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Hanning Voigtsschließen
Warum FDP-Spitzenkandidat Stefan Naas keine Grinsekatze sein will und auch ohne Tempolimit nicht schneller als 150 fährt.
Stefan Naas macht aus seinen Ambitionen keinen Hehl. Er will das Wirtschafts- und Verkehrsministerium in Hessen zurück zur FDP holen. Eine Mission, die er wortgewaltig in Szene setzt. Das FR-Landtagsteam trifft ihn in den Fraktionsräumen in Wiesbaden, deren Anmutung an die Büros eines Start-ups angelehnt sind.
Herr Naas, die Wahlkampagne der FDP fällt auf. Sie sind auf den Plakaten mit ernstem Gesicht und Lederjacke zu sehen. Haben Sie so große Angst, dass es nicht klappt mit dem Wiedereinzug in den Landtag?
Nein. Wir wollen immer mit einer schönen und innovativen Kampagne auffallen. Und so bekannt wie meine Mitbewerber bin ich eben doch noch nicht, da muss man mit den Plakaten auffallen.
Die Leute in Hessen kennen Boris Rhein, Tarek Al-Wazir und Nancy Faeser, aber wissen sie auch, wer Sie sind?
Ich bin jetzt seit fünf Jahren im Landtag und habe schon mehr als 200 Reden gehalten, aber das wird natürlich nicht überall wahrgenommen. Aber durch unsere Kampagne ist mein Bekanntheitsgrad stark gestiegen, auch durch die Fotos, auf denen ich nicht das typische Schwiegersohn-Lächeln zeige und aussehe wie eine Grinsekatze. Wir wollten eine Kampagne, die zur Lage im Land passt, und die ist nicht rosig. Es geht wirtschaftlich bergab.
Sie wollen in Hessen regieren, das ginge aber am ehesten in einer rot oder grün geführten Ampel. Wäre das eine gute Regierung für Hessen?
Mir wäre die Deutschland-Koalition aus CDU, SPD und FDP lieber, wenn ich es mir aussuchen dürfte. Aber ich schließe in der demokratischen Mitte nichts aus, auch wenn ich glaube, dass die Ampel schwierig wäre mit den hessischen Grünen.
Landtagswahl in Hessen
Am 8. Oktober wählt Hessen einen neuen Landtag. Die Frankfurter Rundschau bündelt ihre umfangreiche Berichterstattung in ihrem Onlinedossier zur Hessenwahl.
Die FR führt Interviews mit den Spitzenkandidat:innen. Zwei Podiumsdiskussionen überlegen, wie die Politik auf die aktuellen Krisen reagieren sollte, und wie sich Hessen engagiert in der Entwicklungszusammenarbeit, im fairen Handel und in der Integration von Menschen aus dem globalen Süden. Schließlich bringen wir Themenchecks zu zentralen Fragen der Hessenwahl - und stellen die Frankfurter Wahlbezirke vor.
Und die Ampel im Bund ist aktuell ziemlich unbeliebt…
Die Ampel ist besser als ihr Ruf! Gerade in Sachen Verkehr hat Volker Wissing viel gemacht. Das Deutschland-Ticket hat alle Schülertickets von Tarek Al-Wazir überrollt, es gibt ein modernes Gesetz für autonomes Fahren und eine echte Planungsbeschleunigung für wichtige Straßenbauprojekte, von denen Al-Wazir in Hessen leider zehn abgelehnt hat. Obwohl er sonst so gerne von Genehmigungsbeschleunigung spricht.
Herr Al-Wazir ist überhaupt der Hauptgrund für ihr Fremdeln mit den Grünen, oder? Niemanden greifen Sie so an wie ihn.
Ich finde die Politik, die Angela Dorn macht, etwa in der Kultur oder bei der Documenta, auch nicht viel besser. Und auch Kai Klose hat in der Corona-Zeit keine Glanzleistung abgeliefert. Und Priska Hinz und ihre Rebhuhnprogramme – nun ja…
Würden Sie in einer hessischen Ampel genau wie die FDP in Berlin permanent als Opposition in der Regierung auftreten?
Es gibt auch Koalitionen mit den Grünen, die geräuschlos funktionieren. Aber vor die Wahl gestellt, ob ich eine Stillstandskoalition von CDU und Grünen will oder eine progressive Ampel-Koalition mit Streit wie in Berlin, würde ich mich für letztere entscheiden.
Wieso sollten CDU und SPD Sie eigentlich noch brauchen für eine Koalition?
So wie die Nachrichtenlage bei Frau Faeser ist, kann es für CDU und SPD allein schnell nicht mehr reichen. Überhaupt finde ich, wer als Ministerpräsidentin Verantwortung für ein gesamtes Bundesland übernehmen will, muss auch das eigene Ministerium in Berlin im Griff behalten. Die sprunghaft steigenden Flüchtlingszahlen in der Erstaufnahme in Gießen zeigen, dass da etwas auf uns zukommt. Ich gehe davon aus, dass wir noch vor der Landtagswahl erhöhte Zuweisungen an die Kommunen sehen werden.
Sie setzen im Wahlkampf stark auf Bildung. Was muss in den Schulen und Kitas passieren?
Wir brauchen mehr Erzieherinnen und Erzieher, wir müssen den Beruf attraktiver machen, wir müssen die Ausbildung bezahlen und wir müssen diejenigen, die diesen Beruf verlassen haben, mit einem Sofortprogramm zurückholen. Außerdem müssen wir dafür sorgen, dass die Kommunen dafür gut aufgestellt sind. Und es fehlen auch Tausende Lehrer. Wir müssen auch diesen Beruf attraktiver machen, wir brauchen schneller A13 für alle Grundschullehrkräfte, und wir brauchen eine ehrliche Auflistung der Unterrichtsausfälle.
Weitere Interviews zur Landtagswahl in Hessen
FR-Interview mit Boris Rhein (CDU): „Berlin ist Streit, Wiesbaden ist Stabilität“. Boris Rhein zu seiner Rolle als Ministerpräsident, der Vorfreude auf Wahlkampf mit Friedrich Merz und mögliche Koalitionen.
FR-Interview mit Nancy Faeser (SPD): „Ich gehe voran, statt abzuwarten“. Ein Gespräch über eine hessische Landesregierung, die sich nicht kümmert, ihre Migrationspolitik und ein gutes Ampel-Vorbild in Rheinland-Pfalz.
FR-Interview mit Tarek Al-Wazir (Grüne): „So einen Zirkus hat man mit mir nie erlebt“. Tarek Al-Wazir will die Nummer eins in Hessen werden. Er spricht über seine Motive, die Grenzen der Klimaproteste und die Fehler der Berliner Ampelkoalition.
FR-Interview mit Elisabeth Kula (Linke): „Ungleichverteilung von Reichtum thematisieren nur wir.“ Die Co-Fraktionsvorsitzende im hessischen Landtag über die Gründe, warum die Linke gebraucht wird, und wie sie Hessen gerechter machen will.
Beim Thema Wohnungsbau sagen Sie, der Markt soll es regeln. Sie wollen Regeln für Vermieter:innen und Eigentümer:innen abbauen. Warum sollen Mietende in Hessen FDP wählen?
Weil wir für ein breites Angebot sorgen! 85 Prozent der hessischen Wohnungen sind in Privatbesitz. Die vielen kleinen Vermieter müssen investieren und Vertrauen in den Markt haben. Sonst verkaufen sie an große Investoren. Zwei Drittel der privaten Vermieter haben im letzten Jahr keine Mieterhöhung vorgenommen, 23 Prozent erhöhen die Miete nur alle zehn Jahre und 22 Prozent nur bei einem Mieterwechsel. Die 800 zusätzlichen Sozialwohnungen, für die sich Herr Al-Wazir lobt, drehen keinen Markt und lindern keine Not. Wir müssen aber auch die Eigentümerquote in Hessen erhöhen, allein um die kleinen hessischen Fachwerkstädte zu retten. Da brauchen wir eine Eigentumsstärkung, vielleicht eine Investitionshilfe von der WI-Bank, damit wieder Leute alte Fachwerkhäuser kaufen und dann sanieren. Außerdem wollen wir einen Freibetrag bei der Grunderwerbssteuer für die erste selbst genutzte Immobilie. Das macht die CDU uns mittlerweile nach.
Sind Sie eigentlich auch ein Gegner des Tempolimits?
Sie holen aber alle Klassiker raus! Ich verstehe die ganze Diskussion nicht. Der Großteil der Autobahnstrecken hat sowieso eine Geschwindigkeitsbegrenzung wegen Kurven und anderer Sicherheitsfragen. Und es gibt ein paar Strecken, die schnelleres Fahren zulassen. Muss man das verbieten? Ich selbst fahre ungern schneller als 150, aber ich gönne es jedem, an mir vorbeizurauschen. Wer das will, der soll das tun.
Sie sind auch ein Fan synthetischer Kraftstoffe. Warum setzen Sie nicht auf E-Mobilität?
Machen wir doch. Aber müssen wir das staatlich anordnen? Was machen wir mit den Spezialfahrzeugen, mit den Baufahrzeugen, den Kehrmaschinen? Die werden wie die LKW weiter mit Verbrennern fahren. Auch da kann man den CO2-Verbrauch mit synthetischen Kraftstoffen um 90 Prozent senken. Das sehe ich genau so pragmatisch wie die Stromerzeugung: Wir brauchen Solarenergie und auch Windkraft, wo es sinnvoll ist und es eine Akzeptanz in der Bevölkerung gibt. Aber wir müssen eben auch die Laserfusion erforschen. Diese Chance sollten wir in Hessen ergreifen.

