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Erwin Hafner teilt seine Erinnerungen an den verheerenden Angriff auf Aalen, der 59 Zivilisten und 23 Soldaten das Leben kostete.
Aalen. Am 17. April sind es genau 80 Jahre, dass Aalen den folgenschwersten Bombenangriff erlebte. In den Abendstunden brachten zweimotorige US-Kampfflugzeuge in zwei Wellen Tod und Verderben für die Stadt. Der erste Angriff galt dem damaligen Heereszeugamt (heute Mapal), der zweite dem Bahnhof-Areal. Gewaltige Sprengbomben richteten schwere Verwüstungen an. Nicht nur im Zielgebiet, sondern auch in dessen Umgebung. Insgesamt kamen dabei 59 Aalener und 23 in der Stadt weilende Soldaten ums Leben.
Zeitzeugenbericht: Erwin Hafners Erinnerungen
Erwin Hafner (93) erinnert sich: Der 17. April 1945 hat sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt. Obwohl ich damals erst 13 war, sind mir all die schrecklichen Stunden noch lebhaft in Erinnerung – so als hätte ich sie erst gestern erlebt. In der Hoffnung, sich wieder mal richtig satt essen zu können, nimmt mich mein Vater samt einem Leiterwägele frühmorgens mit auf den Weg aufs Härtsfeld. Wir müssen wegen der „Rotschwänzchen“ bis etwa 8 Uhr in Himmlingen sein, weil die Jabos – die Jagdbomber – täglich ab 9 Uhr mit ihrem Feuerzauber beginnen.
Angriff auf das Reichsbahn-Ausbesserungswerk
Wir hatten, vom Grauelshof her kommend, noch nicht ganz den Ortseingang von Himmlingen erreicht, als die Jabos im Tiefflug zum ersten Angriff auf das RAW (Reichsbahn-Ausbesserungswerk) ansetzen. Dann aber jagen sie plötzlich auf uns zu. Schon hören wir das Bellen der Bordkanonen und das Zischen der auf die Straße einschlagenden Geschosse. Mein Vater reißt mich neben einem Baum in den Straßengraben. Beide pressen wir das Gesicht auf die Erde. Und beten. Keine Frage,: Die haben uns entdeckt. Ein erbärmliches Gefühl, hilflos wie ein Wurm im Dreck liegen zu müssen. Erst nach zwei Angriffen beenden die Piloten ihre „Hasenjagd“ und drehen wieder in Richtung Hirschbach ab.
Zweite Angriffswelle: Zerstörung und Überleben
Doch es sollte an diesem Tag noch schlimmer kommen. Mit dem seinerzeit so seltenen Gefühl eines vollen Magens und in der Vorfreude, auch der Mutter noch etwas zum Vespern dabei zu haben, kehren wir am Abend gegen 7 Uhr ziemlich müde von Ebnat zurück. Da heulen die Sirenen auf: Fliegeralarm. Trotzdem nicht sonderlich beunruhigt – man hat sich längst an das Geheule gewöhnt – wollen wir gerade Hamstergut ausladen, da lässt uns dumpfes Dröhnen aufschrecken.
Flucht und Panik: Die Nacht der Schrecken
Aus Richtung Essingen sehen wir einen Verband zweimotoriger Marauder-Bomber im Tiefflug direkt auf die Stadt zusteuern. Noch sind wir nicht ganz im Keller, da erbebt der Boden von gewaltigen Detonationen. Dann plötzlich tiefe Stille. In der Annahme, das Schlimmste überstanden zu haben, treten wir auf die Straße. Aber entsetzt erkennen wir mit einem Blick, wie vor einer pechschwarzen Dreck- und Staubwand eine zweite Bomberwelle die Stadt anfliegt. Was dann passiert, gehört zu den fürchterlichsten Augenblicken meines Lebens.
Überleben im Keller: Ein Kampf gegen die Angst
Meine Mutter und ich haben kaum die Kellertüre erreicht, da werden wir auch schon vom Luftdruck zu Boden geworfen. Die Erde bebt vom Einschlag der Bomben schwersten Kalibers auf dem nahen Bahngelände. Der Kellerboden scheint sich zu wellen. Unsere beiden Mitbewohnerinnen – zwei aus Breslau geflüchtete Frauen, die wir aufgenommen hatten – beten in sich zusammengesunken.
Der Morgen danach: Flucht aufs Härtsfeld
Ich glaube nicht, dass unser Keller diesen Druck länger aushält, ganz zu schweigen von einem Treffer. In dem höllischen Getöse hören wir Gestein durch den Kamin prasseln. Und fallende Dachplatten. Wir kauern am Boden des nackten Raumes, zitternd vor Angst und Schrecken. Ich weiß nicht, wie lange dies alles gedauert hat. Als plötzlich Totenstille herrscht, versucht meine Mutter vorsichtig die verklemmte Kellertür zu öffnen. Aufatmen: Unser Haus ist zwar schwer beschädigt. Aber es steht noch.
Die Flucht: Ein verzweifelter Aufbruch
Nichts wie weg. Hinauf in Richtung Röthardt strömen die Leute. Den panikartig aus dem Hirschbach Flüchtenden schreit Christian Wichtermann, ein verkappter Kommunist, Goebbels Sportpalast-Parole entgegen: „Wollt ihr den totalen Krieg. Jetzt habt ihr ihn!“ Spät in der Nacht flüchten wir mit wenigen Habseligkeiten aufs Härtsfeld.
Alle Artikel aus der Serie zum Kriegsende auf der Ostalb
- Erster Luftangriff Ostern 1945 auf Aalen und die erste Bombe
- Aalens schicksalhafter 17. April 1945: Erinnerungen an den Bombenangriff
- Wie zwei mutige Männer Schwäbisch Gmünd vor Zerstörung bewahrten
- Wie das Dritte Reich im Frühjahr 1945 dramatisch zu Ende ging
- Wie Ellwangen am Kriegsende 1945 der totalen Zerstörung entgeht
- Der Kampf ist vorbei: Von den Siegern und den Besiegten
- Ellwanger Zeitzeugen: Erinnerungen an den April 1945

