„Zeitenwende nicht angekommen“: Minister Pistorius unter Beschuss der Rüstungsindustrie
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Von allem zu wenig und alles zu spät: Opposition und Unternehmer schießen sich auf den Verteidigungsminister ein und beklagen die fehlende Effizienz.
Berlin – Armin Papperger findet den Verteidigungsminister toll: „Pistorius ist handschlagfähig. Und sein Mindset stimmt. Wenn er sagt ‚Wir machen das‘, glauben wir das auch – Vertrauen ist entscheidend, wenn man investieren will. Allein für die Verträge in Milliardenhöhe, die wir im vergangenen Jahr mit dem Bund geschlossen haben, hätte das Ministerium früher zehn Jahre gebraucht. Das wird heute in wenigen Monaten erledigt. Das Team von Pistorius und dem Beschaffungsamt macht einen tollen Job!“ Das hat der Vorstandsvorsitzende der deutschen Rüstungsschmiede Rheinmetall dem Tagesspiegel vorgeschwärmt. Hermann Mayer kann ob dieser Aussage nur den Kopf schütteln.
Mayer ist Geschäftsführer der Metallwerke Elisenhütte Nassau (MEN Defencetec) in Nassau an der Lahn; er hat sich jetzt gegenüber dem Südwestrundfunk bitterböse beschwert: über den Verteidigungsminister und darüber, dass die Bestellungen der Bundeswehr für Munition bürokratisch und unzuverlässig seien. Mayer: „Die ,Zeitenwende‘ ist bei uns noch nicht angekommen.“ Der Firmenchef fürchtet um seine Existenz: „Was uns massiv fehlt, ist Planungssicherheit durch Mehrjahresaufträge“, kritisiert Mayer gegenüber dem SWR. Sein Unternehmen produziert beispielsweise Munition für Streitkräfte und die Polizei verschiedener Staaten.
Schweden, Frankreich und Holland bestellten mindestens für ein, wenn nicht zwei Jahre, sagt Mayer – von der Bundeswehr warte er noch auf Aufträge. Er hält Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) vor, die Bundeswehr hinke den Notwendigkeiten weiterhin hinterher und habe ihre Beschaffungsmodalitäten noch lange nicht der Realität angepasst. Verantwortlich ist seiner Meinung nach aber nicht das Bundeswehrbeschaffungsamt in Koblenz, sondern das Verteidigungsministerium direkt. Dort wies man den Vorwurf zurück. Zu Aussagen einzelner Unternehmen der wehrtechnischen Industrie könne das Ministerium überdies keine Stellung nehmen, schreibt der SWR über die Antwort aus Berlin.
Neitzel: „Die Bundeswehr pfiff schon 2001 auf dem letzten Loch“
Kritik geübt an Beschaffungsamt und Verteidigungsministerium hatte zu Beginn des Ukraine-Krieges im Februar 2022 auch der deutsche Militärhistoriker Sönke Neitzel: „Die Bundeswehr ist dysfunktional strukturiert, und wenn man da nicht herangeht, wird es nichts mit der Zeitenwende“, sagte er im ZDF in der Talkshow „Markus Lanz“. Der Militärhistoriker der Uni Potsdam redete Klartext: „Die Bundeswehr pfiff schon 2001 auf dem letzten Loch“, sagte er. Jahrzehntelang sei es im Grunde genommen nicht um Rüstungsbeschaffung für die Bundeswehr gegangen. „Wenn Sie eine Bundeswehr haben, die nicht kämpfen muss, kann sie in Mali oder Afghanistan auch in Friedensmissionen eingesetzt werden. Richtig kämpfen mit Panzern und Flugzeugen musste sie nicht.“
Munition für einen länger währenden Konflikt: Für die Bundeswehr eine riesige Herausforderung, der Nachschub hinkt dem Bedarf hinterher – aus strukturellen Gründen in Politik und Militär. Boris Pistorius (SPD) ist gefordert.
Eva Högl (SPD) hält das für ein Erbe der Regierung unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU): Erst mit der Annexion der Krim durch Russland 2014 sei die Bundesregierung aufgewacht und habe wieder die Bündnis- und Landesverteidigung in den Fokus gestellt. Wirklich passiert sei danach aber auch nichts, sagte die Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages im ZDF. Angela Merkel habe das immer wegmoderiert, ergänzte Neitzel, zudem habe die SPD alles blockiert. Diese Schwierigkeiten im Ministerium sind allerdings ewig alt, wie der Deutschlandfunk bereits 2014 berichtet hatte: „Auch der Abstimmungsbedarf im Verteidigungsministerium hemmte effiziente Entscheidungen bislang. Im Ministerium müssen Rüstungsprojekt und Haushaltslage harmonisiert werden. Die Haushaltsabteilung verfolgt den Fortgang unter dem Aspekt, dass die für ein Kalenderjahr vorgesehenen Mittel auch abfließen. Denn zum Jahresende fallen nicht ausgegebene Mittel an den Finanzminister zurück.“
Gädechens: Oppositionspolitiker greift Ampel-Regierung scharf an
Im Januar 2023 war Boris Pistorius als Verteidigungsminister angetreten, die Bundeswehr schneller, günstiger und praktikabler auszurüsten. „Laufende Projekte werden wir nicht mehr anhalten können, außer sie scheitern“, so der SPD-Politiker gegenüber der Tagesschau damals. Andere Projekte sollen demnach weiterlaufen, „weil wir uns im Rahmen von Verträgen bewegen“, wie er sagte. Aber „von jetzt an“ gelte das Aus für „Goldrandlösungen“ für die Beschaffung von Projekten und insbesondere ihre Planung, betonte der Verteidigungsminister.
Der Schuss von Unternehmer Mayer scheint zu sitzen. Der Spiegel sekundiert aktuell: Verteidigungsminister Pistorius habe die Beschaffung von Geschossen zur Chefsache erklärt. Aber die Munitionsoffensive stockt. „Das Ministerium gibt dafür nicht so viel Geld aus, wie es könnte.“ Das Nachrichtenmagazin stützt sich auf eine Anfrage des CDU-Bundestagsabgeordneten Ingo Gädechens aus dem Wahlkreis Ostholstein-Storman Nord; er ist CDU-Verteidigungsexperte und Mitglied im Haushaltsausschuss des Bundestages. Das Verteidigungsministerium antwortete, rund 845 Millionen Euro seien in die Beschaffung von Munition geflossen; und damit rund 280 Millionen Euro weniger als vom Ministerium eingeplant. Gädechens zufolge gab der Bund im vergangenen Jahr sogar rund 40 Millionen Euro weniger für Munition aus als 2022, exklusive der Vorauszahlungen für ausstehende Ware sowie die Jahresinflation.
Spiegel: „Aus dem Ministerium heißt es, dass in den zurückliegenden zwei Jahren dennoch eine ,Trendumkehr‘ bei der Munitionsbeschaffung erfolgt sei. In 2024 soll Munition für etwa 3,5 Milliarden Euro beschafft werden.“ Die Bundesregierung verfehle nach Einschätzung von Ingo Gädechens aber auch im zweiten Jahr nach der Zeitenwende ihre Beschaffungsziele für Rüstungsgütern der Bundeswehr. Ihm zufolge ist für keinen der Beschaffungstitel das zur Verfügung stehende Geld komplett eingesetzt worden.
Lindner: Bundeswehr muss aus dem regulären Haushalt ertüchtigt werden
Der deutsche Politikwissenschaftler Carlo Masala stützt Neitzels These, wie er in seinem aktuellen Buch „Bedingt abwehrbereit“ schreibt: „Nach dem Zerfall der Sowjetunion hat der Kontrollwahn des Verteidigungsministeriums neue Dimensionen angenommen, und sowohl im zivilen als auch im militärischen Komplex der Bundeswehr wurde seither ein System geschaffen, das diese Armee im Grund einsatz- und kriegsunfähig gemacht hat – und an diesem System krankt die Bundeswehr bis heute: an Überbürokratisierung, langwierigen Entscheidungsprozessen und einer organisierten Verantwortungslosigkeit.“
Zu einem zweiten Gefechtsfeld werden die Verteilungskämpfe um den Bundeshaushalt, wie aktuell im ZDF die Talkrunde von Maybrit Illner gezeigt hat. Parteichefin Ricarda Lang (Bündnis 90/Die Grünen) forderte vehement, die außenpolitische nicht gegen die innenpolitische Sicherheitslage auszuspielen: Nachrüstung sei wichtig, dürfe aber nicht zu Lasten sozialer Leistungen finanziert werden, insofern sei die Bundeswehr vorrangig aus neuen Schulden zu bedienen – eine Ansicht, die Finanzminister Christian Lindner (FDP) vehement ablehnt: Weil die Ertüchtigung der Bundeswehr zwar eine existenzielle Frage sei, aber eine strukturelle Aufgabe, die vermutlich über Jahrzehnte währen wird, müsse das über die regulären Staatsfinanzen funktionieren. Klartext: Keine weiteren Hypotheken.
Wüst: Die Rüstungsindustrie braucht dringend Planungssicherheit
„Zwischen 20 und 40 Milliarden Euro wird die Bundesregierung ausgeben müssen, um die Munitionsbestände auf den Standard zu bringen, der in der Nato vereinbart ist“, sagt Hans-Werner Bartels (SPD) in einer aktuellen Dokumentation des Westdeutschen Rundfunks. Bartels war zwischen 2015 und 2020 Wehrbeauftragter, also der von der Bundesregierung eingesetzte „Anwalt“ der Truppe. Die momentane Dauer der Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr beziffert Bartels auf höchstens zwei Tage. Der angestrebte Personalumfang von insgesamt 203.000 Soldatinnen und Soldaten – davon bis zu 12.500 freiwillig Wehrdienstleistende und 4.500 Stellen für Reservisten – soll unverändert bleiben. Derzeit beträgt die Personalstärke allerdings rund lediglich 184.000 aktive Soldatinnen und Soldaten und bis zu 5.500 Reservisten.
Schleudersitz ade? Von Scharping bis Pistorius – wer im Bendlerblock das Sagen hat
Für Oberst André Wüstner, den Vorsitzenden des Deutschen Bundeswehrverbandes, hängt die Verteidigungsfähigkeit eines Landes mit drei Dingen zusammen: der einsatzbereiten Bundeswehr, einer leistungsfähigen Rüstungsindustrie und einer gesellschaftlichen Resilienz – was Historiker Sönke Neitzel bereits zwei Jahre vor Ausbruch des Ukraine-Krieges in seinem Buch „Deutsche Krieger“ skizziert hatte. Der Regierung und dem Parlament warf er Unehrlichkeit vor und regte dazu an, das Militär wieder mehr „vom Krieg her zu denken“, wie er schrieb. Der Autor konstatierte „Dissonanzen“ zwischen den „Kriegern“ im Auslandeinsatz und der Politik sowie der Zivilgesellschaft: Der Staatsbürger in Uniform ist zwar das Leitbild der Inneren Führung der Bundeswehr, geriet aber ob des Zusammenbruchs der Sowjetunion und dem darauf folgenden Fehlen eines Feindes aus dem Fokus. Die Bundeswehr hatte aufgehört, im gesellschaftlichen Diskurs zu existieren. Menschen in Uniform galten im Stadtbild als unschicklich.
„Am strukturellen Pazifismus der Bundesrepublik hat sich auch in den letzten Jahren nichts geändert“, schreibt Neitzel. Sein Fazit: „Die Finanzausstattung der Bundeswehr ist unzureichend und der Weg zu einer militärisch handlungsfähigen „Vollwert-Armee“ noch weit. Außerdem mache die Zivilgesellschaft nicht mit: Wo die finanziellen Ressourcen begrenzt sind, müssen auf Ausgaben andernorts Einsparungen folgen.“ Der Umgang mit der Rüstungsindustrie bedürfe also ebenfalls einer „mentalen Zeitenwende“, so der Heeres-Oberst André Wüstner. Die aktuellen Probleme seien nicht dem Beschaffungsamt zuzuordnen, sondern lägen an den Kapazitäten der Rüstungsindustrie. Der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes fordert klipp und klar: „Über Zusagen und Rahmenverträge muss der Rüstungsindustrie Planungssicherheit verschafft werden.“