- VonMax Nebelschließen
Neue Aufnahmen belegen massive Zerstörung in Gaza. Analysen von Medien und UN-Stellen sprechen von Hunderttausenden beschädigten Gebäuden.
Gaza-Stadt – Mehr als zwei Jahre nach Beginn des Krieges im Gazastreifen zeigen neue Satellitenbilder das volle Ausmaß der Verwüstung. Die Aufnahmen des US-Unternehmens Planet Labs PBC verdeutlichen wieder einmal, wie ganze Stadtviertel dem Erdboden gleichgemacht wurden, Felder zu Zeltlagern wurden und Infrastrukturen praktisch kollabierten. Von Gaza-Stadt bis Rafah zieht sich eine Spur aus Trümmern, Ruß und grauer Erde – dort, wo früher Wohnhäuser, Schulen und Grünflächen standen.
Die Vergleichsaufnahmen stammen aus den Jahren 2023 und 2025 und wurden von mehreren internationalen Medien ausgewertet, darunter BBC Verify und Reuters. Die Redaktionen stützen sich auf identische Bildquellen von Planet Labs PBC sowie teils auf ergänzende Daten des UN-Satellitenzentrums UNOSAT. Sie zeigen: Ein Großteil des Gazastreifens ist heute kaum wiederzuerkennen – aus urbaner Dichte wurde ein ausgedehntes Trümmerfeld
Satellitenbilder zeigen: Gazastreifen zu großen Teilen in Trümmern
Laut einer Analyse des UN-Satellitenzentrums UNOSAT, die Reuters vorliegt, wurden seit Oktober 2023 rund 193.000 Gebäude im Gazastreifen beschädigt oder zerstört. Eine ergänzende Untersuchung des Conflict Ecology Lab der Oregon State University auf Grundlage von Copernicus-Sentinel-1-Daten spricht sogar von bis zu 197.000 betroffenen Bauwerken, schreibt ABC News. Andere Quellen, etwa die UN-Agentur für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA), so NBC News, gehen von einer Beschädigung von „rund 80 Prozent“ aller Gebäude aus.
Trotz dieser Abweichungen in den Zahlen bleibt das Gesamtbild eindeutig: In nahezu jeder Stadt des Gazastreifens wurden Wohn- und Infrastrukturflächen in großem Umfang zerstört. Fachleute führen die Differenzen auf unterschiedliche Zeiträume, Sensorarten und Klassifikationsmethoden zurück – doch das Muster ist klar erkennbar. Der Küstenstreifen, einst dicht besiedelt und von Ackerflächen durchzogen, ist heute weitgehend entvölkert und verwüstet.
Wo Journalismus keine Chance hat




Gaza-Stadt: Aus der Metropole wurde eine graue Ödnis
In Gaza-Stadt, dem früheren wirtschaftlichen Zentrum, dokumentieren Planet-Labs-Aufnahmen kilometerweite Flächen aus Schutt, zerbombten Straßenzügen und zerstörter sozialer Infrastruktur. Laut NBC News sind laut der Aufnahmen Sportplätze, Parks und selbst ein großes Trinkwasserreservoir „fast ausgelöscht“. Auf aktuellen Luftbildern erscheint die Stadt farblos – ein Muster aus Staub, Beton und verkohltem Metall.
Auch BBC Verify verifizierte Vergleichsbilder vom Oktober 2023 und September 2025, die zeigen, wie einzelne Einschläge in den ersten Monaten des Krieges allmählich in den systematischen Abriss ganzer Stadtteile übergingen. Wo früher Wohnblöcke standen, markieren nur noch staubige Wege den Verlauf ehemaliger Straßen. Viele dieser Gebiete sind weiterhin militärisch umkämpft oder unzugänglich, was Rettungs- und Räumungsarbeiten nahezu unmöglich macht.
Zerstörung im Gazastreifen in Zahlen (Stand: Oktober 2025)
| Kategorie | Wert / Schätzung |
|---|---|
| Beschädigte oder zerstörte Gebäude | ca. 197.000 |
| Anteil beschädigter Strukturen (Gesamtbebauung) | rund 80 % |
| Funktionsfähige Krankenhäuser | nur 14 von 36 |
| Zerstörte Schulen | ca. 88 % |
| Tote seit Oktober 2023 | mehr als 67.000 |
Rafah und Chan Junis: Ganze Städte verschwinden
Auch der Süden ist massiv betroffen. In Rafah, an der Grenze zu Ägypten, zeigen aktuelle Planet-Labs-Aufnahmen ein Stadtgebiet, das nahezu vollständig entkernt ist – selbst große Straßenzüge sind auf den Bildern kaum noch zu erkennen, schreibt Reuters. Laut BBC Verify sind dort Wohnblöcke, Märkte und Schulen „auf fast jeder Parzelle ausgelöscht“. Nur wenige Gebäude mit intakter Struktur blieben stehen, viele davon wurden später ebenfalls beschädigt oder abgetragen.
In Chan Junis bestätigen Satellitenvergleiche, dass auch dort ganze Wohnkomplexe und Industrieflächen verschwanden. Straßen sind zu staubigen Pfaden geworden, Vegetation wurde weitgehend vernichtet. Besonders betroffen ist das Viertel westlich der Stadt, wo mehrere Schulen und Verwaltungsbauten in den Sommermonaten 2025 zerstört wurden, konstatiert ABC News.
Al-Mawasi: Vom grünen Streifen zur Zeltstadt
Ein besonders drastisches Beispiel liefert Al-Mawasi, der schmale Küstenstreifen nördlich von Rafah. Aufnahmen von Planet Labs PBC zeigen, wie hier innerhalb weniger Monate aus Agrarflächen ein dicht gedrängtes Lager aus Tausenden Zelten wurde, notiert NBC News. Israel bezeichnete das Gebiet offiziell als „humanitäre Zone“, doch laut UNRWA sind dort Wasser, Strom und sanitäre Anlagen „kaum oder gar nicht vorhanden“.
Inzwischen ziehen sich die Zeltformationen kilometerweit entlang der Küste, von Chan Junis bis fast nach Deir al-Balah. Das UN-Flüchtlingswerk UNRWA warnt, dass die Lebensbedingungen dort „katastrophal“ seien und humanitäre Dienste zusammenbrechen. Die Bilder zeigen nicht nur den physischen Schaden, sondern auch die Verdichtung menschlicher Not auf engstem Raum.
This is Gaza, before and after 7 October 2023.
— Middle East Eye (@MiddleEastEye) October 7, 2025
Satellite images captured by Planet Labs PBC cast light on the scale of destruction caused by Israel’s assault on the besieged enclave over the last two years.
In a statement on Monday, Gaza’s media office said that 90% of Gaza has… pic.twitter.com/ctzKMpQE70
Schulen, Kliniken, Infrastruktur im Gazastreifen: gezielte oder indirekte Treffer?
Laut der Analyse von ABC News, die auf mehr als 200 verifizierten Videos und Satellitenbildern basiert, sind rund 88 Prozent aller Schulen in Gaza beschädigt oder zerstört. Besonders im Süden – in Rafah und Chan Junis – wurden mehrere Bildungskomplexe dem Erdboden gleichgemacht. In einem Fall wurde das Gelände einer Grundschule nach der Zerstörung in ein Verteilzentrum für Hilfsgüter umgewandelt.
Die israelische Armee wies gegenüber dem US-Sender den Vorwurf gezielter Angriffe auf zivile Einrichtungen zurück. In einer schriftlichen Erklärung hieß es: „Es gibt keine IDF-Politik, Schulen oder Lehrkräfte anzugreifen. Hamas nutzt Bildungseinrichtungen für Terroraktivitäten, weshalb Einsätze dort notwendig waren“. Auch laut Reuters betont die Armee, sie handle „im Einklang mit internationalem Recht“. Dennoch zeigen Planet-Labs-Bilder massive Strukturschäden auch an Krankenhäusern und Verwaltungsgebäuden.
Opfer, Geiseln, Kriegsverlauf – der Hintergrund der Bilder
Die neuen Satellitenaufnahmen erscheinen exakt zwei Jahre nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023, bei dem rund 1200 Menschen in Israel getötet und mehr als 250 Geiseln verschleppt wurden. Seitdem dauern Israels Militäroperationen in Gaza an. Laut palästinensischen Gesundheitsbehörden wurden bis Herbst 2025 mehr als 67.000 Menschen getötet, darunter Tausende Kinder, schreibt BBC Verify.
BBC Verify berichtet zudem von weiterhin aktiven Luftangriffen und schweren Kämpfen im Norden. Videos, die über soziale Netzwerke verbreitet und durch Planet-Labs-Geolokalisierung bestätigt wurden, zeigen Rauchfahnen über dem Nasr-Viertel von Gaza-Stadt. Während in Ägypten weiter über Waffenstillstände verhandelt wird, bleibt die Lage in der Enklave dramatisch.
Israel und der Krieg im Gazastreifen: Ein Territorium im Ausnahmezustand
Ob in Gaza-Stadt, Jabalia, Rafah oder Chan Junis – die Satellitenbilder von Planet Labs PBC dokumentieren ein Gebiet, das über weite Strecken entvölkert und zerstört ist. Wo einst Märkte und Schulen standen, liegen Trümmer, Metall und Staub. Zwischen Ruinen und Zeltstädten kämpfen Hunderttausende ums Überleben, während internationale Hilfsorganisationen vor einer sich weiter zuspitzenden Katastrophe warnen.
Die Fotos aus dem All belegen, was vor Ort nur schwer dokumentiert werden kann: die systematische Erosion einer ganzen Region. Sie sind Momentaufnahmen – keine juristischen Beweise, aber visuelle Zeugnisse eines Krieges, der kaum noch zwischen militärischem Ziel und ziviler Existenz unterscheidet. Solange kein politischer Durchbruch gelingt, wie ihn aktuell die USA unter Donald Trump anstreben, werden die nächsten Satellitenbilder vermutlich dieselbe Geschichte erzählen: die eines Landesstrichs, der langsam ausradiert wird. (Quellen: Planet Labs PBC, UNOSAT, UNRWA, NBC News, BBC Verify/bbc.com, Reuters, ABC News) (chnnn)
Rubriklistenbild: © Bild links: IMAGO / Anadolu Agency | Bild Mitte und rechts: X (Screenshots)/@koomass (by Planet Labs PBC)
