Letzte Chance für Nahost: Wieso ein Geiseldeal jetzt unbedingt kommen muss
VonInge Günther
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In Doha soll heute unter Vermittlung von Ägypten, Katar und USA die von aller Welt herbeigesehnte Waffenruhe für Gaza samt Geiselaustausch vereinbart werden. Einigen sich Israel und Hamas nicht, dürfte sich der Konflikt ausweiten. Der Leitartikel.
Das Nervenkostüm vieler Israelis wird dieser Tage reichlich strapaziert. Besonders in Haifa und Tel Aviv, die als favorisierte Ziele eines Gegenschlags seitens Irans und seiner Hisbollah-Vasallen gelten. Dass die USA derweil einen Flugzeugträger samt modernsten Kampfjets sowie ein mit Lenkraketen bestücktes U-Boot in nahöstlichen Meeren kreuzen lassen, mag zur Abschreckung dienen, aber beruhigt nur bedingt.
Wann und ob es überhaupt zu einem Vergeltungsangriff für die Israel zugeschriebenen tödlichen Attentate auf Hamas-Exilchef Ismael Hanija in Teheran und einen ranghohen Hisbollah-Kommandanten in Beirut kommt, dürfte sich freilich andernorts entscheiden. Am Golf, in Doha, wo an diesem Donnerstag dem Versuch eine „letzte Chance“ gegeben werden soll, unter Vermittlung von Ägypten, Katar und USA die von aller Welt herbeigesehnte Waffenruhe für Gaza samt Geiselaustausch festzuzurren.
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Beide Szenarien – eine drohende Eskalation bis hin zum Regionalkrieg einerseits, ein auszuhandelnder Waffenstillstand zwischen Israel und der terroristischen Hamas andererseits – könnten kaum gegensätzlicher sein, sind aber verlinkt.
Wie sehr, unterstreichen Signale aus Iran, einen Vergeltungsschlag hintanzustellen, sollten die Gaza-Gespräche in Doha zum Erfolg führen. Falls nicht, werde man zu einem Direktangriff auf Israel ausholen. Dieses Entweder-oder enthält zwar eine unverhüllte Drohung, erhöht zugleich jedoch den Erfolgsdruck im Sinne eines diplomatischen Durchbruchs. Ganz unglücklich dürften die Vermittler darüber nicht sein.
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Selbst wenn sich – so wie im Frühjahr – das Risiko eines Flächenbrandes im Vertrauen auf die Übermacht der USA noch einmal eindämmen ließe, wirklich gebannt ist es nicht, solange der Gazakrieg andauert. Jene Militäroffensive, genannt „Schwerter aus Eisen“, die Israel in Reaktion auf den mörderischen Überfall der Hamas vom 7. Oktober mit 1200 Todesopfern führt, aber dabei den schmalen, fünfzig Kilometer langen Küstenstreifen in eine Trümmerlandschaft verwandelt hat.
Die meisten seiner 2,3 Millionen palästinensischen Bewohner:innen sind inzwischen Binnenvertriebene, rund 40 000 von ihnen tot, während unter den Überlebenden Seuchen, Hunger und Verzweiflung grassieren. Bedingungen, die auch das Leiden der vermutlich in Tunneln eingesperrten Geiseln unerträglich machen. Monatelang werden sie in diesen Kerkern nicht mehr ausharren können.
Ein Deal muss her, und zwar jetzt. Die Konturen sind längst bekannt. Es handelt sich um einen mehrstufigen Plan, der in Phase eins vorsieht, Frauen, Kinder, Kranke und Alte unter den Geiseln nach Hause zu holen und die humanitäre Notlage der Zivilbevölkerung in Gaza umfassend zu versorgen. Jegliche Hinhaltetaktik geht auf ihre Kosten.
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Wobei Israels Premier Benjamin Netanjahu es am liebsten mit der ersten Phase bewenden lassen möchte. Sprich: Geiseln heimholen, um dann weiterkämpfen zu lassen bis zum „totalen Sieg“ über die Hamas. Eine Zielvorgabe, die selbst Verteidigungsminister Joav Galant als „Nonsens“ bezeichnet. Auch diesmal hat Netanjahu seinen Unterhändlern nur ein eingeschränktes Mandat erteilt.
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Wie viele der verbliebenen 116 Geiseln noch leben, ist ungewiss, womöglich weniger als die Hälfte. Sie zu retten, ist das Gebot der Stunde. Dafür machen sich nicht nur ihre Angehörigen und die von ihnen initiierten Massenproteste stark, sondern inzwischen auch lauter werdende Stimmen aus dem israelischen Sicherheitsapparat.
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Und so könnte auch die neue Verhandlungsrunde in Doha zum Scheitern verurteilt sein. Immerhin, die Vermittler USA, Katar und Ägypten haben den Kontrahenten bedeutet, wer auch immer die Gespräche sabotiert, öffentlich anzuprangern. Ergänzt um den Nachdruck aus Iran könnte das reichen. Nur, mehr als ein Hoffnungsschimmer ist das nicht.