„Halten den Feind in Schach“: Putins Armee scheitert an Pokrowsk
VonKonstantin Ochsenreiter
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Pokrowsk ist ein Schlüsselpunkt im Donbass-Konflikt: Russland intensiviert seine Attacken – die Ukraine setzt auf Spezialtruppen zur Gegenwehr.
Pokrowsk – Die Lage an der Front in Pokrowsk spitzt sich immer weiter zu: Bereits zum Jahresbeginn attackierten die ersten russischen Kräfte die Bergbaustadt. Aus ehemals 60.000 Einwohnern wurden nach Informationen der Tagesschauetwa 170.000 russische Soldaten im weiteren Raum Pokrowsk – wie der ukrainische Präsidenten Wolodymyr Selenskyj erklärt, befinden sich „unseren Daten nach 314 Russen“ bereits unmittelbar in der Stadt.
Soldaten der russischen Streitkräftegruppe „Zentr“ beschossen ukrainische Stellungen im Sektor Krasnoarmeysk (Pokrowsk) mit BM-21 Grad-Mehrfachraketenwerfern. Die Attacke erfolgte nach Angaben Moskaus in der besetzten Region Donezk. (Symbolbild)
Was lange als aussichtslos galt, könnte nun Früchte tragen: Laut mehrerer Berichte steht Russland unmittelbar vor der Eroberung der Stadt – und es entfacht eine Debatte, ob Wolodymyr Selenskyj den Zeitpunkt für einen Rückzug verpasst hat.
Pokrowsk im Ukraine-Krieg: Putin vor entscheidendem Sieg?
Trotz des anhaltenden Drucks verteidigen ukrainische Streitkräfte die ehemalige Industriestadt Pokrowsk und berichten von mehreren abgewehrten russischen Vorstoßversuchen und Kontern. Die russische Armee ist mehreren Berichten zufolge zahlenmäßig und ausrüstungstechnisch überlegen. Am vergangenen Dienstag erklärte die Armee, sie verstärke in Pokrowsk „die Umzingelung des Gegners“. Eine Äußerung, der Wolodymyr Selenskyj und sein Generalstab vehement widersprachen.
Selenskyj erklärte: „Für Russland ist es sehr wichtig, alles dafür zu tun, um Pokrowsk real zu erobern“. Wladimir Putin wolle den USA und dem Präsidenten Donald Trump zeigen, dass sie Erfolge auf dem Schlachtfeld haben und den industriellen Donbass erobern können. Bei den ebenfalls in der Region Donezk gelegenen Städten Siwersk, Kramatorsk und Kostjantyniwka hätten die russischen Truppen trotz ständiger Angriffe aber „keine Erfolge“.
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands
Selenskyjs Truppen konnten nach Angaben des Institute for the Study of War (ISW) zufolge östlich von Rodynske (nördlich von Pokrowsk) gar marginale Geländegewinne erzielen. Dies geschah mithilfe gezielter Infiltrationsmissionen, das ISW betont jedoch: Diese bewirkten keine dauerhaften Veränderungen der Frontlinie.
Selenskyjs Truppen halten „den Feind in Schach“: Pokrowsk Front im Fokus des Ukraine-Kriegs
Die Lage an der Front ist unübersichtlich: Eine Analyse der Zeit berichtet von einer Aufnahme Ende Oktober, auf welcher eine russische Flagge an einem strategischen ukrainischen Versorgungspunkt im Nordwesten gezeigt wird. Jüngere Aufnahmen dokumentieren zudem russische Soldaten im Osten der Stadt. Damit bestätigt sich der Eindruck, einer von Selenskyj selbst beschriebenen „schweren Lage“.
Die Kampffrequenz scheint jedoch hoch zu bleiben: Ein Bericht von ntv stützt sich auf die ukrainische Truppengruppe Ost. Der Bericht meldet, dass Putins Truppen am Samstag fast 60 Versuche wagten, die Verteidiger aus ihren Stellungen zu treiben. Davon seien 52 Versuche abgewehrt worden – man halte „den Feind in Schach“ zitiert ntv aus einer Mitteilung. Die Angaben ließen sich allerdings nicht unabhängig überprüfen. Zuletzt gab Kiew offiziell die Entsendung von Spezialtruppen nach Pokrowsk bekannt.
Strategische und moralische Bedeutung: Was der Verlust für Selenskyj bedeuten würde
Die strategisch wichtige Bergbaustadt liegt auf einem Versorgungsweg für die Ukraine. Seit mehr als einem Jahr versucht die russische Armee, die Stadt in der Industrieregion Donezk einzunehmen. Kiew hatte zuletzt eingeräumt, dass mehrere hundert russische Soldaten nach Pokrowsk eingedrungen seien. Die Frontlinie blieb dabei heftig gekämpft.
Der Einfluss von Pokrowsk liegt vor allem auf zwei Ebenen: Einerseits liegt die Stadt strategisch wichtig, andererseits gilt sie als Symbol für den ukrainischen Widerstand gegen den mehr als dreieinhalb Jahren andauernden russischen Angriffskrieg. Militärexperte Gustav Gressel übte zuletzt gegenüber dem Tagesspiegel, Kritik an dem ukrainischen Präsidenten: Die Verteidigung des Frontbogens binde erhebliche ukrainische Kräfte und ließe den Personalbestand der Armee sinken. Der Tagesspiegel ergänzte die Einschätzung der finnischen Analysefirma Black Bird Group, diese mahnt: „Je mehr Zeit vergeht, desto schwieriger wird der Rückzug“.
Gressel betonte bereits im Sommer gegenüber dem ZDF, die Stadt selbst als Festungsstadt nicht mehr so wichtig wie früher. Weiter sei sie auch nicht länger ein Nachschubknotenpunkt, da die entsprechenden Transportabschnitte inzwischen in russischer Hand lägen. (Quellen: dpa, AFP, Tagesschau, ISW, ZEIT, ZDF, Tagesspiegel) (kox)