Filmmaterial bewiesen, dass es Kalibr-Marschflugkörper erfolgreich auch von See aus einsetzen könne – was sie jetzt wohl auch gegen die Ukraine angewandt haben. Das Material zeige „eine bedeutende Raketenübung mit scharfer Munition“, die von der Korvette Gremyashchiy der russischen Pazifikflotte durchgeführt worden sein soll. Die Korvette habe einen hochpräzisen Stealth-Marschflugkörper vom Typ Kalibr aus den Gewässern der Avacha-Bucht an der Ostküste Russlands auf ein Küstenziel abgefeuert, schreibt das Magazin.
„Während Russland die zivile Infrastruktur in der Ukraine zerstört, scheint es, dass Moskau eine Strategie verfolgt, bei der zivile Opfer ein Merkmal und nicht eine Folge seines Vorgehens sind“.
„Trotz schwieriger meteorologischer Bedingungen, darunter schlechte Sicht und rauer Seegang, führte die Besatzung den Start erfolgreich durch, was sowohl die Widerstandsfähigkeit der Gremyashchiy als auch die Präzisionsfähigkeiten des Kalibr-Systems unterstreicht“, so Army Recognition. Die Streumunition ist neben dem militärischen Nutzen ein klarer Angriff auf die Menschlichkeit.
Die in München ansässige Nichtregierungsorganisation Handicap International erinnert daran, dass 2010 das „Oslo-Abkommen“ in Kraft getreten ist und somit das Verbot von Streumunition. Weder die USA, noch Russland oder die Ukraine gehören zu den Vertragsstaaten. Im vergangenen Jahr soll die Ukraine auch von den USA mit Streumunition beliefert worden sein. Russland jedenfalls setzt diese Waffen verstärkt ein – auch die fahrzeuggebundenen Iskander-Boden-Boden-Raketen waren bereits mit Streumunition gestartet worden.
Putins Streumunition: Achtmal so viele Opfer wie herkömmliche Sprenggeschosse
„Jede dieser Raketen verschießt 182.000 Wolframkugeln – wie riesige Schrotpatronen“, schreibt Forbes-Autor David Axe. Die Anzahl und Beschaffenheit dieser „Bomblets“ sind allerdings eher nebensächlich, denn sie ähneln einander in der Wirkung, wie Mark F. Cancian sagt: „Eine Analyse des Einsatzes von Streumunition während des Vietnamkriegs ergab, dass diese achtmal so viele Opfer forderte wie herkömmliche Sprenggeschosse. Bei Tests gegen Fahrzeuge in Friedenszeiten war Streumunition 60-mal so wirksam“, sagte der ehemalige Artillerieoffizier und heute Berater des US-Thinktanks Center for Strategic & International Studies (CSIS) zu den möglichen Verlusten.
Am 16. Juli 2023 zitierte die Nachrichtenagentur Reuters den russischen Präsidenten Wladimir Putin, wonach er „den Einsatz von Streubomben als Verbrechen“ betrachte – und sie trotzdem selbst verschießt. Wie das Magazin Defense Express berichtete, sei die Effektivität der ukrainischen Luftabwehr sehr hoch gewesen – das ukrainische Luftwaffenkommando hätte 89,7 Prozent der anfliegenden Marsch- und Lenkflugkörper vernichtet sowie 100 Prozent der angreifenden Drohnen. „Das heißt, nur neun russische Marschflugkörper vom Typ Kh-101 und Kalibr sowie drei Flugabwehrraketen erreichten ihre Ziele“, so Defense Express.
Albtraum der Ukraine: Russland hat ausreichenden Vorrat an Raketen für über 350 Kilometer Reichweite
Die Kalibr-Marschflugkörper sollen von Schiffen im Schwarzen Meer abgefeuert worden sein; der Sender RBC berichtete am 25. November, dass insgesamt vier Träger von Kalibr-Raketen im Schwarzen Meer aufgetaucht waren. Das Magazin Army Recognition bezeichnet Fregatten als die Schlüsselrolle für Einsätze mit Kalibr: „Die Fregatten der Admiral-Grigorowitsch-Klasse (Projekt 11356), von denen drei Schiffe im Einsatz sind, sind mit vertikalen Startsystemen (VLS) ausgestattet, die Kalibr-Raketen abfeuern können. Diese Schiffe werden hauptsächlich in der Schwarzmeerflotte eingesetzt und sind für ihre Vielseitigkeit in verschiedenen Einsatzgebieten bekannt“, so das Magazin.
Beängstigend sind die Informationen, die der Sender RBC Ende November veröffentlichte: „Quellen von RBC-Ukraine zufolge verfügt Russland über einen ausreichenden Vorrat an Raketen mit einer Reichweite von über 350 Kilometern. Am 20. November hatte Russland etwa 390 Kalibr-Raketen in seinem Arsenal, 30 weitere sollen im November produziert werden“, berichtete der Sender jüngst.
Auch die von RBC veröffentlichten Zahlen zu anderen Raketentypen und Drohnen scheinen bedrückend: Aufgrund der zuletzt geringen Intensität der Luftangriffe und einer offenbar erhöhten Produktionsrate soll Russland im November mehr als 1.500 Raketen verschiedenen Typs im Arsenal horten, wie Uliana Bezpalko und Liliana Oleniak veröffentlicht haben – Ziel des Raketenterrors sei immer noch vorrangig der Energiesektor, so die RBC-Autorinnen. Sie wollen nachweisen können, dass Russland seine Taktik geändert habe.
Experten sicher: Russland vom bisherigen Zeitplan abgewichen – Effizienz des Terrors hat zugenommen
Anstatt relativ vorhersehbarer Angriffe auf einzelne Segmente der Energieproduktion wie beispielsweise Wärmekraft- oder Umspannwerke, habe sich Russland auf Angriffe mit gemischten Zielen umgestellt. Die Effizienz des Terrors habe somit wohl zugenommen. „Russland ist vom bisherigen Zeitplan abgewichen, als das Land nachts von Kamikaze-Drohnen und tagsüber von Marschflugkörpern terrorisiert wurde. Auch Kinzhals und ballistische Raketen wurden eingesetzt, und Shaheds fliegen oft gleichzeitig mit Raketenwaffen. Da Patriot-Systeme ein relativ kleines Gebiet der Ukraine schützen, war es fast garantiert, dass ballistische Raketen eine ausgewählte Energieanlage treffen und Schaden anrichten würden“, schreiben die Autorinnen.
Neben den Offensiven mit gemischten Waffensystemen soll Russland auch die Intervalle angepasst haben: Laut RBC habe Russland zu Beginn des Krieges alle sieben Tage angegriffen, danach alle zehn Tage. Im Winter vergangenen Jahres habe Putin alle zwei Wochen attackieren lassen und bläst jetzt wieder häufiger zum Sturm. Er scheint die Zeit des Wechsels zwischen den beiden US-Präsidenten nutzen zu wollen, um die Ukraine vollends zu demoralisieren. Darüberhinaus mischte Russland unter seine Drohnenschwärme auch Attrappen, um die ukrainische Luftabwehr an die Grenze der Belastbarkeit zu treiben.
Ukraine-Krieg eskaliert: Russland schätzt offenbar den Wert eines zivilen Menschenlebens gering
„Die Idee war, eine Drohne zu bauen, die beim Feind ein Gefühl völliger Unsicherheit erzeugt. Er weiß also nicht, ob es sich wirklich um eine tödliche Waffe handelt oder im Wesentlichen um ein Schaumstoffspielzeug“ – mit der anonymen Quelle belegt der britische Independent die vorhergehende perfide Strategie Wladimir Putins im Ukraine-Krieg: Offenbar setzt Russland wohl mehr Täuschkörper ein und experimentiert daneben mit Drohnen, die thermobare Sprengladungen transportieren. Wie jetzt auch, hatte Putin damit vor allem die Leidensfähigkeit der Zivilbevölkerung zum Ziel.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
So wenig, wie der russischen Führung ein Soldatenleben gilt, so gering schätzt Russland offenbar auch den Wert eines zivilen Menschenlebens – das glaubt jedenfalls William Alberque. Der ehemalige Nato-Direktor für Strategie, Technologie und Rüstungskontrolle sieht einen kriegsentscheidenden Faktor in der jeweiligen Toleranz gegenüber militärischen sowie zivilen Opfern – und die hält er auf russischer Seite für weitaus stärker ausgeprägt als auf westlicher, wie er für den US-Thinktank International Institute for Strategic Studies(IISS) schreibt.
„Während Russland die zivile Infrastruktur in der Ukraine zerstört, scheint es, dass Moskau eine Strategie verfolgt, bei der zivile Opfer ein Merkmal und nicht eine Folge seines Vorgehens sind“.