Ellwanger Zeitzeugen: Erinnerungen an den April 1945

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Ellwangen in der NS-Diktatur: SS-Truppen marschieren durch die Adolf-Hitler-Straße (heute Marienstraße).
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Josef Brenner und Hariolf Schuster erlebten als Kinder die letzten Kriegstage im April 1945 in Ellwangen. Ihre Erzählungen bewegen tief.

Ellwangen. In der Nacht vom 22. April auf den 23. April 1945 belegten vorrückende US-Truppen die Stadt Ellwangen mit Artilleriefeuer. Die SS-Truppen in der Stadt hatten bis zuletzt eine friedliche Übergabe verhindert, flüchteten aber schließlich, sodass am Morgen mutige Zivilisten kapitulieren konnten. Damit war der zweite Weltkrieg für Ellwangen beendet, die Stadt trug erheblichen Schaden davon, wurde aber vor ihrer völligen Zerstörung verschont.

Auf den Tag 80 Jahre später berichteten Zeitzeugen davon auf Einladung der Kolpingsfamilie im Gemeindesaal Heilig Geist. Über 60 Zuhörer, darunter auch einige Jugendliche, hörten gebannt, interessiert und sicher mit mulmigem Gefühl im Magen zu.

Geschehnisse der letzten Kriegsnacht

Eingangs beleuchtete Alfons Wagner die Geschehnisse der letzten Kriegsnacht und deren Folgen mittels Berichten aus einem Aufschrieb von Wolfgang Högg und belegt mit Zeichnungen von Eduard Wengert, der die Schäden dokumentiert hatte. Wenige Fotos aus der Zeit reicherten den Bericht an. Viele Gebäude in der Kernstadt waren vom Beschuss zerstört oder ausgebrannt, die Stadt voll von Trümmern.

An diesen Morgen erinnert sich auch Josef Brenner noch gut. Der 91-Jährige wohnte in der Mittelhofstraße 4, verbrachte diese Nacht im Bunker am Ende der Freigasse. „Die letzten Soldaten schlichen sich nachts aus der Stadt.“ Morgens trieb ihn und seinen Bruder die Neugier Richtung Marktplatz. „Überall war Schutt, ein fürchterlicher Eindruck.“ Aber klar war dann auch: „Nach zwölf Jahren war das 1000-jährige Reich nur noch Schall und Rauch.“

Sie berichteten von den letzten Kriegstagen in Ellwangen: Josef Brenner (l.) und Hariolf Schuster (stehend) erlebten als Zehn- und Neunjähriger die Nacht auf den 23. April 1945.

Brenners Vater war 39 schon eingezogen worden, die schwerkranke Mutter mit fünf Kindern allein. „Über den Krieg wurde kaum gesprochen, aber einen Satz meines Vaters habe ich im Gedächtnis: Die SS-Soldaten schlugen Judenkinder mit dem Gewehrkolben zu Tode.“

3000 SS-Soldaten auf 8000 Einwohner

Repression und Druck des Regimes prägten die Stadt, in der bei 8000 Bewohnern bis zu 3000 SS-Soldaten stationiert waren. Eindrucksvoll sind die Schilderungen aus den Jugendtagen, die der 90-jährige Hariolf Schuster immer wieder ergänzt. Auch Melchior Fuchs und Robert Köder melden sich, beide waren als Sechsjährige dabei, Fuchs in Rotenbach, Köder in Altmannsweiler.

„In Eggenrot haben die Soldaten noch ein paar Stunden länger Widerstand geleistet“, berichten sie. Neun Häuser brannten am Ende der Nacht in Eggenrot, ein Inferno für den kleinen Ort.

Priester Kühner aus dem Josefinum sei es schließlich gewesen, der mit „Schneid und Mut“ die weiße Fahne geschwenkt habe, um den Beschuss zu beenden. 18 tote Soldaten seien am Friedhof verscharrt worden, erinnert sich Köder.

Großer Applaus gebannter wie bewegter Zuhörer dankt den Zeitzeugen. Kolping-Vorstand Siegfried Ohrnberger bringt es auf den Punkt: „Wir müssen dankbar sein, dass wir seit 80 Jahren in Frieden leben dürfen.“ Dafür müsse man sich einsetzen und die schrecklichen Erinnerungen lebendig halten.

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