VonSophie Klußschließen
Dem Igel geht es schlecht. Gegenüber IPPEN.MEDIA informieren zwei Expertinnen über die Gründe und was wir für die stacheligen Wildtiere tun können.
Eigentlich hat der Igel keine großen Ansprüche: Die Tiere „brauchen einerseits genügend Deckung durch Hecken, Büsche und Gehölze und ausreichend große und begrünte Strukturen, in denen sie ihre natürliche und abwechslungsreiche Nahrung finden“, sagt Heike Philipps, die Vorsitzende des bundesweit tätigen Vereins Pro Igel e.V. Doch unsere heutige Landschaft sei zu sauber und für den Igel daher unbewohnbar geworden: „Es gibt kaum Brachflächen – immer mehr Boden wird versiegelt. Unsere Gärten werden immer kleiner und undurchlässiger, es gibt zu wenig Obst-, Gemüse- und Blumenbeete, zu wenig Laubbäume. Wo gestern Jägerzäune waren, stehen heute Mauern oder enge Drahtgitterzäune, es gibt kaum Gräben und Zugang zu Wasser“, führt Philipps weiter aus. Die artenreichsten Lebensräume seien Streuobstwiesen, Wallhecken und Bauerngärten – diese gebe es noch, allerdings viel zu selten.
Auf die Frage, ob es passieren könne, dass Igel „verschwinden“, wie mancherorts bereits davor gewarnt wird, gibt Heike Philipps eine eindeutige und zugleich erschreckende Antwort: „Wenn wir Menschen jetzt nicht die Lebensräume des Igels aufwerten und öffnen, verschwindet der Igel genauso wie die Singvögel in den 80er Jahren. ‚Verschwinden‘ ist sicher als die weichere Variante der Formulierung ‚Aussterben‘ zu interpretieren. Wir sollten die Warnungen daher ernst nehmen und etwas tun, denn: Der Igel hat keine Zeit mehr.“
Gefährdete Igel: Der Mensch ist die größte Bedrohung für den Igel
Und trotzdem macht es der Mensch dem Stacheltier immer schwerer, geeigneten Lebensraum zu finden: „Igel leben heutzutage quasi vor unserer Haustüre, in Parks und mitten in der Stadt. Hier sind ihre letzten Rückzugsgebiete. Aber auch hier werden die Gärten immer kleiner und qualitativ schlechter, ein Reihenhausgarten reicht für einen Igel bei weitem nicht“, erklärt Heike Philipps. Denn ausreichend Platz sei für die Tiere von großer Bedeutung: „Ein einziger Igel durchstreift während der Aktivitätszeit Gebiete von bis zu 100 Hektar Größe. An unüberwindbaren Zäunen ist oft Endstation oder Igel bleiben in den viel zu engen und bei den Menschen aktuell beliebten Doppelstabmatten stecken. Auch Maschendrahtzäune werden zur Gefahr, wenn Igel versuchen, sich hindurchzuzwängen, um ihren Hunger im Nachbargarten zu stillen und ihren Partner oder ihre Jungen zu suchen.“ Finden Igel nicht ausreichend Nahrung oder Wasser und sind ständig Störungen ausgesetzt, beispielsweise durch Bau- oder Erdarbeiten, Hunde oder motorbetriebene Gartengeräte, würden sie in der Folge abwandern. Doch auch Abwanderung sei nicht die Lösung, so Heike Philipps: „Es gibt für den Igel kaum Ausweichmöglichkeiten und auf der Suche nach einem lebenswerten Raum zum Leben sind sie großen Gefahren ausgesetzt.“ Dazu zählen neben dem Straßenverkehr auch Grünpflegearbeiten oder Baugruben.
Die größten Bedrohungen für Igel in Deutschland
- Verlust und Zerschneidung des Lebensraums
- zu kleine Räume zum Leben, deshalb zu wenig natürliche Nahrung, fast kein Zugang zu Wasser
- vermutlich fehlende Nahrungsgrundlage aufgrund von Insektenschwund
- keine Vernetzung der Lebensräume, fehlende verbindende Korridore (Hecken, Sträucher)
- Schottergärten und monotone Rasenflächen bieten dem Igel kein Futter und keine Deckung
- Flächenversiegelung
- abgeriegelte Gärten und Grünflächen sperren Igel ein oder aus
- Bau- und Rodungsarbeiten
- Straßenverkehr und -ausbau
- motorisierte Gartengeräte – allen voran auch nachts betriebene Mähroboter, die vor Igeln nicht anhalten
- Gift im Garten
- Störungen
- schwere Bissverletzungen durch Hunde
- Tier-Fallen
Aber auch der Klimawandel wirke sich Heike Philipps zufolge negativ auf die Lebensbedingungen des Igels aus: „Trockene, dürre Sommer lassen Igel dursten und bei säugenden Igelweibchen die Milch zu früh versiegen. Zudem sind Jahreszeiten mit Flutkatastrophen oder zu warme Winter für winterschlafende Wildtiere bedrohlich.“ Auch um das Nahrungsangebot der Stachelträger ist es aufgrund des Klimawandels immer schlechter bestellt. Karolin Schütte, Tierärztin bei aktion tier – Igelzentrum Niedersachsen e.V., teilt die Auffassung der Igelschützer: „Wahrscheinlich hat der Klimawandel Einfluss auf das Vorkommen von Nahrungstieren, wie Käfern, Gehäuseschnecken und Regenwürmern.“ Neben der schwindenden Nahrungsgrundlage mache dem Igel – genau wie anderen Tieren – aber auch die Hitze selbst zu schaffen, so Schütte.
Gibt es noch Hoffnung für die Igelpopulationen in Deutschland?
Trotz aller Probleme macht die Pro Igel e.V.-Vorsitzende Heike Philipps Hoffnung. In seinen Verlagsveröffentlichungen gibt der Verein zahlreiche Hinweise und praktische Tipps, wie jeder zum Erhalt der Igel beitragen kann: Im Zehn-Schritte-Programm für mehr Igelschutz ©Pro Igel e.V. (Alle Rechte vorbehalten) finden nicht nur private Gartenbesitzer, sondern auch Kommunen, Firmen, Schulen, Kindertagesstätten nützliche Hilfestellungen zum Thema igelfreundliche Lebensraumgestaltung. Am Beispiel von Schulhöfen wird deutlich, worum es geht: „Nimmt man alle Schulhofflächen zusammen, ergibt sich ein enormes Flächenpotenzial – würde man diese Fläche entsiegeln, könnten Schüler*innen in den Pausen mehr Natur genießen und Igel nachts ihr Futter suchen. Kommunen müssen ihr Grünpflegemanagement auf sensibel umstellen – Städte wie Luzern machen es vor“, gibt Philipps zu bedenken. Auch Karolin Schütte sieht noch Chancen für den Igel: „Es muss allerdings wieder ein Umdenken der Menschen stattfinden, um den Lebensraum für Wildtiere insgesamt zu schützen.“
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Nützliche Tipps und Tricks für einen igelfreundlichen Garten
Neben dem Zehn-Schritte-Programm teilt Pro Igel e.V. weitere Tipps und Tricks, die Gartenbesitzer umsetzen können, um den Igeln in ihrem Garten Unterschlupfmöglichkeiten und Nahrung zu bieten:
- Eine naturnahe Gestaltung der Gärten, wilde Ecken mit Totholz und Laub sowie Natursteinmauern bietet Unterschlupf und fördert das Nahrungsangebot an Insekten.
- Hecken, Sträucher, Gehölze und Bodendecker schaffen eine strukturreiche Umgebung und natürliche Begrenzungen zur Orientierung bei der nächtlichen Futtersuche und bieten Unterschlupfmöglichkeiten; offene Rasenflächen mögen Igel hingegen nicht.
- Sie tun dem Igel einen großen Gefallen, wenn Sie heimische und insektenfreundliche Pflanzen in Blumenbeeten, als Sträucher, Bäume oder Hecken pflanzen.
- Mit Lesestein- oder Totholzhaufen, Holzkompostern mit Hohlraum (Igel-Keramikkuppel hineinstellen, vorsichtig mit Steinen oder Holz abdecken, Eingang freihalten) können Sie wertvolle Unterschlupfmöglichkeiten anbieten. Im Herbst können Sie Laub in einer ruhigen Ecke zu einem 1 m hohen Haufen aufschichten und mit Reisig abdecken. Ein teures Igelhaus ist kein Muss, stattdessen können Sie eine hölzerne Obstkiste umdrehen, mit Dachpappe abdecken, einen Eingang aussägen und die Kiste mit Stroh oder Laub füllen. Auch ein Palettenhotel ist sehr einfach zu bauen.
- Verzichten Sie möglichst auf elektrisch betriebene Gartengeräte sowie den Einsatz von Insektiziden und Pestiziden.
- Bieten Sie Nahrung an, beispielsweise durch den Bau eines Holzkellers als Slow-Food-Restaurant für Igel.
Auch Kinder kann man in die Anlage eines igelfreundlichen Gartens miteinbeziehen: Sie können Blätterhaufen aufschichten oder Unterschlüpfe bauen, beispielsweise auf dem Schulhof oder im Kindergarten.
Slow-Food-Restaurant für Igel – so wird’s gemacht:
- Eine 1 qm große Fläche Erde in einem halbschattigen Bereich abstechen und ca. 30 cm tief ausheben.
- Das Erdloch mit heimischen Holzabschnitten und Gartenschnitt füllen,
- mit großen Rindenstücken gern etwas hügelig abdecken,
- dickere Stammabschnitte für die Abgrenzung oder Umrandung vorsehen
- und um die Fläche herum heimische Pflanzen für halbschattige Standorte setzen (beispielsweise Fingerhut).
- Sammeln Sie kein Totholz im Wald, dort erfüllt es seinen Zweck im Ökosystem. Baumrinde und kleine Hölzer können Sie auch in Wäldern sammeln, beispielsweise wo Bäume gerodet und entrindet wurden.
- Verschiedene Käferarten benötigen unterschiedliche Holzarten (der selten gewordene Hirschkäfer benötigt beispielsweise Eichenholz), achten Sie auf Vielfalt.
Bis sich im Igel-Slow-Food-Restaurant Käfer und Larven entwickeln, kann es allerdings einige Zeit dauern – Geduld ist in diesem Fall der Schlüssel zum Erfolg.
Quelle: ©Pro Igel e.V. (Alle Rechte vorbehalten)
Verletzte oder hilfsbedürftige Igel: Wie Sie den stacheligen Wildtieren im Notfall helfen können
Doch die Stacheltiere sind nicht nur auf einen igelfreundlichen Garten angewiesen – sie benötigen im Ernstfall auch Hilfe vom Menschen, um in Notlagen zu überleben. Heike Philipps verrät, woran Igelfreunde erkennen können, dass Igel Hilfe brauchen und wie Sie dann helfen können: „Tagaktive Igel sind immer ein Alarmzeichen. Genauer hinschauen, das Geschehen beobachten, ist Gefahr im Verzug, den oder die Igel in einen Karton (mit Zeitungspapier ausgelegt) legen, mit wenig Futter und Wasser versorgen, den Kartons bei Zimmertemperatur unterbringen, Igelhilfe kontaktieren, Ruhe bewahren, wenn eine Igel-Pflegestelle oder -Auffangstation Aufnahmekapazitäten hat: Übergabe verabreden.“ Findet man einen hilfsbedürftigen Igel, so sind Igel- und Wildtierstationen eine erste Anlaufstelle. Insbesondere bei offensichtlich verletzten oder sehr kranken Tieren kann aber auch eine igelkundige Tierarztpraxis aufgesucht werden, damit der Igel schnellstmöglich medizinische Hilfe bekommt. Ob ein Igel normal- oder untergewichtig ist, lässt sich anhand einiger Merkmale bestimmen, die das aktion tier – Igelzentrum Niedersachsen e.V. hier nennt.
Doch nicht jeder Igel, der gefunden wird, ist auch hilfsbedürftig, erinnert die Tierärztin Karolin Schütte. Unnötige Pflege würde nicht nur Stress für die Tiere bedeuten, sondern könne bei Jungtieren auch dazu führen, dass sie möglicherweise wertvolle Ersterfahrungen in der Natur nicht machen können. Zudem sei der Aufwand für die Igelstationen ein immenses Problem: Diese seien zu schnell voll und tatsächlich hilfsbedürftige Tiere könnten nicht mehr aufgenommen werden, wenn nicht hilfsbedürftige Jungigel „eingesammelt“ werden. Warum zwei im Kreis laufende Igel nicht unbedingt Hilfe benötigen, erfahren Sie hier.
Keine Angst vor dem Kontakt mit Igeln: Handschuhe oder ein Handtuch genügen
Grund zur Panik bestehe beim Kontakt mit einem Igel nicht, beruhigt Heike Philipps: „Sie haben Flöhe, aber die sind igelspezifisch. Gegen piksende Stacheln helfen einfache Gartenhandschuhe oder ein Handtuch. Bei Fragen sollte man sich an die Igelhilfe wenden“, rät die erfahrene Igelschützerin.
Kontraproduktiv sei es hingegen, Igel im Winter zu füttern: „Igel sind echte Winterschläfer, niedrige Temperaturen und Nahrungsmangel lösen die Winterschlafbereitschaft aus“, so Philipps. Nicht zuletzt sei die Teilnahme an sogenannten Igel-Monitoring-Aktionen hilfreich, um einen Überblick über die bundesweite Igelpopulation zu bekommen. Dabei werden gesichtete Igel an zentrale Stellen gemeldet.
Fotogalerie: Die Tiere des Jahres 2024 – Ist Ihr Lieblingstier dabei?




Igelfreund werden: So können Sie etwas verändern
Sie sind Gartenbesitzer und Ihr Garten ist bereits ein Igelparadies, doch Sie möchten mehr zum Schutz des Igels tun? Die Pro-Igel-Vorsitzende weiß, wie sich Igelfreunde weiter engagieren können: „Wer sich im Igelschutz engagieren möchte, könnte beispielsweise bei der örtlichen Igelhilfe helfen, Material besorgen, Transportfahrten erledigen oder auch nur Zeitungspapier sammeln.“ Aufgaben gebe es immer genug, weshalb ein einfacher Anruf mit dem Angebot der Mithilfe der schnellste Weg sei, um sich ehrenamtlich für Igel zu engagieren.
Zum Schluss nennt Heike Philipps ein weit verbreitetes Missverständnis über Igel, das sie klarstellen möchte: „Offenbar meinen viele Menschen, die Haustiere haben, dass Igel ihren Haustieren Flöhe und Krankheiten bringen und wohl im Wald besser aufgehoben wären. Das ist falsch – der Igel ist kein Waldbewohner. Unsere Gärten und Grünanlagen sind die letzten Rückzugsgebiete der Stacheltiere.“ Ihr Appell lautet daher: „Auch Igel brauchen Lebensqualität – helfen wir ihnen, zu überleben und das Wildtier aus der Urzeit für die nächsten Generationen zu erhalten.“ Der Grund, weshalb der Igel auch zum Wildtier des Jahres 2024 gewählt wurde.
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