Putschversuch

Warum zog sich Prigoschins Wagner-Gruppe so plötzlich zurück? Neue Details

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Plötzlich marschierten Prigoschins Wagner-Truppen in Russland ein, besetzten Gebiete und zogen nach Moskau. Genauso plötzlich endete der Aufstand, doch was ist der Grund?

Update von Montag, 26. Juni, 6.05 Uhr: Warum fand Prigoschins Wagner-Marsch nach Moskau ein so abruptes Ende? Nachdem sich im Vorfeld bereits einige Russland-Fachleute zu der überraschenden Wende geäußert haben, gibt es nun neue Informationen. Offenbar drohte Russlands Geheimdienst den Familien der Wagner-Anführer zu schaden, das berichtet The Telegraph mit Verweis auf britische Geheimdienstquellen. Zudem solle die unter Prigoschins Befehl in Russland einmarschierte Wagner-Gruppe wesentlich kleiner gewesen sein, als zunächst vermutet. Statt 25.000 Söldnern sollen demnach lediglich 8000 vorhanden gewesen sein – eine deutlich zu kleine Zahl, um die russische Hauptstadt einnehmen zu können.

Abruptes Ende des Wagner-Aufstands in Russland: Warum zog sich Prigoschin zurück?

Erstmeldung von Sonntag, 25. Juni: Moskau – Die Meldung schlug ein wie eine Bombe. Jewgeni Prigoschin, der sich im Ukraine-Krieg mehrfach lautstark über die russische Militärführung beschwerte, marschierte mit seinen Wagner-Söldnern nach Russland ein. Schnell überschlugen sich die Ereignisse. Wichtige Sicherheitseinrichtungen wurden in der südrussischen Stadt Rostow besetzt, Militärflugzeuge abgeschossen und mehrere russische Soldaten verloren ihr Leben. In Moskau wurden Straßensperren errichtet. Militärfahrzeuge waren auf den Straßen zu sehen. Plötzlich betrug der Abstand von Prigoschins Wagner-Söldnern zu Wladimir Putin und seiner Militärführung in Moskau nicht mehr 400, sondern nur noch 100 Kilometer.

Dieses vom Prigoschin Pressedienst zur Verfügung gestellte Videostandbild zeigt Jewgeni Prigoschin, Chef der Söldnertruppe Wagner, bei einer Videoansprache – angeblich in Rostow am Don.

Und dann die Wende. Zunächst berichtete es der belarussische Machthaber Lukaschenko, anschließend bestätigte es Prigoschin selbst: Man sei zu einer Einigung gekommen. Er werde seine Wagner-Söldner abziehen. Der Vorfall löste sich fast so schnell in scheinbares Wohlgefallen auf, wie er entstanden war. Doch was war hier passiert, was hat Prigoschin zum Umdenken bewegt? Immerhin waren sich Fachleute wie der CIA-Geheimdienstoffizier Steve Hall sicher, dass der Wagner-Boss das „Risiko kennt“ und überzeugt von seinem Sieg sein müsse. Expertinnen und Experten haben die Situation inzwischen analysiert – und kommen zu unterschiedlichen Schlüssen.

Wagner-Aufstand in Russland: Warum zog sich Prigoschin derart plötzlich zurück?

Der Wagner-Chef selbst begründete den Rückzug damit, dass „kein Blut vergossen werden solle“. Das erklärte er in einer von seinem Pressedienst am Samstagabend (24. Juni) auf Telegram veröffentlichten Sprachnachricht. Seiner Aussage nach war bis dahin „nicht ein Tropfen Blut unserer Kämpfer“ geflossen und man wolle ein „blutiges Massaker in Russland“ verhindern. Dass es zu etlichen Todesopfern auf beiden Seiten gekommen ist, gilt inzwischen allerdings zumindest auf russischer Seite als gesichert, wie unter anderem die Deutsche Presse-Agentur unter Berufung auf Militärblogger meldete.

Wagner-Gruppe marschiert in Richtung Moskau: Bilder zum Putschversuch in Russland

Söldner der Wagner-Gruppe posieren in Rostow am Don vor Panzern.
Söldner der Wagner-Gruppe posieren in Rostow am Don vor Panzern. © IMAGO/Erik Romanenko
Die Stadt Rostow am Don wurde von der Wagner-Gruppe besetzt. Hier stehen zwischen den Zivillisten bewaffnete Soldaten und Panzer auf den Straßen.
Die Stadt Rostow am Don wurde von der Wagner-Gruppe besetzt. Hier stehen zwischen den Zivillisten bewaffnete Soldaten und Panzer auf den Straßen. © Sergey Pivovarov/IMAGO
Nahaufnahme der Ausrüstung. Die Soldaten in Rostow am Don sind mit kugelsicheren Westen ausgestattet.
Die Soldaten in Rostow am Don sind mit kugelsicheren Westen ausgestattet und schwer bewaffnet. © Erik Romanenko/IMAGO
Auf der schusssicheren Weste eines Soldaten in Rostow am Don steht auf einem Aufnäher: „Mama hat gesagt: Anziehen“. (Yandex Image Translator)
Auf der schusssicheren Weste eines Soldaten in Rostow am Don steht auf einem Aufnäher: „Mama hat gesagt: Anziehen“. (Yandex Image Translator) © Erik Romanenko/IMAGO
Die bewaffneten Wagner-Söldner in Rostow am Don bewachen auch mit militärischen Fahrzeugen die Stadt.
Die bewaffneten Wagner-Söldner in Rostow am Don bewachen auch mit militärischen Fahrzeugen die Stadt. © Erik Romanenko/IMAGO
Die Soldaten in Rostow am Don stehen inmitten der Bevölkerung wache und werden teilweise von Zivilisten angesprochen.
Die Soldaten in Rostow am Don stehen inmitten der Bevölkerung wache und werden teilweise von Zivilisten angesprochen. © IMAGO/Erik Romanenko
Soldaten der Wagner-Gruppe bewachen das südliche militärische Hauptquartier in Rostow am Don mit Scharfschützen.
Soldaten der Wagner-Gruppe bewachen das südliche militärische Hauptquartier in Rostow am Don mit Scharfschützen. © IMAGO/Erik Romanenko
In Moskau sind rund um den Kreml alle Straßen und Kreuzungen weiträumig abgesperrt und bewacht.
In Moskau sind rund um den Kreml alle Straßen und Kreuzungen weiträumig abgesperrt und bewacht. © Kirill Zykov/IMAGO
Das Moskauer „Grabmal des unbekannten Soldaten“ an der Mauer des Kremls. Zusätzlich zu den üblichen Wachen in prunkvoller Uniform sind hier Polizisten postiert.
Das Moskauer „Grabmal des unbekannten Soldaten“ an der Mauer des Kremls wird zusätzlich zu den üblichen Wachen von der Polizei bewacht. © Ilya Pitalev/IMAGO
Eine Polizistin in Moskau steht hinter der Absperrung des Roten Platzes neben einem Einsatzwagen. Im Hintergrund sind die farbigen Kuppeln der Basilius Kathedrale zu sehen.
Der Rote Platz in Moskau ist weiträumig abgesperrt und wird von der Polizei bewacht. © IMAGO/Ilya Pitalev
Wagner-Gebäude in mehreren russischen Städten, wie hier in St. Petersburg, werden von Polizisten bewacht.
Wagner-Gebäude in mehreren russischen Städten, wie hier in St. Petersburg, werden von Polizisten bewacht. © IMAGO/Alexander Galperin
Die russische Polizei sperrt Straßen in der Region Moskau und kontrolliert die Dokumente von Fahrzeugen, die sie passieren möchten.
Die russische Polizei sperrt Straßen in der Region Moskau und kontrolliert die Dokumente von Fahrzeugen, die sie passieren möchten. © IMAGO/Kirill Kallinikov
In der Region Moskau wird die Autobahn M2 bei Podoslk von mehreren LKW blockiert.
In der Region Moskau wird die Autobahn M2 bei Podoslk von mehreren LKW blockiert. © IMAGO/Vitaliy Belousov
Den Menschen, die in Staus auf russischen Autobahnen festsitzen, wird Trinkwasser zur Verfügung gestellt.
Den Menschen, die in Staus auf russischen Autobahnen festsitzen, wird Trinkwasser zur Verfügung gestellt. © IMAGO
In der russischen Stadt Rostow am Don stehen Soldaten in den Straßen Wache und beobachten die Lage.
Die Soldaten stehen in den Straßen Wache und beobachten die Lage. © IMAGO/Erik Romanenko

Politikwissenschaftler Carlo Masala analysierte in den ARD-„Tagesthemen“ vom Samstag, es könne es diverse Gründe für den Wagner-Rückzug aus Russland geben. „Zum einen könnte es sein, dass er sich mehr Unterstützung aus dem russischen Sicherheitsapparat für seinen Vormarsch erhofft und diese nicht erhalten hat“, sagte der Experte. Zum anderen könne Prigoschin die Vereinbarung „für sich durchaus als Sieg werten“. Er habe den Putsch ja gegen die Leitung des russischen Militärs gestartet und bekomme nun diverse Zugeständnisse.

Wieso endete der Wagner-Aufstand von Prigoschin derart abrupt? Fachleute äußern sich

Ein weiterer Grund könnte laut Masala sein, dass man Prigoschin mit härteren militärischen Schlägen gedroht habe. Es sei verwunderlich gewesen, dass die russische Luftwaffe zuvor nicht „so heftig“ versucht habe, den Vormarsch nach Moskau aufzuhalten. Prigoschin könne gefürchtet haben, „dass seine Truppen“ das schärfere Vorgehen „nicht überleben werden“.

Den ersten Punkt halten offenbar auch das Auswärtige Amt und das Bundesverteidigungsministerium für relevant. In einer mündlichen Unterrichtung der Obleute der Bundestagsausschüsse für Auswärtiges und Verteidigung sei zu vernehmen gewesen, dass Prigoschin offenbar nicht die erhoffte Unterstützung von staatlichen russischen Kräften erhalten habe. Das berichtete das Nachrichtenmagazin Der Spiegel.

Mögliche Gründe für Wagner-Abzug aus Russland: Expertin sieht Prigoschins Narrativ als mögliche Ursache

Prigoschin könnte hoch gepokert haben, erklärt auch Marina Miron, Militär-Analystin des King College in London, der Deutschen Welle. Er könne sich wesentlich mehr Unterstützung erwartet haben, seitens der Bevölkerung und seitens der russischen Soldaten. Er habe sich hier offenbar verkalkuliert und blutige Eskalationen verhindern wollen, so die Expertin. Einen überraschenden Punkt macht Miron außerdem noch aus. Der Wagner-Boss könne realisiert haben, dass er mit seinem Vorgehen seinem eigenen Narrativ schade. Prigoschin, der sich immer als Sprecher der Soldaten Russlands inszeniert habe, hätte plötzlich gegen ebendiese kämpfen müssen. Das hätte möglicherweise auch dessen Ruf als Patriot geschadet, urteilte die Expertin.

Bisher ist noch vieles unklar, doch die Tendenz der Fachleute ist eindeutig. Viele sind sich auch sicher, dass Putins Ruf durch den Wagner-Aufstand enormen Schaden davongetragen hat.

Rubriklistenbild: © Telegram/AFP

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