VonMaximilian Gangschließen
Die Asiatische Hornisse macht sich weiter breit. Über 200 Sichtungen gab es 2023 in NRW – und das ist nur die Spitze des Eisbergs, warnt eine Expertin.
Köln – Die Ausbreitung der asiatischen Hornisse in Nordrhein-Westfalen ist nicht mehr aufzuhalten. Mit den ansteigenden Temperaturen kommen derzeit fast täglich neue Sichtungen hinzu, zuletzt beispielsweise in Essen und Mülheim an der Ruhr. So klein das Insekt auch sein mag: Die Folgen für das heimische Ökosystem können immens groß sein. Der Eindringling ernährt sich unter anderem von Bienen und Wespen. Während ein Stich der asiatischen Hornisse für die meisten Menschen zwar schmerzhaft, aber ungefährlich ist, bereitet ihre Verbreitung den Imkern im Land Kopfzerbrechen.
Asiatische Hornisse 2023 in NRW mehr als 200 Mal gesichtet – „nur ein Bruchteil der Nester“
Mehr als 200 Sichtungen der asiatischen Hornisse wurden dem Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) in NRW im Jahr 2023 gemeldet. 2024 wurden bislang 13 Exemplare gefunden und offiziell bestätigt. Fiona Fleßer, Mitglied im Vorstand des Imkerverbands Rheinland und einer Taskforce zu dem invasiven Insekt, geht gegenüber 24RHEIN von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus. Wahrscheinlich sei nur „ein Bruchteil der Nester“ gefunden worden, sagt sie. Bislang erstrecken sich die Sichtungen vor allen Dingen über den Westen und Südwesten Deutschlands, vereinzelt reichen sie aber bereits bis nach Berlin oder Hamburg.
Unter anderem in Frankreich und Belgien breitete sich die asiatische Hornisse in der Vergangenheit bereits aus – jetzt bahnt sie sich ihren Weg durch Deutschland. „Wir rechnen derzeit mit einer weiteren Ausbreitung in östlicher Richtung entlang von Fluss- und Bachläufen“, erklärt die Expertin. Die Mitglieder der Taskforce erwarten, dass sich die asiatische Hornisse 2024 um rund 60 bis 80 Kilometer weiterverbreiten wird. Schon jetzt gebe es vereinzelte Meldungen einer Sichtung aus Polen und Tschechien. Die Experten gehen deshalb davon aus, dass sich die asiatische Hornisse in einigen Jahren in ganz Europa etabliert haben wird.
Ausbreitung der asiatischen Hornisse kann Folgen für das heimische Ökosystem haben
„Viele Imker sind beunruhigt und erwarten mit einem unguten Gefühl die Ankunft in ihrer Region“, schildert Fleßer. Denn die asiatische Hornisse lauert zur Nahrungssuche vor den Bienennestern. Im Sommer sei der Verlust von einzelnen Flugbienen kein Problem für ein gesundes Bienenvolk. Doch im Herbst erhöhe bereits der Beflug von drei der Insekten den Stress auf das Volk. „Die Bienen belagern ihr Flugloch und stellen den Flugbetrieb notfalls auch ganz ein.“ Die Folge: es wird weniger oder gar kein Nektar, Pollen und Wasser zur Versorgung geholt – und die Aufzucht gesunder Winterbienen wird empfindlich gestört.
Das sei jedoch nicht das größte Problem, wie die Expertin sagt: „Weitaus schlimmer ist der Verlust der Wildbienenfauna und anderer Bestäuberinsekten.“ Fliegen, Schwebfliegen, Wespen und viele weitere Tiere gehören ebenfalls zum Beutespektrum der asiatischen Hornisse. Das kann auch Folgen für die Nahrungsmittelproduktion der Menschen haben: Nach Angaben der Umweltschutzorganisation Greenpeace ist etwa jeder dritte Bissen, den wir zu uns nehmen, direkt oder indirekt von der Bestäubung durch Insekten abhängig. Bleibt die Bestäubung wegen der asiatischen Hornisse aus, schrumpfen auch die Erträge.
„Kampf ist von vornherein verloren“: Kapitulation vor der asiatischen Hornisse in Frankreich
Welche Ausmaße die Problematik annehmen kann, hat sich in Frankreich gezeigt. Schon vor über einem Jahrzehnt schlug der damalige Präsident der Gironde (Region im Südwesten des Landes), Raymond Saunier, Alarm. Die asiatische Hornisse hatte sich in Bordeaux breit gemacht – tagtäglich patrouillierten bis zu zehn der tropischen Tiere gleichzeitig vor jedem seiner Bienenstöcke. Die Folge waren Probleme bei der Blütenbestäubung. Ihm blieb nur die Kapitulation, er brachte seine Völker 60 Kilometer entfernt in Sicherheit. Der Agrarforscher Denis Thiery sagte der Zeitung Le Parisien damals: „Der Kampf ist von vornherein verloren.“
Viele Hobbyimker in Deutschland: „Befürchten, dass sie immensen Aufwand nicht betreiben“
Zwei Aspekte unterscheiden die Situationen in Frankreich und der Bundesrepublik: Zum einen ist in dem Nachbarland das Fangen der asiatischen Hornisse mit nicht „selektiven Fallen mit und ohne Lockstoff“ sehr verbreitet, so Fleßer. Durch großangelegte Fangaktionen versuchen die Verantwortlichen dort, dem Problem mit dem „schwarzen Jäger“, wie die asiatische Hornisse aufgrund ihres Aussehens auch bezeichnet wird, Herr zu werden. Ein solches Vorgehen wäre in Deutschland verboten, da auch unzählige heimische und bedrohte Insekten in den Fallen ums Leben kommen würden.
Ein weiterer wesentlicher Unterschied ist, dass es in Frankreich einen weitaus größeren Anteil an Berufsimkern gibt, wie die Expertin erklärt. In Deutschland betreiben die meisten die Imkerei hingegen als Hobby oder Nebenerwerb, nach ihren Angaben verfolgen nur zwei Prozent die Bienenzucht hauptberuflich. Ohne die Fallen müssten sie das Bienenvolk schon sehr genau beobachten, um einen Beflug der asiatischen Hornisse zu registrieren. Deshalb stehe es zu befürchten, „dass viele Hobbyimker diesen immensen Aufwand nicht betreiben“ – und die asiatische Hornisse nicht einmal bemerken.
Fallentests & Überwachung: Wie Experten die Ausbreitung in den Griff bekommen wollen
Um das Problem in den Griff zu bekommen, läuft im Kreis Heinsberg, wo es 2020 die erste Sichtung der asiatischen Hornisse in NRW gab, eine engmaschige Überwachung und mit der Erlaubnis der unteren Naturschutzbehörde auch ein Fallentest mit geschulten Imkern. „Die Ergebnisse dürften uns weitere wertvolle Informationen liefern“, ist Fleßer überzeugt. Außerdem sei die Taskforce bereits seit letztem Jahr mit circa 300 Imkern, Hornissenberatern und Wissenschaftlern vernetzt und tausche sich täglich über Sichtungen und ungewöhnliche Neststandorte aus. Das verschaffe einen „nicht unerheblichen, zeitlichen Vorsprung zum Reagieren.“
Das Auffinden und Vernichten der Nester der asiatischen Hornisse sei zwar mühsam und zeitaufwendig, doch gleichzeitig auch der beste Schutz gegen die invasive Art. Wer ein Nest findet, sollte unbedingt immer einen Hornissenberater oder Imker hinzuziehen, um die asiatische Hornisse nicht mit dem heimischen Pendant zu verwechseln. Auch die Entfernung der häufig sehr großen Nester gehört in die fähigen Hände eines Fachmannes. Im Vergleich zur heimischen Hornissenart lege die asiatische Hornisse ein viel stärkeres Verteidigungsverhalten an den Tag. Ansonsten gilt, so Fleßer: „Die weitere Entwicklung muss abgewartet werden.“ (mg)
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