VonGerhard Königerschließen
Die amerikanischen Soldaten treten gegenüber der Bevölkerung als Freunde auf. Doch NSDAP-Funktionären droht die Verhaftung.
Ellwangen. Der 21. April 1945, das ist in Ellwangen die "Stunde Null". Das 1000-jährige Reich ist vorüber, der Nationalsozialismus, der in Wirklichkeit die Diktatur eines verbrecherischen Regimes war, gehört der Vergangenheit an. In Ellwangen gibt es keine formelle Übergabe. Die letzten SS-Kommandeure, vorneweg Kampfkommandant Küster, sind geflohen, bevor US-Offiziere die Stadt betreten. Man ließ sich von Kindern wie dem 14-jährigen Hermann Lang, der es in seinem Tagebuch schildert, den Rückzug decken.
Bürger mit weißen Laken
Es sind Bürger der Stadt, die in der Nacht am Turm der Basilika weiße Tücher befestigen, um den Beschuss zu stoppen. Den anrückenden Panzerkolonnen gehen sie mit weißen Tüchern entgegen und geleiten die neuen Herren zum Rathaus. Die Militärregierung befiehlt, alle Waffen, Hakenkreuzfahnen und Hitlerbilder sofort abzuliefern. Am Schloss wird weithin sichtbar das Sternenbanner gehisst, wie Wolfgang Högg in seiner Chronik berichtet.
Angst vor den Werwölfen
Die Besatzungssoldaten richten an allen wichtigen Straßen Checkpoints ein. Man befürchtet Widerstand und Sabotage, denn verschiedene NSDAP-Funktionäre hatten Anhänger dazu aufgefordert. Als "Werwölfe" sollten sie die US-Amerikaner und alle, die mit ihnen zusammenarbeiten, mit Waffen aus dem Untergrund bekämpfen. Auch an Gebäuden in der Stadt sieht man die "Wolfsangel", das Erkennungszeichen der Werwölfe. Dass es durchaus junge, idealistisch verblendete Anhänger gibt, kann nicht verwundern. Eine ganze Generation wurde als "Hitlerjugend" systematisch daraufhin erzogen. Wirkliche Kampfhandlungen sind in Ellwangen nicht überliefert. Allenfalls nach der Übergabe ausgebrochene Brände, etwa in der Stadthalle, könnten das Werk von "Werwölfen" gewesen sein.
Flüchtlinge, Besatzer, Befreite
Die Lage ist unübersichtlich, Flüchtlinge kommen in die Stadt, vor allem aus dem Osten, wo die Rote Armee noch immer vorrückt. Jeder versucht, so gut es geht, das Notwendigste zum Überleben zusammenzukratzen. Das ist nicht einfach, weil nicht nur die Besatzungssoldaten, sondern auch die Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge zu versorgen sind. Es kommt vielfach zu Plünderungen, Raub, Diebstählen. Später wird in der ehemaligen SS-Kaserne ein Lager der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) eingerichtet, in dem vorwiegend ehemalige ukrainische Zwangsarbeiter und Gefangene einquartiert sind.
Erich Levi kommt zurück
Wie einige Ellwanger später berichteten, kommt in den ersten Tagen nach der Übergabe auch ein perfekt deutsch sprechender GI in die Stadt: Es ist der junge Erich Levi, einer der letzten jüdischen Schüler des Pennals, der hier sein Abitur nicht ablegen durfte. Mit der Familie war er in die USA emigriert, zur US-Army gegangen und so auf der Seite der Sieger in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Er veranlasst in Ellwangen, dass der verwüstete jüdische Friedhof von NSDAP-Mitgliedern wieder hergerichtet wird.
J.D. Salinger sichert Spuren der Täter
Übrigens könnte einer der bekanntesten us-amerikanischen Schriftsteller damals in Ellwangen gewesen sein: Jerome D. Salinger ist 1945 mit Spezialauftrag für die Army tätig: Er soll in unserer Region in den befreiten Konzentrationslagern Beweise sichern und da auch Ellwangen KZ-Außenstellen hatte, ist denkbar, dass der Autor von "Catcher in the Rye" in der Stadt war.
Allerdings gab es hier keine Befreiung mehr, die Lager waren schon vor der Ankunft der US-Truppen aufgelöst worden. Die Spuren der Täter, die dann bei den Nürnberger Prozessen vorgelegt wurden, haben Salinger und andere in Dachau und verschiedenen anderen Lagern gesichert.
Alle Artikel der Serie zum Kriegsende auf der Ostalb
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- Wie Ellwangen am Kriegsende 1945 der totalen Zerstörung entgeht
- Der Kampf ist vorbei: Von den Siegern und den Besiegten
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