Ukraine zerstört mit Drohne Putins nächsten Prestige-Panzer
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Die Switchlade-Drohne aus dem Rohr wird zum Panzerkiller der Ukraine. Die Zeiten, in denen Putins Panzerfahrer ihre Gegner kommen sahen, sind wohl vorbei.
Kiew – „Aktuelle Videos zeigen, dass die jüngsten Bemühungen, die Panzer lange genug zu schützen, um die ukrainischen Linien zu erreichen, fehlschlagen“, schreibt David Hambling. Laut dem Autoren des Magazins Forbes seien die neuesten T-90M von Wladimir Putins Armee angeblich ausgestattet mit dem aktiven Schutzsystem Arena, das radargesteuerte Geschosse abfeuert, um Drohnen abzuschießen. Jetzt publiziert die Kiew Post ein Video, nach dem die Ukraine erfolgreich US-amerikanische Drohnen gerade gegen Putins Prestige-Panzer einsetze; angeblich ungemein erfolgreich.
Wirkungsmächtig auch gegen schwere Panzer: Mit leichten bis mittelschweren Drohnen wird die Ukraine weiterhin aus den USA unterstützt. Die Switchblade-Drohne wird aus einem Mörser-Rohr heraus abgefeuert und gehört zum Arsenal der US-Armee. In der Ukraine hat sie erste Erfolge erzielt – vielleicht ist sie die Drohnen-Lösung der Zukunft (Archivfoto).
Der T-90 gilt als der fortschrittlichste russische Panzer bezüglich seiner reaktiven Panzerung: Die Oberseite des T-90M ist mit Sprengstoffblöcken bedeckt. Diese Explosive Reactive Armor (ERA) zerstört Hohlladungssprengköpfe und soll das Eindringen von Sprengkörpern aus der Luft verhindern. Andere Panzer früherer Baureihen werden dafür behelfsmäßig mit Käfigen auf den Türmen ausgestattet und sind damit mehr oder weniger gut geschützt, weil gute Piloten inzwischen auch die Käfige unterfliegen können.
Drohne der Zukunft? Jedenfalls ist sie stärker als das „Symbol der militärischen Macht Moskaus“
Kiew Post-Autor Stefan Korshak will in der Switchblade-600 (zu Deutsch: Klappmesser) jetzt die Drohne der Zukunft erkennen; die Drohne, die den T-90 besiegt, also das „Symbol der militärischen Macht Moskaus“. Das Zeug dazu hat sie allemal, wie das Magazin The War Zone (TWZ) berichtet. Die Switchblade-600, eine rohrgestützte Munition, die Aufklärungs- oder Angriffsfähigkeiten biete, sei in der Ukraine bereits gegen russische Panzer eingesetzt worden und ausgestattet mit dem gleichen Mehrzwecksprengkopf, der auch in der Panzerabwehrlenkwaffe Javelin verwendet werde – die kann russische Panzer mit Leichtigkeit knacken, wie TWZ berichtet.
„Panzer bleiben die Könige des Schlachtfeldes.“
Die Switchblade soll ohnehin den konventionellen Krieg vollends umkrempeln, wie das Magazin weiter behauptet. Bereits Ende vergangenen und Anfang dieses Jahres hatte TWZ verkündet, dass die US-Armee die Switchblade als erste Stütze ihres Replikator-Programms seht: also der massiven Umstellung der bisherigen Streitkräfte, um Chinas quantitativen Vorsprung an Rüstungsgütern zu egalisieren.
Der Ukraine-Krieg bietet also für die US-Militärs eine ideale Laborsituation. Die Switchblade galt als die erste aus den USA in die Ukraine gelieferte Drohne – eine „Einwegdrohne“, die über dem Gefechtsfeld kreist beziehungsweise in der Luft herumlungert (Loitering-Munition) und sich letztendlich auf ihr Ziel stürzt – auch als „Kamikaze-Drohne“ bekannt. Gegenüber dem Magazin Politico sagte David Deptula deshalb:. „Es ist ein Einwegflugzeug, das gegen mittelschwer gepanzerte Bodenziele wirksam ist“, so der ehemalige Generalleutnant der US-Armee.
Kann sie den Ukraine-Krieg entscheiden? Jedenfalls ist die Munition weitaus günstiger als Präzisionsmunition
Der Hauptnutzen von Loitering-Munition bestehe darin, dass sie schnelle Reaktionszeiten ermögliche gegen Ziele, die nur für kurze Zeit auftauchten, und ein selektives Zielen ermögliche, ohne hochwertige Plattformen zu gefährden, schreibt Airforce Technology. Daneben sei diese Art der Munition weitaus günstiger als Präzisionsmunition; ihre Fähigkeit, längere Zeit über möglichen Zielen zu schweben, erspare dem Absender darüberhinaus die Notwendigkeit, sein Opfer vorher genau zu lokalisieren. Außerdem zwinge sie den Gegner zum Einsatz teurer Flugabwehrsysteme, so das Magazin.
Die kleine 300er wiegt rund drei Kilo, die Switchblade-600 bereits fast 17 Kilogramm. Wie das Magazin Kiew Independent berichtet, plant AeroVironment, in der Ukraine mit der Produktion von Switchblade-Kamikaze-Drohnen zu beginnen. Dies sei die jüngste von mehreren aktuellen Vereinbarungen zwischen ukrainischen und ausländischen Unternehmen zur Waffenproduktion in der Ukraine, wie das Blatt meldet. Laut der Kiew Post solle die Switchblade jetzt überhaupt das Blatt im gesamten Kriegs-Geschehen wenden.
Ebenbürtiger Gegner? Jedenfalls ist der Abschuss eines T-90-Panzers ein herber Verlust
„Eine 500-Dollar-Drohne gegen einen 4,5-Millionen-Dollar-Panzer: Wie die Drohnen der Ukraine Russlands ,unaufhaltsame‘ Panzer besiegten“, posaunt Korshak deshalb für die Kiew Post. Allerdings käut das Video bekannte Tatsachen wider: dass unter den Drohnen neben den materiellen Verlusten auch die Reputation der russischen Invasionsarmee leide. Vorher hatten die Switchblade schon ähnliche Erfolge erzielt wie aktuell mit dem gezeigten Abschuss eines T-90-Panzers. Der allerdings ist tatsächlich ein herber Verlust, da Russland ohnehin von diesem modernen Kampffahrzeug weniger als erhofft in die Schlacht schicken konnte und weniger als verkündet neu produzieren kann.
Tatsächlich ist die Switchblade-600 ein Beweis dafür, wie effektiv diese Technologien gegen überlegene russische Offensiv- genauso wie Defensiv-Systeme eingesetzt wird. Ende Oktober hatte das Magazin Army Recognition geschrieben, dass eine Switchblade-Kamikaze-Drohne ein Tor-Luftabwehrsystem zerstört haben soll – und damit Russlands Luftabwehr-Strategie ad absurdum geführt hat: Das Tor-System ist eine Kurzstrecken-Luftabwehrrakete auf gepanzertem Kettenfahrgestell, das der Infanterie Bedrohungen aus der Luft vom Leibe halten soll – also auch die Gefahr durch Drohnen wie die Switchblade abwenden.
Trotz aller Erfolge bestehen dennoch Bedenken gegen die Switchblade als Drohnen-Lösung für die Zukunft. Das System beinhaltet zwar gleichermaßen Optiken zur Aufklärung als auch Sprengstoff, doch ist sie unter der vergleichsweise günstigen Drohnentechnik eine Premium-Waffe. Der britische Drohnenpilot und Blogger James Leslie beziffert die Switchblade-600 auf umgerechnet zwischen 120 und 170.000 Euro pro Stück – allerdings relativiert sich der Preis wiederum im Vergleich zu einem zerstörten russischen (T-90)-Panzer. Wobei auch mehrere Hundert Euro oder wenige Tausend Euro billige Drohnen bereits ähnlich fulminante Erfolge erzielt haben.
Zählt nur die Technik? Jedenfalls hat ein ukrainischer Pilot 42 russische Panzer und 82 Fahrzeuge zerstört
Die Technik der Switchblade ist nahezu die gleiche wie die von Do-It-Yourself-Drohnen – außer des Startvorgangs, wie Steve Gitlin bereits 2020 gegenüber The War Zone geäußert hat. „Die Röhre wird wie ein kleiner Mörser auf dem Boden aufgestellt. Und der Bediener startet sie mithilfe des Bodenkontrollsystems. Sie verlässt die Röhre. Ihre Flügel springen auf. Ihr Propeller dreht sich und sie beginnt, in die vom Bediener gewünschte Richtung zu fliegen. Dabei wird ein Live-Video an diesen Bediener gesendet, das auf dem Bildschirm in der Mitte der Handsteuerung angezeigt wird“, wie der Marketing-Chef des Herstellers AeroVironment gesagt hat.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Im Krieg der Zukunft wird die Panzerbesatzung also kaum mehr einen Gegner mehr zu Gesicht bekommen – ein herausragender ukrainischer Pilot einer FPV-Drohne (First-Person-View) sei ausgezeichnet worden, weil er innerhalb von fünf Monaten 42 russische Panzer und 82 andere gepanzerte Fahrzeuge zerstört habe, wie Forbes im Oktober berichtet hat. Panzervernichtungs-Trupps mit ihren Rucksack-Drohnen werden sich an Panzer heranpirschen können, obwohl die noch kilometerweit entfernt sind.
Das wird dazu führen, den Panzer an sich neu zu denken; bisher war der Panzer gegen Bedrohungen von vorn und und der Seite geschützt; jetzt wird er sich vornehmlich gegen Angriffe von seitlich oben verteidigen müssen. David Axe sieht darin einen technischen Klacks: „Für Ingenieure ist es eine ziemlich einfache Anpassung, das Design eines Panzers neu auszubalancieren und auf Kosten der Front eine Panzerung an der Oberseite hinzuzufügen“, wie der Forbes-Autor schreibt. „Panzer bleiben die Könige des Schlachtfeldes.“