VonWolfgang Fischerschließen
So dramatisch endete der Zweite Weltkrieg vor genau 80 Jahren für Schwäbisch Gmünd. Bombardierung gerade noch abgewendet.
Schwäbisch Gmünd. Nur 15 Minuten trennten Gmünd vor der wohl weitgehenden Zerstörung: Das faktische Ende des Zweiten Weltkriegs wurde für die Stadt am 20. April vor 80 Jahren zu einer dramatischen Situation, für deren glücklichen Ausgang letztlich zwei Männer sorgten.
Noch gibt es in Details unterschiedliche Bewertungen, was in jenen April-Tagen des Jahres 1945 vor sich gegangen ist. Sehr früh als Retter Gmünds gefeiert wurde der Franzose Paul Lémal, der damals offiziell im Auftrag der mit Hitler paktierenden Vichy-Regierung in Gmünd war, um die französischen Arbeiter und Kriegsgefangenen zu betreuen. Andererseits jedoch arbeitete er für die französischen Widerstandskämpfer. Auch in Gmünd hatte Lémal eine Widerstandsgruppe formiert.
In späteren Jahren erst wurde die Rolle des damaligen Leiters der Gmünder Polizei, Albert Piron, gewürdigt. Fest steht jedoch, dass Lémal und Piron guten Kontakt hatten und dass diese Verbindung letztlich ausschlaggebend war für die friedliche Übergabe der Stadt. Denn die Situation an jenem 20. April 1945 war alles andere als friedlich, auch wenn sich die NSDAP-Funktionäre – Kreisleiter Hermann Oppenländer und Kampfkommandant Max Hössle – in der Nacht zuvor abgesetzt hatten.
Morgens standen die amerikanischen Truppen direkt vor Gmünd: im Norden bei Rehnenhof/Wetzgau, westlich von Gmünd bei der Freimühle. Vom Rehnenhof aus beschossen die US-Panzer die Hardt-Kaserne. Die "Geschichte der Stadt Schwäbisch Gmünd" hält fest, dass einzelne Geschosse auch in die Innenstadt fielen. Eines sei in der Hospitalgasse eingeschlagen und habe eine Frau getötet.
Deutscher und Franzose waren sich einig
An jenem Vormittag besprachen Piron und Lémal die Lage und waren sich einig, dass die Stadt friedlich übergeben werden müsse. Lemal schickte dafür je zwei seiner Landsleute in Richtung Wetzgau und Freimühle, um Kontakt den Amerikanern aufzunehmen. Die Gruppe an der Freimühle stieß auf Verantwortliche: Und die gaben ihnen die klare Botschaft: Wenn der Bürgermeister die Stadt nicht binnen 15 Minuten übergibt, werde sie bombardiert.
Ein Bürgermeister war allerdings nicht vor Ort. Und der letzte Verbliebene der Stadtverwaltung, Stadtamtmann Ruff, lehnte die Übergabe der Stadt ab. Der Historiker Ulrich Müller nennt in seinem Buch "Schwäbisch Gmünd unterm Hakenkreuz" als Gründe dafür, dass Ruff noch militante Hitler-Anhänger in der Stadt vermutete und dass gerüchteweise eine SS-Division im Anmarsch sei.
Also ergriffen Lémal und Piron die Initiative: Der Polizeichef bat den Franzosen, einen Mann zu den US-Truppen an der Feimühle zu schicken mit der Information, dass er, Piron, die Stadt übergeben werde. Zudem ließ Lémal den US-Soldaten mitteilen, dass er mit seiner Widerstandsgruppe und Piron die Situation in der Stadt im Griff hatten.
"Der einzige Deutsche, der genügend Courage besaß"
Eine Vorhut der Amerikaner kam daraufhin an diesem Vormittag in die Stadt und traf sich vor dem Rathaus mit Paul Lémal. Eigens für diese Situation, berichtet Müller, hatten Mitglieder der Widerstandsgruppe eine französische Fahne genäht, die nun vor dem Rathaus gehisst wurde. Im Polizeigebäude trafen die Amerikaner mit Albert Piron zusammen, der die Übergabe der Stadt unterzeichnete. Er versicherte ihnen, dass keine deutschen Soldaten mehr in der Stadt seien. Außerdem erklärte er ihnen die Lage von Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerk, die Positionen der Lazarette und der Kasernen.
Über Albert Piron sagte der Franzose laut "Geschichte der Stadt Schwäbisch Gmünd", dass der Polizist "der einzige Deutsche war, der genügend Courage besaß", um mit ihm die Bombardierung der Stadt zu verhindern.
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