- VonMax Nebelschließen
Nach mehr als einem Jahr Krieg in Gaza tritt eine Waffenruhe in Kraft. Bis Montag sollen alle noch lebenden israelischen Geiseln freikommen.
Jerusalem/Tel Aviv – In Gaza ist am Freitagmittag (10. Oktober) die erste Waffenruhe seit fast zwei Jahren in Kraft getreten. Israels Armee zog ihre Truppen auf neue Linien zurück, die zuvor in ägyptisch, katarisch und türkischer Vermittlung mit der Hamas abgestimmt worden waren. Laut Armee beginnt damit der 72-Stunden-Countdown: Bis Montagmittag sollen alle lebenden Geiseln freikommen – rund 20 Menschen, die noch in der Gewalt der Hamas sind.
US-Präsident Donald Trump nannte das Abkommen „einen historischen Schritt hin zu einem dauerhaften Frieden“. Sein 20-Punkte-Plan, der von Israel und Hamas angenommen wurde, sieht eine Waffenruhe in dem langanhaltenden Krieg, einen teilweisen Abzug israelischer Truppen und den Austausch von Gefangenen vor. „Wir erleben eine Wende – einen echten Neuanfang für Israel, Gaza und den gesamten Nahen Osten“, sagte Trump laut AP News.
Diese Hamas-Geiseln sollen ab Montag aus Gaza freikommen
Innerhalb von drei Tagen sollen 47 Geiseln – darunter 20 lebende – aus Gaza freikommen oder übergeben werden. Israel will im Gegenzug 250 palästinensische Häftlinge und 1.700 während des Krieges Inhaftierte freilassen. Hochrangige Gefangene wie Marwan Barghouti bleiben ausgeschlossen, bestätigte das Justizministerium, schreibt The Times of Israel.
Parallel öffnet Israel seine Grenzübergänge für Hilfstransporte. Rund 600 Lkw täglich, berichtet Reuters, sollen Lebensmittel, Medikamente, Treibstoff und Material zum Wiederaufbau in den Gazastreifen bringen. Eine internationale Beobachtertruppe mit etwa 200 Soldaten aus den USA sowie weiteren Kräften aus Ägypten, Katar, der Türkei und den Vereinigten Arabischen Emiraten überwacht die Waffenruhe – alles koordiniert von den USA.
Wo Journalismus keine Chance hat




Die Gesichter hinter den Geisel-Zahlen – Zwillingsbrüder, Studenten, Soldaten
Zu den Geiseln gehören Menschen aus allen Teilen Israels – Zivilisten, Arbeiter, Musiker, junge Soldaten. Besonders bewegt viele das Schicksal der Zwillingsbrüder Ziv und Gali Berman (beide 28) aus dem Kibbuz Kfar Aza, schreibt CNN. Sie wurden am 7. Oktober 2023 verschleppt, ihre Mutter hörte zuletzt von überlebenden Geiseln, dass beide noch leben.
Auch der nepalesische Student Bipin Joshi gilt als am Leben. Er war laut New York Times erst wenige Wochen zuvor nach Israel gekommen, um auf einem landwirtschaftlichen Betrieb zu arbeiten. Seine Familie veröffentlichte jüngst ein Video aus Gaza, das ihn zeigt – ein seltenes Zeichen der Hoffnung.
Geplanter Gefangenenaustausch: Israelischen Geiseln, die ab Montag freikommen sollen
| Name | Alter | Herkunft | Entführungsort/-kontext | Besonderheit |
|---|---|---|---|---|
| Gali & Ziv Berman | 28 | Kfar Aza | Wohnhaus | Zwillingsbrüder, israelisch, voneinander getrennt festgehalten |
| David & Ariel Cunio | 35 / 28 | Nir Oz | Mit Familie | Partnerinnen und Kinder früher freigelassen, Ariel getrennt festgehalten |
| Matan Zangauker | 25 | Nir Oz | Mit Partnerin | Mutter wurde Aktivistin |
| Nimrod Cohen | 20 | IDF-Soldat | Nahal Oz | Gilt als schwer verletzt |
| Avinatan Or | 32 | Tel Aviv | Nova-Festival | Partnerin Noa Argamani wurde 2024 gerettet |
| Guy Gilboa-Dalal | 24 | Re’im (Region) | Nova-Festival | Mehrfach in Hamas-Videos gezeigt |
| Bipin Joshi | 24 | Nepal | Kibbutz Alumim | Ausländischer Arbeiter, Lebenszeichen aus Nov 2023 |
| Omri Miran | 48 | Nahal Oz | Eigenes Haus | Vater von zwei kleinen Kindern |
(Quellen: BBC, CNN, New York Times, Times of Israel | Stand: 10. Oktober 2025, unvollständige Liste)
Junge Männer vom Nova-Festival – und israelische Soldaten in Gefangenschaft
Mehrere der Entführten waren Besucher des Nova-Musikfestivals. Guy Gilboa-Dalal und Evyatar David, beide 24, wurden dort gemeinsam verschleppt, so CNN. Die Hamas veröffentlichte im Februar ein Video, das sie zeigt, wie sie zusehen mussten, wie andere Geiseln freikamen – eine psychische Folter, wie Angehörige sagten.
Andere wurden in Kibbuzim im Süden Israels entführt. Darunter Eitan Horn, der mit seinem Bruder Iair in Nir Oz war. Iair wurde im Frühjahr 2025 freigelassen und berichtet, Eitan habe „allen Mut zugesprochen“ und sich trotz Hunger und Erschöpfung um andere Geiseln gekümmert. Auch der 22-jährige Soldat Matan Angrest gilt als lebend, wird jedoch laut Familie schwer verletzt und krank in Tunneln festgehalten, notiert die New York Times,
Hoffnung und Angst – Familien zwischen Erleichterung und Zweifel
In Tel Aviv herrscht vorsichtige Freude. Auf dem „Hostages Square“ zählten Angehörige am Freitag 733 Tage seit der Entführung. Viele halten Porträts in den Händen, Kerzen brennen unter einem großen Plakat mit der Aufschrift: „Bring Them Home Now.“
„Es ist ein Moment des Luftholens – aber es ist noch nicht vorbei“, sagte eine Sprecherin des Forums der Geiselfamilien gegenüber der BBC. Einige Angehörige befürchten, dass Hamas nicht alle Körper der Toten zurückgeben kann. Nach israelischen Angaben gelten 26 Geiseln als tot, bei zweien ist der Status unklar. Israels Geiselkoordinator Gal Hirsch erklärte, berichtet Reuters, ein internationales Team werde bei der Bergung helfen, da einige Grabstellen unbekannt seien.
Netanyahu unter Druck – Trumps Einfluss wächst
Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sprach von einem „nationalen Moment der Hoffnung“, betonte aber: „Hamas wird entwaffnet, Gaza wird entmilitarisiert – notfalls auf die harte Tour.“ Gleichzeitig steht er innenpolitisch unter starkem Druck. Rechte Koalitionspartner lehnen die Freilassung palästinensischer Gefangener ab, während die Öffentlichkeit auf die Rückkehr aller Geiseln drängt, konstatiert etwa der Independent.
Trump hingegen feiert den Deal als Erfolg seiner Diplomatie. Seine Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner führten die Gespräche in Ägypten. Der US-Präsident will laut Wall Street Journal in den kommenden Tagen persönlich in die Region reisen. In Washington sehen Beobachter in dem Abkommen einen politischen Triumph – kurz vor den Präsidentschaftswahlen.
Gaza zwischen Rückkehr und Ruinen – ungewisse Zukunft
Während in Israel gefeiert wird, kehren in Gaza Zehntausende Vertriebene zurück. Ganze Stadtviertel in Gaza-Stadt liegen in Trümmern. Reporterinnen und Reporter der BBC und Reuters schildern Szenen der Verwüstung: Familien, die auf Eselkarren ihr Hab und Gut transportieren, Kinder, die zwischen Ruinen spielen, und Lehrer, die sagen, sie würden auf den Schutt zurückkehren und wieder Zelte aufbauen.
Hilfsorganisationen warnen vor Hunger, Krankheiten und Seuchen. Nach UN-Angaben ist das Gesundheitssystem weitgehend kollabiert, viele Kliniken sind zerstört. „Wir müssen Gaza mit Nahrung und Medikamenten überfluten“, sagte ein UN-Humanitärchef gegenüber AP News.
Tel Aviv and Gaza tonight. Ceasefire! pic.twitter.com/i2RapXOhTh
— Alon-Lee Green - ألون-لي جرين - אלון-לי גרין 🟣 (@AlonLeeGreen) October 9, 2025
Hamas-Geisel sollen nach Israel zurückkehren, wer Gaza zukünftig regiert ist unklar
Die Zukunft des Gazastreifens bleibt ungewiss. Laut Trumps Friedensplan soll die Verwaltung zunächst an eine Übergangsregierung aus palästinensischen Fachleuten gehen, die weder der Hamas noch der aktuellen Autonomiebehörde angehören. Diese Übergangsverwaltung soll von einer internationalen Aufsichtskommission begleitet werden, in der Vertreter der USA, Ägyptens, Katars und der Vereinten Nationen sitzen.
Später soll die Verantwortung schrittweise an eine reformierte Palästinensische Autonomiebehörde übergehen. Die Hamas soll keine politische oder militärische Rolle mehr spielen. Für die Familien der Entführten zählt vorerst jedoch nur eines: dass ihre Angehörigen lebend zurückkehren. Meirav Leshem Gonen, Mutter einer ehemaligen Geisel, sagte der BBC in Tel Aviv, sie könne sich „nicht auf das Glück vorbereiten, wenn jemand aus der Gefangenschaft zurückkehrt“ – am Ende werde es „kein Jubel, sondern ein Aufatmen“ sein. (Quellen: CNN, BBC, Reuters, AP News, The New York Times, The Wall Street Journal, Times of Israel, The Independent) (chnnn)
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