Was die Wahl bedeutet

Putin scheitert überraschend in Moldau: Zwei Erklärungen – und trotz allem zwei Probleme

  • schließen

Russlands Griff nach Moldau geht bei der Wahl ins Leere. Schon droht das kremltreue Lager mit Protest. Doch ein Experte sieht andere Probleme – die Analyse.

Kischinau/Brüssel – Die Prognosen für Moldau, das kleine Land zwischen EU und Ukraine, waren aus Sicht der Pro-Europäer düster. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der EU-freundlichen Regierungspartei PAS und dem größten prorussischen Wahlblock, dahinter vor allem Kräfte mit Verbindungen nach Moskau – so lauteten die Einschätzungen vor der Wahl am Sonntag (28. September). Für Moldau wäre das wohl der Russland-Ruck geworden, den Georgien gerade durchläuft.

An Moldaus Haupt-Regierungsgebäude hängt auch am Montag die EU-Flagge: Maia Sandus PAS (li.) gewinnt die Wahl – Wladimir Putin und sein Moldau-Beauftragter Sergej Kirijenko drangen im Land offenbar nicht durch.

Und nun das: Die PAS hat nach den vorläufigen Ergebnissen erneut die absolute Mehrheit geholt. Selbst wenn es etwas weniger würde, die Parlamentsmehrheit ist komfortabel. Felix Hett, Büroleiter der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in der Ukraine und Moldau, sieht vergleichsweise einfache Erklärungen für die Überraschung. Aber auch weiterhin Anlass zur Sorge. Die Analyse zur Moldau-Wahl:

Moldau-Wahl: Das Ergebnis und die Folgen

Nach vier schwierigen Regierungsjahren und einem als Wahl zwischen Moskau und Brüssel zugespitzten Wahlkampf hat die PAS laut vorläufigem Wahlergebnis 50,20 Prozent der Stimmen geholt. Nur bei 24,18 Prozent liegt der „Patriotische Block“ um Igor Dodon. Das Bündnis des Ex-Präsidenten galt als ärgster Widersacher; noch im Juli war Dodon zu Gast in Moskau.

Der von Beobachtern ebenfalls als prorussisch eingeschätzte „Bloc Alternativa“ mitsamt Hauptstadtbürgermeister Ion Ceban landet bei 7,96 Prozent. Ebenfalls ins Parlament springt die populistische Partidul Nostru (6,20 Prozent). Und, die nächste Überraschung: erstmals auch die Partei PPDA, die eine Vereinigung Moldaus mit Rumänien anstrebt. Deren Vorsitzender Vasile Costiuc hatte mit George Simion, Rumäniens rechtsradikalem Präsidentschafts-Stichwahlkandidat, Wahlkampf gemacht, wie Hett der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media sagt. Alle anderen Parteien verfehlten die Fünfprozenthürde laut Wahlkommission deutlich. Unter dem Strich kann die PAS weitere vier Jahre lang allein regieren.

Überraschung in Moldau: Warum die PAS und Sandu Putins Leute doch so klar abfingen

Wie kam es zu der Überraschung – trotz von Behörden und Journalisten aufgedecktem Wählerkaufs mit russischem Geld und bedrohlich wirkenden Ämterrochaden im Kreml? Hett sieht zwei entscheidende Faktoren. „Die Meinungsumfragen in Moldau sind einfach notorisch unzuverlässig. Das heißt, alle Akteure haben unter Ungewissheit operiert“ – um einen Stimmungswechsel habe es sich also gar nicht zwingend gehandelt. Schon Ende 2024 hatte Maia Sandu als Aushängeschild der Pro-Europäer die Präsidentschafts-Stichwahl gewonnen, ein EU-Referendum kam damals ebenfalls hauchdünn durch.

Auf dem Weg nach Europa: Die Aufnahmekandidaten der EU

EU Parlament Straßburg
Jeder europäische Staat hat laut Artikel 49 des EU-Vertrags das Recht, einen Antrag auf Mitgliedschaft zu stellen. Wichtig dabei: „Europäisch“ wird politisch-kulturell verstanden und schließt die Mitglieder des Europarats mit ein. Das betrifft zum Beispiel die Republik Zypern. Eine wichtige Rolle spielt im Beitrittsverfahren das EU-Parlament in Straßburg (im Bild). Verschiedene Delegationen verfolgen die Fortschritte in den Beitrittsländern und weisen auf mögliche Probleme hin. Zudem müssen die Abgeordneten dem EU-Beitritt eines Landes im Parlament zustimmen. Derzeit gibt es neun Beitrittskandidaten und einen Bewerberstaat. © PantherMedia
Edi Rama Albanian EU
Albanien reichte 2009 den formellen EU-Mitgliedschaftsantrag ein – vier Jahre, bevor Edi Rama (im Bild) das Amt des Ministerpräsidenten übernahm. Es dauerte aber noch eine lange Zeit, bis die Verhandlungen beginnen konnten. Grund war ein Einspruch der Niederlande, die sich zusätzlich zu den EU-Kriterien auch die Sicherstellung der Funktion des Verfassungsgerichts und die Umsetzung eines Mediengesetzes wünschte. Im Juli 2022 konnte die Blockade beendet werden und die EU startete die Beitrittsverhandlungen. © John Thys/afp
Bosnien und Herzegowina EU
Auch Bosnien und Herzegowina drängt in die EU. Gut erkennen konnte man das zum Beispiel am Europatag 2021, als die Vijećnica in der Hauptstadt Sarajevo mit den Farben der Flaggen der Europäischen Union und Bosnien und Herzegowinas beleuchtet war. EU-Botschafter Johann Sattler nutzte sofort die Gelegenheit, um das alte Rathaus zu fotografieren. Vor den geplanten Beitrittsverhandlungen muss das Balkanland noch einige Reformen umsetzen. Dabei geht es unter anderem um Rechtsstaatlichkeit und den Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen.  © Elvis Barukcic/afp
Georgien EU
Zum Kreis der EU-Beitrittskandidaten gehört auch das an Russland grenzende Georgien. Das Land, in dem rund 3,7 Millionen Menschen leben, hatte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs die Aufnahme in die EU beantragt. Auf schnelle Fortschritte im Beitrittsprozess kann Georgien allerdings nicht hoffen. Dabei spielt auch ein ungelöster Territorialkonflikt mit Russland eine Rolle. Nach einem Krieg 2008 erkannte Moskau die abtrünnigen georgischen Gebiete Südossetien (im Bild) und Abchasien als unabhängige Staaten an und stationierte Tausende Soldaten in der Region. © Dimitry Kostyukov/afp
Moldau EU
Seit Juni 2022 gehört auch Moldau offiziell zu den EU-Beitrittskandidaten. Das Land, das an Rumänien und die Ukraine grenzt, reichte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs das Beitrittsgesuch ein. Am 21. Mai 2023 demonstrierten 80.000 Menschen in der Hauptstadt Chișinău für einen Beitritt Moldaus in die Europäische Union. Die damalige Innenministerin Ana Revenco (Mitte) mischte sich damals ebenfalls unters Volk. © Elena Covalenco/afp
Montenegro EU
Das am kleine Balkanland Montenegro will beim EU-Beitritt zügig vorankommen. Direkt nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten Ende Oktober 2023 verkündete Milojko Spajic (im Bild), dass er den Beitritt Montenegros zur EU vorantreiben und die Justiz im Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen stärken wolle. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (rechts) hörte es damals sicher gerne. Montenegro verhandelt seit 2012 über einen Beitritt, hatte sich aber vor der Wahl nicht mehr ausgiebig um Reformen bemüht.  © Savo Prelevic/afp
Scholz Westbalkan-Gipfel Nordmazedonien EU
Nordmazedonien kämpft schon seit langer Zeit für den Beitritt in die EU. Leicht ist das nicht. So hat das kleine Land in Südosteuropa aufgrund eines Streits mit Griechenland sogar schon eine Namensänderung hinter sich. Seit 2019 firmiert der Binnenstaat amtlich unter dem Namen Republik Nordmazedonien. Auch Bulgarien blockierte lange den Beginn von Verhandlungen. Bei einem Gipfeltreffen im Oktober 2023 drängte Kanzler Olaf Scholz dann aber auf eine möglichst schnelle Aufnahme der Balkanstaaten in die EU. Nordmazedoniens Ministerpräsident Dimitar Kovacevski (rechts) war sichtlich erfreut. © Michael Kappeler/dpa
Serbien EU
Auch Serbien strebt in die EU. Wann es zu einem Beitritt kommt, scheint derzeit aber völlig offen. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat sich die serbische Regierung geweigert, Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Damit ist Serbien der einzige Staat in Europa, der keine Sanktionen verhängt hat. Offen bleibt, welche Auswirkungen das auf die seit 2014 laufenden Verhandlungen über einen EU-Beitritt Serbiens hat. Die politische Führung in Belgrad, die seit 2012 von Präsident Aleksandar Vučić (im Bild) dominiert wird, zeigt zudem wenig Willen zu Reformen. Demokratie und Medienpluralismus höhlt sie zunehmend aus. © Andrej Isakovic/afp
Türkei EU
Die Türkei ist bereits seit 1999 Beitrittskandidat. Die Verhandlungen selbst haben im Oktober 2005 begonnen. Inzwischen hat die EU-Kommission vorgeschlagen, die Beziehungen wieder auszubauen, sofern sich die Regierung in Ankara unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan (im Bild) in einigen Punkten bewegt. Zuvor waren Projekte wie die geplante Modernisierung der Zollunion und eine Visaliberalisierung wegen Rückschritten bei Rechtsstaatlichkeit, Grundrechten und Meinungsfreiheit in der Türkei auf Eis gelegt worden. Ein EU-Beitritt scheint aktuell weiter entfernt denn je. © Adem Altan/afp
Ukraine EU
Im Dezember 2023 wurde der Beginn von Verhandlungen mit der Ukraine grundsätzlich beschlossen. Allerdings muss die Ukraine sämtliche Reformauflagen erfüllen. So waren nach dem letzten Kommissionsbericht manche Reformen zur Korruptionsbekämpfung, zum Minderheitenschutz und zum Einfluss von Oligarchen im Land nicht vollständig umgesetzt. Ohnehin gilt es als ausgeschlossen, dass die Ukraine vor dem Ende des Ukraine-Kriegs EU-Mitglied wird. Denn dann könnte Kiew laut EU-Vertrag militärischen Beistand einfordern – und die EU wäre offiziell Kriegspartei. © Roman Pilipey/afp
Kosovo EU
Kosovo hat einen Mitgliedsantrag eingereicht, jedoch noch nicht den offiziellen Status eines Beitrittskandidaten erhalten. Das Land hat 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt. Die Freude darüber war damals bei den Menschen riesengroß. Das Bild macht auch deutlich, dass vor allem Menschen albanischer Herkunft im Kosovo beheimatet sind. Die Flagge Albaniens (links) ist ebenso zu sehen wie die des neuen Landes (hinten). Mehr als 100 Länder, darunter auch Deutschland, erkennen den neuen Staat an. Russland, China, Serbien und einige EU-Staaten tun dies aber nicht. Ohne die Anerkennung durch alle EU-Länder ist eine Aufnahme von Beitrittsverhandlungen aber nicht möglich.  © Dimitar Dilkoff/afp

Ein mitentscheidender Faktor laut Hett, auch für die Unzuverlässigkeit der Umfragen: die Stimmen der im Ausland lebenden Moldauerinnen und Moldauer. Von gut 790.000 Stimmen für die PAS kamen etwas mehr als 217.000 aus der Diaspora. „Man hat erwartet, dass die Diaspora im westlichen Ausland pro PAS stimmt, aber so ganz genau wissen konnte das keiner.“

Proteste nach der Moldau-Wahl: Verursacht Russland neuen Ärger?

Noch vor den ersten Zahlen war Dodon vor die Presse getreten, hatte den Wahlsieg beansprucht – und Proteste angekündigt. Ein erster Anlauf am Sonntagabend war aber bereits beendet, bevor alle Journalisten eingetroffen waren, berichtet Hett. „Das spricht für mich nicht dafür, dass es großes Mobilisierungspotenzial gibt und dass wir hier eine lang anhaltende Protestbewegung sehen werden.“

Für groß angelegten Widerstand sei einerseits der Wahlsieg der PAS zu deutlich. Andererseits seien Straßenproteste „diskreditiert“. „Man betrachtet Protestierende als Leute, die aus Russland bezahlt sind und das für Geld machen, sodass in der mobilisierungsfähigen Schicht vermutlich keine große Protestneigung da ist“, meint Hett. Tatsächlich haben kremltreue Kräfte um den aus Moldau geflüchteten Ex-Oligarchen Ilan Șor Menschen für Proteste bezahlt, das könnte sich nun indirekt rächen. Allerdings sieht Hett auch Probleme für die Zukunft in dieser Polarisierung.

Die russische Nachrichtenagentur Tass lieferte am Montag dieses Foto von Protesten vor dem Parlament in Kischinau.

Wahl in Moldau: Gibt es Anlass für Kritik am Ablauf – und was sind die nächsten großen Probleme?

Wahlbeobachter der OSZE sprachen von einer umkämpften Wahl mit klaren Alternativen, offenem Wahlkampf und einer professionellen Wahldurchführung. Sie rügten aber auch den Versuch massiver Einflussnahme aus dem Ausland und Stimmenkauf einerseits – und Eingriffe der Wahlkommission kurz vor dem Wahltag andererseits. Es waren noch zwei Parteien vom Wahlzettel genommen worden, unter anderem wegen Vorwürfen von Geldwäsche und Stimmenkauf. „Das ist auch nichts Neues für Moldau – aber die Herleitung, dass man zwei Tage vor der Wahl noch erkannt hat, dass sich diese Parteien illegaler Finanzierungsmethoden bedienen, wirkt auf viele etwas unglaubwürdig“, urteilt Hett.

Der Experte sieht weitere Kritikpunkte: So sei den Menschen in der separatistisch-prorussischen Region Transnistrien der Zugang zu Wahllokalen diesmal schwerer gemacht worden. Da die Republik Moldau keine Gewalt über Transnistrien hat, wählen die Menschen seit jeher außerhalb der Region – diesmal aber teils in weiter entfernten Wahllokalen. Auch wurden Brücken über den Grenzfluss gesperrt.

Doch neuem Schwung für die EU-Annäherung zum Trotz: Moldau hat große wirtschaftliche Probleme. Und es ist auch nach der Wahl tief gespalten. Eine absolute Mehrheit vor Ort in Moldau hat die proeuropäische PAS angesichts ihrer vielen Auslandsstimmen nicht. „Das sind die Spielregeln, aber bei mit der Regierung unzufriedenen Menschen entsteht dadurch ein Gefühl der Fremdbestimmung“, warnt Hett. Zudem hieß es auch aus der PAS vor dem Wahltag: Man müsse polarisieren, um gegen Russlands Erzählungen durchzudringen: EU oder Moskau, Frieden oder Krieg – Demokratie oder Stimmenkauf. Doch mit der Spaltung nach der Wahl muss die Partei nun umgehen.

Bis zum nächsten Urnengang, der Kommunalwahl, sind es zwei Jahre. „Jetzt muss regiert werden, und es muss besser regiert werden als in den Jahren zuvor. Und es sollten auch von der Regierungsseite Schritte unternommen werden, um diese Polarisierung zu heilen“, mahnt Hett. Die Früchte der europäischen Integration müssten nun in der Breite des Landes ankommen. Und es müsse mehr Raum geben für legitime Kritik und Unzufriedenheit: „Es geht darum, dass nicht jede Kritik automatisch als von Moskau bezahlt, inspiriert oder durch niedrige Motive angeleitet verstanden wird. Da muss auf die Menschen zugegangen werden, da müssen Bedenken und Sorgen und Befürchtungen auch ernst genommen werden.“ (Quelle: Eigene Recherchen, Gespräch mit Felix Hett, Wahlkommission Moldau) (fn)

Rubriklistenbild: © Montage: Nicholas Muller/Vadim Ghirda/Mikhail Sinitsyn/Sputnik/SNA/Imago/Zuma/dpa/picture alliance

Kommentare