Landtagswahlen

Ein klares Votum gegen Kanzler Scholz aus Bayern und Hessen

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Die Ampel-Parteien werden bei den Landtagswahlen in Hessen und Bayern abgestraft. Der Rechtsruck ist ein beunruhigender Vorgeschmack. Der Leitartikel.

Die Unionsparteien haben diesen Wahlsonntag in bei der Hessen-Wahl und Bayern zur „kleinen Bundestagswahl“ gemacht – mit Erfolg. Kanzler Olaf Scholz (SPD) und seine unbeliebte Ampel in Berlin haben die Quittung für ihre quälenden Auseinandersetzungen und für ihre inkonsequente Politik jetzt in Wiesbaden und München erhalten. Landespolitik spielte kaum eine Rolle.

Es herrscht schlechte Stimmung im Land. Der Kanzler und seine Ampel haben es nicht geschafft zu vermitteln, dass Arbeit und Wohlstand, Wohnungen und Infrastruktur gesichert sind. Die Berliner Regierungsparteien wurden abgestraft, während in den beiden Ländern keine Wechselstimmung auszumachen war.

Profitiert hat vor allem der freundliche und oft beliebige Hesse Boris Rhein (CDU), der nur ungern aneckt und in den Grünen einen verlässlichen Koalitionspartner hatte. Der hart attackierende Markus Söder (CSU) in Bayern hingegen, der die Grünen zum Hauptgegner erklärt hatte, muss sich mit einem für seine Partei mageren Ergebnis zufrieden geben – und bleibt trotzdem an der Macht.

Bundeskanzler Olaf Scholz und Bundesinnenministerin Nancy Faeser (beide SPD) in Frankfurt.

Landtagswahlen: Für die FDP ist das Ergebnis bitter, und für SPD-Spitzenfrau Nancy Faeser auch

SPD, Grüne, FDP – sie alle haben Federn gelassen. Für die FDP ist das Ergebnis besonders bitter, aber auch für eine Politikerin, die direkt für die Ampel-Parteien in Haftung genommen wurde: Nancy Faeser. Als hessische Oppositionsführerin, die sie früher war, hätte sie möglicherweise eine Chance gehabt, eine Ampel nach dem rheinland-pfälzischen Vorbild von Malu Dreyer (SPD) zu formen. Mit ihrem Gang als Bundesinnenministerin nach Berlin wurde sie hingegen nicht mehr als muntere Hoffnungsträgerin für Hessen wahrgenommen, sondern als Mitglied der unbeliebten Bundesregierung.

Als zuständige Ministerin für die Migrationspolitik konnte sie mit der europäischen Verschärfung der Asylpolitik auf keiner Seite Punkte machen – den einen erschien sie zu nachgiebig, den anderen zu hart im Umgang mit Geflüchteten. Nun ist Faeser aus dem Rennen in Wiesbaden. Selbst wenn die SPD sich als Juniorpartnerin in eine Koalition unter Rheins CDU rettet, wird die Spitzenkandidatin nicht dabei sein – das hatte sie von Anfang an verkündet. Auch das könnten ihr manche übel genommen haben.

Die Union scheint auf den ersten Blick obenauf zu sein, auch wenn Söders CSU Stimmen an die Parteien am rechten Rand verloren hat. Beide Unions-Ministerpräsidenten werden im Amt bleiben können. Es ist eine wunderliche Wendung der Geschichte, dass Unionsfraktionschef Friedrich Merz gestärkt aus dieser Wahl hervorgeht. Er profitiert ausgerechnet von den Ergebnissen zweier Regierungschefs, die ihm nicht grün sind. Markus Söder hätte gerne selbst Anspruch aufs Kanzleramt erhoben, was sich nach diesem Sonntag wohl erübrigt, und Boris Rhein bevorzugt seinen NRW-Kumpel Hendrik Wüst.

Landtagswahlen: Die AfD legt zu, obwohl sie keine Lösungen zu bieten hat

Beunruhigend ist der Rechtsruck. Die AfD zieht so stark wie nie in die beiden Landtage ein. Sie profitiert davon, dass die anderen Parteien ihr die Vorlagen in der Flüchtlingspolitik gegeben haben. Auch die Freien Wähler schneiden trotz – oder, schlimmer noch, wegen – der Antisemitismusaffäre um Vize-Regierungschef Hubert Aiwanger besser ab als zuvor.

Boris Rhein: Werdegang, Wahlen und Skandale des hessischen Ministerpräsidenten

Boris Rhein: Ministerpräsident in Hessen
Boris Rhein galt schon früh als Überflieger und Hoffnungsträger der hessischen CDU. Bereits im Alter von 27 Jahren wurde der Jurist erstmals in den hessischen Landtag gewählt. Mit 38 Jahren übernahm Rhein das Amt des hessischen Innenministers. Im Jahr 2014 wurde der zweifache Vater zum Wissenschaftsminister in die schwarz-grüne Landesregierung berufen. Seit Januar 2019 war er Präsident des hessischen Landtags - inzwischen führt er die schwarz-grüne Regierung an. © Frank Rumpenhorst/dpa
Boris Rhein: Ministerpräsident in Hessen und Volker Bouffier
Den Respekt, den sich Rhein in seiner Amtszeit als Landtagspräsident erarbeitet hat, galt als ein entscheidender Punkt für die Nachfolge von Volker Bouffier als hessischer Ministerpräsident und CDU-Landesvorsitzender. Dass Bouffier noch während der laufenden Legislaturperiode abtrat, hatte vor allem den Grund, seinem Nachfolger die Chance auf einen Amtsbonus zu geben. Als Vertrauter von Bouffier gilt Rhein nicht.  © Sebastian Christoph Gollnow/dpa
Die Frankfurter Goethe Universität
Rhein wurde als Sohn des früheren Frankfurter Schuldezernenten Peter Rhein geboren. Nach dem Abitur am Lessing-Gymnasium in Frankfurt im Jahr 1991 studierte er Rechtswissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Das Studium schloss er im Jahr 1997 mit dem Ersten Staatsexamen ab. Nach dem Zivildienst, den er als Betreuer in einem Wohnheim für Schwerbehinderte (Praunheimer Werkstätten) absolvierte, folgte im Jahr 2000 das zweite Staatsexamen. Danach war er bis zu seiner Berufung zum Minister als Rechtsanwalt tätig. © Heike Lyding/Imago
Michel Friedmann
1996 sorgte Rhein als Vertreter der Jungen Union Frankfurt mit einem verbalen Angriff gegen seinen Parteikollegen Michel Friedman für Wirbel. Anlass war die scharfe Kritik des damaligen CDU-Vorstandsmitglieds am rechten Flügel der hessischen CDU. Friedman sei eine „Belastung für die Frankfurter CDU“, sagte Rhein, der Friedman indirekt zum Parteiaustritt und zum Verlassen der Stadt Frankfurt aufforderte. SPD und Grüne missbilligten die Aussage als „skandalöse Entgleisung“. © Thomas Koehler/Imago
Rockergruppe "Hells Angels"
Im Jahr 2011 wurden Vorwürfe gegen Rhein laut, er habe Kontakte zu der Rockergruppe Hells Angels. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hatte über ein Telefonat berichtet, bei dem ein Mitglied der Rockergruppe Rheins Hilfe bei Auseinandersetzungen um die Straßenprostitution im Frankfurter Bahnhofsviertel gelobt habe. Rhein wies die Vorwürfe weit von sich. „Ich habe weder Kontakte zu den Hells Angels, noch unterstütze ich diese Gruppierung oder treffe Absprachen mit ihnen“, sagte er damals. Im September 2011 erließ er ein Verbot gegen zwei Hells-Angels-Vereine. © Fredrik von Erichsen/dpa
Peter feldmann
Nur wenige Monate später musste Boris Rhein den ersten großen Rückschlag seiner politischen Karriere verkraften. Dass sein Weg nicht fortwährend steil nach oben führte, lag ausgerechnet an den Wahlberechtigten in seiner Heimatstadt. Bei der Wahl um den Frankfurter Oberbürgermeisterposten erreichte Rhein im ersten Wahlgang zwar das beste Ergebnis, musste sich dann aber in der Stichwahl am 25. März 2012 deutlich seinem SPD-Kontrahenten Peter Feldmann geschlagen geben.  © Andreas Arnold/dpa
Fußballfans Frankfurt
Die Wahlniederlage könnte auch mit den Frankfurter Fußballfans zu tun haben. Selten hatten sich wohl so viele von ihnen an einer politischen Wahl beteiligt wie an jener um das Amt des Frankfurter Oberbürgermeisters. Und warum? Um zu verhindern, dass Rhein neues Stadtoberhaupt wurde. Ihre Abneigung machten sie auch auf dem Platz deutlich. „Ob SGE, ob FSV, Boris Rhein will keine Sau“, hieß es da gerne. Und auf Flugblättern der Ultras war zu lesen: „Rhein raus – häng deine Nase ned in Dinge, von denen du keine Ahnung hast!“ Zuvor hatte Rhein „eine härtere Gangart gegen gewaltbereite Problemfans“ angekündigt.  © Imago
Frankfurter Opernplatz
In den Jahren danach präsentierte sich Boris Rhein ohnehin gerne als Vertreter von Recht und Ordnung. Als Innenminister forderte er eine Verschärfung des Strafgesetzbuches, um Gewalttaten gegen die Polizei besonders zu ahnden. „Die Beamten, die täglich ihre Gesundheit für das Allgemeinwohl aufs Spiel setzen, brauchen mehr Schutz“, sagte er 2013. „Die zunehmende Eskalation der Gewalt muss für die Täter besondere Konsequenzen nach sich ziehen.“ Rhein fasste seine Vorstellungen unter dem Stichwort „Schutzparagraf für Schutzleute“ zusammen. © Frank Rumpenhorst/dpa
Blockupy-Proteste in Frankfurt am Main
Für großes Entsetzen sorgten die Vorfälle vom 1. Juni 2013, als die Polizei in Frankfurt massiv gegen eine genehmigte Demonstration der Blockupy-Bewegung vorging. Als damaliger Innenminister verteidigte Rhein die Entscheidung, einen Kessel um rund 1000 Menschen zu ziehen. Dies sei „nachvollziehbar, richtig und vom Gesetz gedeckt“. Schließlich habe es massive Verstöße gegen das Versammlungsrecht gegeben. Im Grundrechte-Report 2013 hingegen war von einem „verfassungsrechtlichen Skandal“ die Rede.  © Boris Roessler/dpa
Ehemaliges Poilzeigefängnis Klapperfeld
Hohn und Spott erntete Boris Rhein im Oktober 2017, als er einmal am späten Abend mit einer Gruppe von teils offenbar angetrunkenen Begleitern mal eben Einlass ins „Klapperfeld“ in Frankfurt verlangt hatte - das alternative Kulturzentrum werde schließlich mit Steuergeld unterstützt. Diejenigen, die im Haus waren, verwiesen auf das Hausrecht der Initiative „Faites votre jeu!“ und die regulären Öffnungszeiten – aus der Besichtigung wurde nichts. Im Netz wurde darüber unter dem Hashtag #Rheinwillrein gelacht.  © Imago

Es ist ein Treppenwitz, dass sich die AfD als wahre Bürgerpartei inszenieren konnte, während sie selbst keine praktikablen Lösungen für die anstehenden Probleme der Bundesländer zu bieten hat. Doch auch die Freien Wähler, deren Profil unklarer ist, haben Unmut über Berlin für sich nutzen können.

Die wahre Herausforderung im Kampf um den demokratischen Zusammenhalt steht aber erst bei den Landtagswahlen in einem Jahr bevor. In Bayern und Hessen spielt die AfD trotz ihres Zuwachses für alle Fragen von Koalitionen und Regierungsbildung nicht die geringste Rolle. In Brandenburg, Sachsen und Thüringen hingegen droht die rechte Partei so stark zu werden, dass Koalitionen nach bisherigem Muster nicht mehr ausreichen – und möglicherweise ein breites Bündnis von der CDU bis zur Linken erforderlich wird.

Landtagswahl in Hessen - die Reaktionen

Hessen hat einen neuen Landtag gewählt. Die Frankfurter Rundschau bündelt ihre umfangreiche Berichterstattung in ihrem Onlinedossier zur Hessenwahl.

Leitartikel:
- Ein klares Votum gegen Kanzler Scholz aus Bayern und Hessen

Reaktionen auf Landesebene:
- Boris Rhein (CDU) verspricht „Regierung der Mitte“
- Grüne fordern „lagerübergreifende Zusammenarbeit“
- SPD hofft auf Koalition mit der CDU
- Kein guter Abend für FDP und Linke
- Rechtsextreme AfD schwenkt die Deutschlandfahne

Landtagswahlen: In Bayern bleibt alles wie es ist - in Hessen vielleicht, vielleicht aber auch nicht

Bei aller Aufregung über die „kleine Bundestagswahl“ vom Sonntag – am Ende steht möglicherweise ein „Weiter so“ in beiden Ländern. In Bayern deutet alles auf eine Fortsetzung der Koalition aus CSU und Freien Wählern hin. In Hessen bieten sich hingegen mehrere Optionen. Ministerpräsident Boris Rhein könnte weiter mit den Grünen von Tarek Al-Wazir regieren. Er hätte aber auch die Möglichkeit, mit einer geschwächten SPD ohne Faeser zu koalieren. Die Sozialdemokraten waren seit 25 Jahren nicht mehr an der Regierung im einst „roten Hessen“ – gut möglich, dass sie der CDU sehr entgegenkommen, um das zu ändern.

Das wäre immer noch mehr, als die SPD in Bayern aus dieser Wahl mitnimmt. Auch als Kanzlerpartei ist sie nur auf Platz fünf ins Ziel gekommen. Bayern und die SPD – das scheint einfach nicht zu passen.

Rubriklistenbild: © Arne Dedert

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