VonJana Stäbenerschließen
Wissenschaftlerinnen und Pädagogen diskutieren über deutsche Kitas und stellen fest: Vor allem eine Sache sei hier nur „sehr gering ausgeprägt“.
Weil die Kita seiner Tochter immer wieder Notbetrieb hatte, nahm ein Vater sein Kind aus der Kita. Auch die Qualität der Betreuung sei für ihn ein Grund gewesen. Das liegt vor allem am Erziehermangel beziehungsweise am Mangel an ausreichend Kita-Fachkraft-Ausbildungsplätzen. Deutschlandweit fehlen in jeder Kita etwa zwei Fachkräfte.
Der Rückgang von Kita-Fachkräften wirkt sich vor allem auf die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder aus – spürbar bis in die Schullaufbahn: „Es ist erschreckend, wie viele Kinder und Jugendliche heute nicht die erforderlichen sprachlichen Kompetenzen haben“, sagt Florian Dähne, bildungspolitischer Referent bei der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in einer Expertenrunde am 23. Juni. Das müsse Konsequenzen haben.
„Interaktionen sind der Motor“: Was in deutschen Kitas nur „sehr gering ausgeprägt“ ist
„Wenn zu wenig ausgebildetes Personal in den Einrichtungen ist, ist eine dialogorientierte Sprachförderung der Kinder nicht möglich, weil den Fachkräften die Zeit für das einzelne Kind fehlt“, sagte Kathrin Bock-Famulla, Expertin für frühkindliche Bildung bei der Bertelsmann Stiftung, BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA im Dezember 2024. „Interaktionen sind der Motor der Entwicklung“, bestätigt die Professorin für frühe Kindheitspädagogik Gisela Kammermeyer in der FES-Diskussionsrunde.
„In deutschen Kitas ist die emotionale Unterstützung und die Organisation des Alltags von hoher Qualität. Aber die Anregungsqualität, die für die Sprachentwicklung wichtig ist, ist sehr gering ausgeprägt.“ So konzentriere sich die sprachliche Interaktion laut Bock-Famulla „vor allem auf Anweisungen“. Ein Kita-Trend, der uns in 20 Jahren zum Verhängnis werden könnte, denn Kinder entwickeln in den ersten Lebensjahren grundlegende Kompetenzen, weiß Stefan Faas, Professor für Sozialpädagogik mit Schwerpunkt frühkindliche Bildung an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd.
Kinder verbringen heute oft mehr Zeit in der Kita als früher, was die Bedeutung für die Entwicklung noch erhöhe. Aktuell könne aber nicht davon ausgegangen werden, dass die pädagogische Qualität in Kitas immer den Erfordernissen entspreche. „Das hat langfristig Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern. Besonders stark zeigt sich das im Bereich der sprachlichen und kognitiven Entwicklung, aber auch im sozial-emotionalen Bereich“, sagt Faas BuzzFeed News Deutschland.
Schulleiter: „Können Sprache nicht genug priorisieren“
In der Diskussionsveranstaltung der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung überlegen Experten und Expertinnen, was hinsichtlich der sprachlichen Kompetenzen von Kindern unternommen werden muss. Stefan Spieker, Vorstandsvorsitzender von Fröbel, dem größten Kitaträgers Deutschlands, findet, dass Sprachtests nicht erst mit viereinhalb Jahren, sondern zu Beginn der Kita-Eingewöhnung durchgeführt werden sollten.
Um herauszufinden, wer welche Förderung benötige, brauche es Sprachdiagnostik. „Sie sollte nicht optional sein“, sagt Spieker. „Kinder, die still sind, müssen wir besonders fördern. Mit diesen Kindern zu sprechen, ist entscheidend.“ Kinder bräuchten eine sprachlich anregungsreiche Umgebung, den ganzen Tag über. „Wenn uns das nicht gelingt, kommen die Kinder mit Defiziten in die Schule, die sie dann ihre gesamte Schulkarriere begleiten“, warnt Faas.
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