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Der Supervulkan bei Neapel sorgt mit heftigen Beben für Panik unter der Bevölkerung. Die Frage, die sich viele stellen: Steht ein Ausbruch bevor?
Pozzuoli/Neapel – Seit gut einem Monat jagt am Supervulkan der Phlegräischen Felder in Süditalien wieder ein Beben das nächste. Die Erdstöße werden immer heftiger, viele Menschen scheinen mit den Nerven am Ende zu sein. Viele schlafen in ihren Autos, der letzte große Erdstoß am Samstag (16. März) trieb die verzweifelten Bewohner am Tag wieder auf die Straßen, wo es zu heftigen Diskussionen kam. Teilweise wurden die Kontrahenten handgreiflich, wie Aufnahmen des lokalen Fernsehens zeigen. Mittlerweile wurden in Neapel 187 Wohnungen wegen Einsturzgefahr geräumt.
Demo am Supervulkan – Menschen „wollen Sicherheit“ nach erneuten Beben
Am Sonntag (16. März) kam es dann in Pozzuoli zu einer makabren Demonstration: Fünf Demonstranten legten sich in symbolische Leichentücher gehüllt auf die Straße. Auf einem Transparent war zu lesen: „Pozzuoli organisiert sich. Wir wollen Sicherheit.“ Die Bürger fordern die Heraufsetzung des Alarmlevels von jetzt gelb auf orange und Evakuierungen in sichere Quartiere außerhalb, die der Staat bezahlt - oder Entschädigungen für die Wohnungen, die unbewohnbar geworden sind.
Bei einer Einsatzbesprechung erteilte Italiens oberster Zivilschutzes, Fabio Ciciliano, den Forderungen aber eine Absage, zum jetzigen Zeitpunkt sei eine Evakuierung der Bürger ausgeschlossen.
Italiens Zivilschutzchef macht sich schon wieder bei den Bewohnern des Supervulkans unbeliebt
Cicilano hatte erst kürzlich mit der Aussage schockiert, dass es bei einem Beben der Stärke 5, das sich jederzeit ereignen könnte, Tote geben würde. Kürzlich wurde Ciciliano erst in Neapel von einer Demonstration mit den Worten konfrontiertet: „Wir wollen keine Toten zählen.“
Jetzt sagte Cicilao laut pozzuolinews24.it: „Eine Evakuierung ist nur und ausschließlich für einen Vulkanausbruch geplant.“ Für die vulkanischen Beben sei keine Evakuierung vorgesehen, „genauso wie bei einem Erdbeben niemals eine Evakuierung vorgesehen ist.“ Ciciliano hatte jüngst hat auch für Unruhe gesorgt, als er der schlechten Bausubstanz in den Phlegräischen Feldern die Schuld an den Einstürzen gab. Eine neue Karte zeigt die am meisten gefährdeten Zonen.
Aber nicht nur stärkere Beben, sondern auch ein Ausbruch des Supervulkans werden befürchtet. Die jüngste Beschleunigung des Gebietsanstiegs, der von der magmatischen Flüssigkeiten in der Tiefe herrührt, auf drei Zentimeter pro Monat um das Dreifache ist ebenso beunruhigend. Schiffe haben zunehmend Probleme, im Hafen von Pozzuoli anzulegen. Auch der Ausstoß von CO₂ und Schwefelwasserstoff aus dem riesigen Vulkan hat zugenommen. Das Nationale Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV) sah sich jetzt darum veranlasst, in einer Mitteilung auf seiner Homepage die Frage zu beantworten, ob ein Vulkanausbruch unmittelbar bevorstehe.
Italienische Forscher sehen keine Anzeichen eines bevorstehenden Vulkanausbruchs - derzeit
„Obwohl wir seit vielen Monaten weiterhin schwankende und variable, aber anhaltende Variationen einiger Parameter wie der Geschwindigkeit der Bodenverformung und der CO₂-Emissionen registrieren, deuten die anderen vom Überwachungssystem des Vesuv-Observatoriums-INGV erfassten Parameter insgesamt nicht auf einen bevorstehenden Vulkanausbruch hin“, heißt es dort. „Insbesondere im Lichte einer Analyse aller geophysikalischen und geochemischen Parameter.“
So gebe es weder seismische Signale, die auf eine Bewegung von Magma in Richtung Oberfläche hinweisen würden, noch geophysikalische und geochemische Anomalien, die auf eine Störung des hydrothermalen Systems hindeuten würden.
„Die Szenarien, die wir kurzfristig erwarten können, müssen daher in den geophysikalischen Rahmen eingefügt werden, den die Caldera der Phlegräischen Felder schon seit einiger Zeit verdeutlicht: Die Seismizität wird anhalten, solange die Bodenhebung anhält, und Erdbeben mit einer Energie, die mit den heutigen Erdbeben vergleichbar oder sogar noch höher ist, werden weiterhin möglich sein.“ Eine Verstärkung der jetzigen Krise sei möglich, ebenso wie eine Abnahme mit einem Übergang von der Hebung zur Senkung, wie es bei den Krisen des letzten Jahrhunderts der Fall war.
Italiens staatliches Vulkaninstitut hofft, dass aktuelle Krise so harmlos endet, wie die letzten beiden
Auf die Frage eines Bürgers per Messenger, welche Anzeichen eines Vulkanausbruch ankündigen würden, antwortete das INGV: „Seismische Wellen sollten mit anderen Vorzeichen als die aktuellen aufgezeichnet werden. Die Temperatur der Fumarolen an der Solfatara und in Pisciarelli sollte sich ändern, auch die Mischung der emittierten Gase. Es sollten neue Punkte der Bodenverformung entstehen, sich neue Risse öffnen und Brüche in einigen Punkten der Caldera, mit neuen Gasemissionen.“ Doch die Werte seien insgesamt stabil.
Die INGV-Forscher berufen sich auch auf die Erfahrungen, die man in den letzten Krisen in den Phlegräschen Feldern gemacht hat: Die aktuelle Situation, die sich ab 2005 entwickelte, hat bisher eine Hebung von etwa 1,40 Meter im zentralen Bereich der Caldera erzeugt, gemessen in einem kleinen Gebiet 500 Meter südlich des alten Hafens von Pozzuoli. Ein Blick auf die vergangenen Bebenkrisen der 70er Jahre und 80er Jahre zeigt: In den Zeiträumen 1969–1972 und 1982–1984 wurden die stärksten Erdbeben am 4. Oktober 1983 und 14. März 1984 registriert, beide mit einer Stärke von 4,0.
Der letzte Vulkanausbruch in den Phlegräischen Feldern eskalierte in nur 30 Stunden
Zuletzt gab es aber einen Erdstoß von 4,4, das ist viermal so stark wie die maximalen Erdstöße Ende des vergangenen Jahrhunderts. Zwischen 1968 und 1972 stieg der Boden um 1,70 Meter an. 1982 und Ende 1984 wölbte sich das Hafengebiet von Pozzuoli um weitere 1,85 Meter empor, was zu einem Gesamtanstieg von etwa 3,55 Meter führte. Danach beruhigte sich die Lage wieder, das Niveau sank wieder um knapp einen Meter, bevor sich der Trend ab 2006 wieder umkehrte und sich seitdem beschleunigt.
Die Kurve wird immer steiler, zuletzt wurden 30 Millimeter im Monat erreicht. In den 80er Jahren gab es aber schon mal Hebungsraten von neun Zentimetern im Monat. Dennoch hofft das INGV auf ein Ende der jetzigen Krise ohne Katastrophe. Auch Hoteliers wünschen sich, dass Touristen im Rahmen eines Italien-Urlaubs dann wieder Station in den Phlegräischen Feldern machen.
Beim letzten relativ harmlosen Ausbruch in der Caldera im Jahr 1638 stieg der Boden wie jetzt zwei Jahre erst allmählich an, bevor er sich in nur 30 Stunden vor dem Ausbruch kräftig um 19 Meter aufwölbte. Die Bewohner eines an der Stelle des damals entstandenen Kraters Monte Nuvovo gelegenen Dorfes waren vor der Eruption wegen der Beben geflohen.
Im Fall eines Vulkanausbruchs: Evakuierung wurde noch nie erprobt
Man geht derzeit von einer Evakuierungszeit von 72 Stunden aus, das könnte zu kurz sein, geprobt wurde das unter realistischen Bedingungen sowieso noch nie. Darum muss man die Entwarnung der Behörden eher für ein „derzeit“ verstehen, viele Wissenschaftler wie der Leitende Forscher des INGV, Giuseppe Mastrolorenzo, geben zu bedenken, dass das Verhalten von so großen Calderavulkanen wie den Phlegräischen Feldern noch nicht erforscht ist, da schlicht in jüngerer Zeit noch keiner ausgebrochen ist. Ein Ausbruch sei somit sehr wohl jederzeit möglich - und zwar ohne lange Vorwarnzeit.
Ein weiteres Problem sind die mächtigen CO₂-Ausgasungen des Supervulkans, die für Erstickungsgefahr sorgen, was auch in der U-Bahn befürchtet wird. Kürzlich berichtete ein Fischer, dass er regelmäßig tote Fische fange, die von neuen heißen Quellen unter Wasser regelrecht gekocht würden.
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