Russland rekrutiert weibliche Gefangene für die Front – Hoffnung auf Freiheit ist trügerisch
VonLisa Mahnke
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Russland rekrutiert auch weibliche Gefangene für den Ukraine-Krieg. Angesichts der Verluste in der Armee ist die Hoffnung auf Freiheit trügerisch.
Moskau – Russland rekrutiert auch weibliche Gefangene für den Militärdienst im Ukraine-Krieg. Und vor allem Frauen mit langen Haftstrafen lassen sich offenbar auf das Angebot ein. Ihnen wird im Tausch gegen den Militärdienst Geld und Freiheit angeboten – jedoch erreichen wohl die wenigsten Frauen dieses Ziel lebend und unverletzt.
Jedoch haben sich die Bedingungen geändert. War früher offenbar eine Freilassung und Ausscheiden aus dem Militärdienst nach einem sechsmonatigen Dienst in der Ukraine üblich, müssen seit September 2023 langfristige Verträge mit dem russischen Verteidigungsministerium unterzeichnet werden. So hat sich zwar die Dienstzeit von sechs Monaten in der Sträflingstruppe „Storm V“ nicht geändert, doch die Gefangenensoldaten können nach dem halben Jahr nicht mehr vollständig aus dem Militärdienst ausscheiden.
Russland verlängert Gefangenen-Dienst im Ukraine-Krieg – Weibliche Rekruten bezahlen oft mit Tod
Der Vertrag mit Putins Verteidigungsministerium sehe eine Laufzeit von bis zu fünf Jahren vor, werde aber automatisch bis zum Ende des Ukraine-Kriegs verlängert, erklärte Andrii Yusow vom ukrainischen Militärnachrichtendiensts gegenüber der Kyiv Post. Möglicherweise liegt es an dieser Änderung, dass nun vermehrt auch weibliche Gefangene rekrutiert werden – weil sich mehr männliche Häftlinge mittlerweile weigern, auf das Angebot der russischen Armee einzugehen.
Dass der Dienst auch für die weiblichen Rekruten selten gut aussieht, macht Yusow deutlich: „Die meisten der von der Russischen Föderation rekrutierten weiblichen Gefangenen sind gestorben oder mit schweren Verletzungen zurückgekehrt.“ Der militärische Dienst der weiblichen Gefangenen bestehe laut Yusow nicht nur aus Unterstützung, „sondern auch in Kampfeinheiten, falls erforderlich“.
Die rekrutierten Häftlinge würden mittlerweile nicht unerheblich zur Personalstärke der russischen Armee beitragen, so der Geheimdienstsprecher. Wladimir Osechkin von der russischen Menschenrechtsorganisation „Gulagu.net“, sagte im Interview mit dem US-Nachrichtenportal Newsweek, Russland habe bereits 100.000 Gefangene rekrutiert. Jede Woche würden über 1.000 von ihnen getötet, so Osechkin. Olga Romonova, Leiterin der Stiftung „Russland hinter Gittern“, die Häftlinge und ihre Familien unterstützt, ging laut Newsweek von etwa 120.000 rekrutierten Gefangenen aus, einige Tausende davon auch weiblich.
Hohe Verluste für Russland: Weibliche Gefangene als neue Strategie für die Massenarmee im Ukraine-Krieg
In Russland gab es immer wieder Kritik daran, dass Gefangene nach ihrem Einsatz im Ukraine-Krieg begnadigt werden, darunter auch viele Schwerverbrecher. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow verteidigte allerdings diese russische Strategie: „Sie büßen mit ihrem Blut für ihre Verbrechen – auf dem Schlachtfeld, in den Angriffsbrigaden, unter den Kugeln, unter den Granaten.“ Dass viele von ihnen auch mit dem Tod büßen müssen, zeigen Verlustdaten.
Ein Vergleich der Jahresdurchschnitte der Daten des britischen Militärgeheimdienstes auf X (vormals Twitter) zeigt einen Trend hin zu mehr russischen Verlusten: 2022 lag die durchschnittliche Verlustrate der russischen Armee pro Tag noch bei 400, im Jahr 2023 bei 693 und im ersten Quartal von 2024 bei 913. Laut dem britischen Geheimdienst sei der Grund dafür auch die „Abhängigkeit von Masse, um den Druck auf die ukrainischen Frontlinien zu erhalten“.
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Auch in der ukrainischen Armee stieg die Zahl der Frauen laut ukrainischem Verteidigungsministerium von 2021 bis 2023 um 40 Prozent. Mittlerweile würden fast 43.000 Frauen in der ukrainischen Armee dienen. Im Zeichen der „Gleichstellung“ habe sich laut den Worten des Verteidigungsministerium einiges getan. Frauen könnten so zum Beispiel auch in Kampfeinheiten mitkämpfen und das Dienstalter sei auf das männliche (18 bis 60 Jahre statt 18 bis 40 Jahre) erweitert worden.
Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu sprach laut einem Bericht der Deutschen Welle von etwa 44.500 Frauen im russischen Militär – eine „bezaubernde Armee“, so Schoigus Worte. Viele davon seien keine Gefangenen, sondern freiwillige Rekruten. Deutsche Auslandssender berichteten über Russlands Bemühungen, Werbung für die Armee in russischen sozialen Medien mehr auf Frauen auszurichten. (lismah)