Pokrowsk-Offensive: Putin will propagandistischen Erfolg erzielen
VonFranziska Schwarz
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Pokrowsk wankt: Russlands Armee schreitet an der Ukraine-Front voran und akzeptiert hohe Verluste. Putin verlangt die Einnahme der Stadt – aber warum?
Pokrowsk – Strategisch wichtig und von Wladimir Putins Armee gewollt: Kiew droht im Ukraine-Krieg der Verlust von Pokrowsk. Noch hält die Stadt den Angriffen der russischen Truppen stand. Doch das umkämpfte Pokrowsk in der ukrainischen Industrieregion Donezk steht womöglich kurz vor dem Fall. Was über die aktuelle Lage in Pokrowsk bekannt ist.
Pokrowsk liegt auf einem Versorgungsweg für die ukrainische Armee; hier befindet sich auch die einzige Kokerei unter ukrainischer Kontrolle. Das aus Kohle erzeugte Koks ist für die Stahlproduktion unverzichtbar. Der Verlust der Kokerei würde die ukrainische Rüstungsindustrie schwer treffen.
Putins Armee kämpft im Ukraine-Krieg um Pokrowsk – trotz hoher täglicher Verluste
Kiew und Moskau veröffentlichen keine Zahlen zu ihren eigenen Verlusten an der Front – nur zu denen der anderen Seite. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben nicht. Doch laut dem ukrainischen Generalstab verlor die russische Armee erst am Montag (10. November) etwa 1200 ihrer Soldaten in den Gefechten. Derart hohe tägliche Verluste an Personal sind für Russland im Ukraine-Krieg schon lange die Regel.
Pokrowsk droht im Ukraine-Krieg der Fall: „Das Hauptproblem ist die Logistik“
Das ändert nichts an der schwierigen Lage der an der Pokrowsk-Front kämpfenden ukrainischen Soldaten. „Das Hauptproblem ist die Logistik“, erklärte ein ukrainischer Drohnenpilot der Moscow Times den schwierigen Abwehrkampf. „Die Straßen sind völlig von russischen Drohnen blockiert. Kein Fahrzeug kann in die Stadt hinein- oder hinausfahren, ohne sofort entdeckt zu werden“, schilderte er dem unabhängigen Portal.
Schlacht um Pokrowsk im Ukraine-Krieg erinnert an Bachmut, Mariupol und Awdijiwka
Vor Beginn des Ukraine-Kriegs lebten in Pokrowsk etwa 60.000 Menschen. Heute ist die Stadt weitgehend verwaist. Ihre Lage in der Region Donezk macht sie jedoch zu einem begehrten Ziel für Moskau. In der Region Donezk fanden bereits einige der verlustreichsten Schlachten des Krieges statt, etwa in den Städten Bachmut, Mariupol und Awdijiwka.
Die Einnahme von Pokrowsk wäre ein erheblicher Sieg für Moskau. Fällt die Stadt an die russische Armee, würde dies Moskau den weiteren Weg in die Region ebnen – bis hin zum ukrainischen „Festungsgürtel“ von den Städten Slowjansk und Kramatorsk im Norden bis nach Druschkiwka und Kostjantyniwka weiter im Süden.
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Einnahme von Pokrowsk und die möglichen Auswirkungen auf den Ukraine-Krieg
Russland könnte Militärexperten zufolge nach einer möglichen Einnahme von Pokrowks versuchen, „den Druck von Osten nach Westen über das Gebiet der Region Dnipropetrowsk entlang des Flusses Wowtscha“ zu erhöhen. „Dadurch könnten sie den nördlichen Teil der Region Saporischschja erreichen“, sagte Oleksiy Kopytko vom Center for Military-Political Investigations der Nachrichtenagentur AFP.
Kopytko sieht angesichts des bevorstehenden Winters auch mögliche praktische Vorteile für die russische Armee. „Es ist besser, den Winter in einer Stadt zu verbringen und zu überstehen auch wenn sie zerstört ist (...) als auf freiem Feld“, sagte er. Auch würde die Stadt mehr Schutz vor Drohnen bieten.
Schlacht um Pokrowsk: Russisches Propaganda-Material im Ukraine-Krieg
Aus Sicht des unabhängigen russischen Militäranalysten Alexander Chramtschichin könnte die Einnahme der Stadt Russland „einen Durchbruch verschaffen“.
Politisch gesehen würde die Einnahme von Pokrowsk dem Kreml einen erheblichen Propagandaschub verleihen. Gelingt Moskau die Eroberung, wäre dies einer der bedeutendsten Gebietsgewinne seit der russischen Einnahme von Awdijiwka im Februar 2024. Die Einnahme von Pokrowsk würde das Kreml-Narrativ vom siegreichen Vormarsch seiner Truppen weiter befeuern.
Kiew könnte bei einem Fall Pokrows zudem in Erklärungsnot zu seiner Verteidigungsstrategie in Pokrowsk geraten. So hatte der renommierte Militärblogger und ukrainische Soldat Juri Butusow kürzlich die Ankunft der Spezialeinheiten in der „halb eingekesselten“ Stadt kritisiert. Die Entsendung der Truppen „in ein offenes Gebiet in einer Todeszone, im vollen Blickfeld feindlicher Drohnen“ nannte er in Onlinediensten eine „taktisch verfehlte Entscheidung“.
Auch für das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und US-Präsident Donald Trump wären die Folgen einer militärischen Niederlage in Pokrowsk ungewiss. (Quellen: AFP, dpa, fr.de, Moscow Times, ukrainischer Generalstab auf Facebook) (frs)