Emotionales Thema

Verpflichtende Führerschein-Checks im Alter: Verkehrsexperte findet „Überlegungen sinnvoll“

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Gerade gestiegene Unfallzahlen sprechen für Führerscheinuntersuchungen im Alter, meint ein DEKRA-Experte. Doch Studien legen auch berechtigte Bedenken offen.

Stuttgart – Reichlich Gegenwind bekam Brüssel für das Vorhaben ins Gesicht gepustet, verpflichtende Fahrtüchtigkeitstests für Senioren in allen EU-Ländern durchzudrücken.

Zuletzt sprach sich Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) entschieden dagegen aus. Solche Untersuchungen seien bevormundend und mindere die Lebensqualität des Einzelnen, kritisiert Wissing. Außerdem rechtfertigten die bestehenden Verkehrszahlen solche Maßnahmen nicht. Damit argumentiert der Minister ähnlich gegen die neuen EU-Richtlinien, wie Automobil- und Sozialverbände.

Komplett an den Haaren herbeigezogen sei die Idee von Fahrtüchtigkeitsprüfungen laut Thomas Wagner allerdings nicht. Gegenüber IPPEN.MEDIA ordnet der verkehrspsychologische Gutachter des Deutschen Kraftfahrzeug-Überwachungs-Vereins (DEKRA) die EU-Pläne ein.

Verkehrsreport legt offen: Unfälle von Älteren ähnlich oft wie von jüngeren Fahrern verursacht

Die EU hatte sich im März für eine Reihe neuer Verkehrsvorschriften ausgesprochen, unter anderem sollten ältere Fahrer in regelmäßigen Abständen ihren Führerschein erneuern müssen. Mittlerweile ist der Staatenverbund zurückgerudert – man wolle die Entscheidung den Mitgliedsländern überlassen. Eine Reaktion auf die Empörung, die ihm auch aus Deutschland entgegenschlug?

Das Unfallrisiko älterer Autofahrer sei nicht außergewöhnlich hoch, führte der Allgemeine Deutsche-Automobil-Club (ADAC) unlängst als Argument gegen solche obligatorischen Gesundheitschecks ab 70 ins Feld. Stattdessen appelliere man beim Club – wie auch Verkehrsminister Wissing – an die Eigenverantwortung der einzelnen Fahrer.

Ab einem bestimmten Alter könnte es sinnvoll sein, seine eigene Fahrfähigkeit professionell einschätzen zu lassen, erklärt Verkehrspsychologe Dr. Thomas Wagner. Zur Not auch verpflichtend. (Symbolfoto)

Ungeachtet der jüngsten Entscheidung der EU, von den Vorhaben wieder abzuweichen: Aus verkehrspsychologischer Sicht fänden sich laut Wagner sehr wohl „gute Gründe“ für die regelmäßigen Überprüfungen der Fahrtauglichkeit ab einem gewissen Alter. „Ab dem 75. Lebensjahr ist durchaus eine höhere Unfallbelastung zu beobachten“, erklärt Wagner, obgleich man bei der DEKRA ebenfalls die „Selbstverantwortung des Kraftfahrers stärken“ wolle.

Doch der Sicherheitsreport von 2021, der sich explizit der Mobilität im Alter widmet, zeigt, dass das Fehlverhalten der Autofahrer ab 75 nahezu identisch mit dem der 18- bis 20-Jährigen ist. Demnach nahmen Unfälle mit Verletzten zwar in allen Altersgruppen zu. Von 2015 bis 2019 stiegen diese von Fahrern über 65 Jahren aber ähnlich stark an, wie bei unter 20-Jährigen. „Die Zahlen sind einfach da. Die tragen wir ja auch nur zusammen als Sachverständigen-Organisationen“, so Wagner. Die neue EU-Richtlinie sieht auch strengere Regeln für junge Fahrer vor.

Auch Selbstüberschätzung: Gleich mehrere Faktoren erschweren das Autofahren im Alter

Die Ursache für gestiegene Unfallzahlen lägen laut Wagner vorrangig mit dem körperlichen und gesundheitlichen Zustand der jeweiligen Fahrer zusammen. „Aus einschlägigen Wissenschaftsstudien ist bekannt, dass ab dem 70. Lebensjahr einfach unser menschliches Nervenzellkostüm schlechter wird. Das heißt, die Signalübertragung dauert länger“, erklärt der DEKRA-Experte. Dadurch fiele das Wahrnehmen und Interpretieren von Verkehrssituationen schlichtweg schwerer, auch aufgrund einer altersbedingten zunehmenden Sehschwäche.

Dabei handele es sich um „das ganz normale Leistungsabbauphänomen, das alle Menschen altersbedingt betreffen“ könne. Hinzu kommen in der Realität allerdings oftmals noch Erkrankungen, deren Risiken bekanntlich mit dem Alter ebenfalls steigen. „Aus unseren eigenen Studien wissen wir: Eine einzelne Erkrankung, wie Diabetes oder Bluthochdruck, können Senioren relativ gut beherrschen.“ Kritisch würde es jedoch bei Mehrfacherkrankungen. Und: „Wenn eine sogenannte Polymedikation dazukommt, also unterschiedliche Präparate mit unterschiedlichen Nebenwirkungen, kann das Leistungsvermögen deutlich absinken“, so Wagner.

Zu den Faktoren, die das Fahren negativ beeinträchtigen könnten, zähle neben Alterserscheinungen sowie Erkrankungen samt Medikamenteneinnahme auch eine psychologische Komponente. Eine ganze Reihe von Meta-Analysen hätten demnach ergeben, dass sich ältere Autofahrer selbst oft besser einschätzen, als sie eigentlich sind. Das erschwere die Selbstreflexion. Im Übrigen auch von jüngeren Autofahrern, die sich hinsichtlich ihrer Reife überschätzen.

Studien zu Checks für Rentner: Straßen wurden nicht sicherer, doch die Lebensqualität schlechter

Belegbare Argumente fänden sich also einige für altersbedingte Fahrtauglichkeitstests. „Wenn man es an den äußeren Kriterien festmacht, kann die Überlegung von verpflichtenden Checks durchaus Sinn ergeben. Insbesondere, wenn die Selbstverantwortung von den Betroffenen nicht übernommen wird“, so Wagner und verweist auf die derzeit bestehenden Angebote. Diese würden in allen Altersgruppen nur im „sehr niedrigen einstelligen Prozent-Bereich in Anspruch genommen“.

Ein ausdrücklicher Befürworter für die verpflichtende Maßnahme der EU ist der DEKRA-Experte dennoch nicht. Denn Beispiele aus den USA hätten ergeben, dass dort, wo solche Gesundheitschecks in vielen Staaten eingeführt werden, mitunter widersprüchliche Effekte auftreten. „Zum einen konnten die Checks die Unfallzahlen nicht nach unten korrigieren.“

Die Kehrseite: Studien haben gezeigt, dass der Verlust des Führerscheins zu Einsamkeit, Depressionen und einer generell verschlechterten Gesundheit von Älteren führen kann. Viele geben oftmals aus Angst vor den Tests freiwillig ihre Mobilität auf. (Symbolfoto)

Dafür seien vermehrte gesundheitliche Probleme aufgetreten, insbesondere mentale. Denn viele Senioren hätten aus Angst vor den obligatorischen Untersuchungen freiwillig komplett auf das Autofahren verzichtet. Und sich somit unbewusst in eine soziale Isolation manövriert. Anhand dieser Erfahrungsberichte zeige sich: „Es ist keine Verbesserung für die Verkehrssicherheit belegbar, aber sehr wohl eine Verschlechterung der Lebensqualität der Betroffenen.“

Problem in der Verkehrssicherheit nicht von der Hand zu weisen – doch wie lösen?

Die Einschätzungen des Verkehrsexperten sowie die bisherigen Reaktionen aus der Politik und Gesellschaft zeigen: das Thema ist nicht nur hochemotional, sondern auch alles andere als einfach. Etwa jeden fünften Autofahrer beträfen solche Checks. Eine Möglichkeit, das Problem zu lösen, sieht Wagner allen voran in Hilfsangeboten, konkret in sogenannten Rückmeldefahrten.

Bei diesem Konzept, das derzeit von der DEKRA intensiv intern besprochen würde, wird Betroffenen ein begleitetes Fahren angeboten, um von geschulten Augen, das Fahrverhalten einschätzen zu lassen. Anschließend würde die Fahrt gemäß einer Ampelfunktion ausgewertet: grün für sicheres und unbedenkliches Fahren, gelb für einige verbesserungswürdige Auffälligkeiten und rot für dringenden Handlungsbedarf durch Verkehrsmediziner und -psychologen.

Aktuell seien diese Rückmeldefahrten auf freiwilliger Basis angedacht, könnten aber auch verpflichtend gemacht werden, um diejenigen herauszufiltern, bei denen eine tiefergehende Untersuchung sinnvoll und notwendig wäre. „Damit eben nicht alle Älteren über einen Kamm geschert werden“, so Wagner. Nach DEKRA-Prognose wären bei etwa fünf bis zehn Prozent der über 75-Jährigen, die für eine Rückmeldefahrt infrage kämen, eine weitere Untersuchung und Abklärung nötig. (rku)

Rubriklistenbild: © Julian Stratenschulte/dpa

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