Schwerdtner mahnt Merz

„Haben uns angebettelt“: Linken-Chefin blickt auf Merz’ Wahl zurück

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Ines Schwerdtner macht Merz deutlich, dass die Union auf die Linke angewiesen ist, und fordert mehr Mitspracherecht bei künftigen Abstimmungen.

Berlin – Das ZDF-Sommerinterview bietet Gelegenheit für einen Rückblick. Im Gespräch mit Linken-Chefin Ines Schwerdtner erinnert sie Kanzler Friedrich Merz an einen Moment, den dieser wohl am liebsten vergessen würde: Bei der Kanzlerwahl war er im ersten Wahlgang gescheitert – und konnte erst im zweiten Durchgang dank der Stimmen der Linken ins Amt gewählt werden.

Schwerdtner über Kanzler-Deal: „Da haben uns die CDU-Abgeordneten angebettelt“

Noch im Mai war die Aufregung groß: Friedrich Merz scheiterte als erster überhaupt im ersten Wahlgang der Kanzlerwahl. Der zweite Wahlgang gelang, maßgeblich mithilfe der Linken.  Zur Ermöglichung eines zweiten Wahlgangs mussten CDU und CSU Gespräche mit der Linkspartei führen – trotz des Unvereinbarkeitsbeschlusses von 2018, der jegliche Zusammenarbeit mit der Linken ausschließt. „Da haben uns die CDU-Abgeordneten angebettelt, dass wir doch möglichst mitstimmen sollen“, berichtet Schwerdtner im Interview.

Im ZDF Sommerinterview kommt weiter die Frage auf, ob im Rahmen der Kanzlerwahl Zugeständnisse gemacht wurden. Linken-Chefin Schwerdtner erklärt dazu, dass die Vereinbarung getroffen worden sei, „dass wir bei kommenden Mehrheiten, wo es eine Zweidrittelmehrheit braucht“ die Union mit der Linkspartei sprechen müsse. „Wenn die CDU dazu nicht in der Lage ist, dann kann sie nicht regieren“ konstatiert die 35-Jährige.

Wann braucht es eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag?

Für die Ernennung des Bundeskanzlers ist grundsätzlich keine Zweidrittelmehrheit erforderlich, sondern lediglich eine absolute Mehrheit – auch „Kanzlermehrheit“ genannt. Das bedeutet, dass nicht alle anwesenden Abgeordneten mehr Ja- als Nein-Stimmen abgeben müssen, sondern über die Hälfte aller registrierten Parlamentsmitglieder zustimmen muss. Nach dem gescheiterten ersten Wahlgang von Merz war jedoch für eine Verkürzung der Frist eine Zweidrittelmehrheit nötig.

Laut dem Deutschen Bundestag wird eine Zweidrittelmehrheit grundsätzlich benötigt, wenn eine Änderung des Grundgesetzes erreicht werden soll. Um die Schuldenbremse zu umgehen, beschloss Friedrich Merz zu Beginn seiner Amtszeit ein Sondervermögen aufzunehmen. Für dieses benötigte er eine Zweidrittelmehrheit in Bundestag und Bundesrat. In Letzterem stimmen die Landesregierungen geschlossen ab, weshalb interne Verhandlungen nötig sind. Im Beispiel des Sondervermögens handelten etwa Markus Söder und Hubert Aiwanger erbittert miteinander.

Richterwahl: Linke fordert Einhaltung der Abmachung von Merz‘ Kanzlerwahl

Der Zeitpunkt, zu dem Schwerdtner Merz an diese Vereinbarung erscheint, erscheint nicht zufällig: Erst vor wenigen Wochen fiel eine besagte Wahl, welche eine Zweidrittelmehrheit benötigte, prominent ins Wasser: die Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin. Im September sollen die neuen Kandidaten gewählt werden.

Nach den Versprechungen aus der Kanzlerwahl zeigt sich die Linken-Chefin verwirrt. Gegenüber dem ZDF sagt Schwerdtner: „Bei uns hat noch niemand angerufen und Kandidatinnen vorgeschlagen.“ Merz‘ schwarz-rote Regierung solle sich auf eine Kandidatin einigen. Im Anschluss erwarte sie, dass die Akteure aus Union und SPD „mit uns sprechen werden“.

Kanzler Scholz nicht in Top 5: Diese Politiker sind die größten Social-Media-Stars des Bundestags

Die Agentur „Netzschreier“ hat die Accounts von allen Bundestagsabgeordneten analysiert.
Gerade im Wahlkampf ist Social Media unerlässtlich. Doch wer macht hier eigentlich das Rennen vor der Bundestagswahl 2025? Die Agentur „Netzschreier“ hat die Accounts von allen Bundestagsabgeordneten analysiert. Ausgewertet wurden die auf der Bundestagswebsite sowie auf den Homepages der Politiker auffindbaren Profile. So wurden insgesamt 2357 Accounts bei Facebook, Instagram, YouTube, X, LinkedIn und TikTok berücksichtigt (Stand: 14. Januar 2025). Das sind die Top 25 der Abgeordneten – und eine honorable Mention ... © IMAGO/BODE
Platz 25: Kevin Kühnert
Platz 25: Kevin Kühnert. Der SPD-Politiker kommt auf 181.000 Follower. Erst im Oktober 2024 trat Kühnert von seinem Posten als SPD-Generalsekretär zurück, wird auch 2025 nicht wieder für den Bundestag kandidieren. © Michael Kappeler / dpa
Platz 24: Tino Chrupalla. Der Bundesvorsitzende der AfD erreicht insgesamt 199.000 Follower.
Platz 24: Tino Chrupalla. Der Bundesvorsitzende der AfD erreicht insgesamt 199.000 Follower.  © Sebastian Kahnert / dpa
Platz 23: Julia Klöckner. Die ehemalige Landwirtschaftsministerin der CDU kommt bei ihren Accounts auf 206.000 Follower.
Platz 23: Julia Klöckner. Die ehemalige Landwirtschaftsministerin der CDU kommt bei ihren Accounts auf 206.000 Follower. © Sabina Crisan / dpa
Platz 23: Joana Cotar.
Platz 21: Joana Cotar. Die fraktionslose Bundestagsabgeordnete erreicht 207.000 Menschen. Im November 2022 trat sie aus der AfD-Bundestagsfraktion aus. Ihre Begründung: Die Partei habe „zu viele rote Linien überschritten“. © Jörg Carstensen / dpa
Platz 21: Norbert Röttgen: Der CDU-Außenpolitikexperte kommt auf 207.000 Follower – und teilt sich den Platz damit mit Joana Cotar.
Platz 21: Norbert Röttgen: Der CDU-Außenpolitikexperte kommt auf 207.000 Follower – und teilt sich den Platz damit mit Joana Cotar. © Serhat Kocak / dpa
Platz 20: Gottfried Curio
Platz 20: Gottfried Curio. Laut der Auswertung kommt der innenpolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion auf 223.000 Follower. © Annette Riedl / dpa
Platz 19: Lars Klingbeil. Beim SPD-Bundesvorsitzenden tummeln sich 275.000 Follower.
Platz 19: Lars Klingbeil. Beim SPD-Bundesvorsitzenden tummeln sich 275.000 Follower. © Michael Kappeler / dpa
Platz 18: Katrin Göring-Eckardt. Die Grünen-Politikerin und Bundestagsvizepräsidentin kommt auf 298.000 Follower in den sozialen Netzwerken.
Platz 18: Katrin Göring-Eckardt. Die Grünen-Politikerin und Bundestagsvizepräsidentin kommt auf 298.000 Follower in den sozialen Netzwerken. © Matthias Bein / dpa
Platz 17: Ricarda Lang. Die ehemalige Vorsitzende der Grünen kommt auf 298.000 Follower.
Platz 17: Ricarda Lang. Die ehemalige Vorsitzende der Grünen kommt auf 298.000 Follower. © Michael Kappeler / dpa
Platz 16: Roger Beckamp. Der AfD-Politiker kommt auf 300.000 Follower.
Platz 16: Roger Beckamp. Der AfD-Politiker kommt auf 300.000 Follower. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Platz 15: Armin Laschet. Der ehemalige Kanzlerkandidat der CDU schafft es auf 324.000 Follower.
Platz 15: Armin Laschet. Der ehemalige Kanzlerkandidat der CDU schafft es auf 324.000 Follower.  © Rolf Vennenbernd / dpa
Platz 14: Beatrix von Storch. Die stellvertretende Bundessprecherin der AfD erreicht via Social Media 382.000 Follower.
Platz 14: Beatrix von Storch. Die stellvertretende Bundessprecherin der AfD erreicht via Social Media 382.000 Follower. © Annette Riedl / dpa
Platz 13: Martin Sichert. Auf 393.000 Follower kommt der AfD-Politiker.
Platz 13: Martin Sichert. Auf 393.000 Follower kommt der AfD-Politiker. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Platz 12: Heidi Reichinek. Die Politikerin mit 419.000 Followern ist seit Februar 2024 Co-Vorsitzende der Bundestagsgruppe die Linke.
Platz 12: Heidi Reichinek. Die Politikerin mit 419.000 Followern ist seit Februar 2024 Co-Vorsitzende der Bundestagsgruppe die Linke. © Fabian Sommer / dpa
Platz 11: Jens Spahn. Dem ehemaligen Gesundheitsminister der CDU folgen online 647.000 Menschen.
Platz 11: Jens Spahn. Dem ehemaligen Gesundheitsminister der CDU folgen online 647.000 Menschen. © Sebastian Willnow / dpa
Platz 10: Cem Özdemir. Der Grünen-Politiker ist Minister für Ernährung und Landwirtschaft. Online folgen ihm 684.000 Leute.
Platz 10: Cem Özdemir. Der Grünen-Politiker ist Minister für Ernährung und Landwirtschaft. Online folgen ihm 684.000 Leute. © Hannes P Albert / dpa
Platz 9: Friedrich Merz. Der Kanzlerkandidat der CDU hat auf seinen Kanälen in den sozialen Medien 799.000 Follower.
Platz 9: Friedrich Merz. Der Kanzlerkandidat der CDU hat auf seinen Kanälen in den sozialen Medien 799.000 Follower. © Michael Buholzer / dpa
Platz 8: Robert Habeck: Der Kanzlerkandidat der Grünen überflügelt seinen Konkurrenten von der CDU, kommt auf 965.000 Follower.
Platz 8: Robert Habeck: Der Kanzlerkandidat der Grünen überflügelt seinen Konkurrenten von der CDU, kommt auf 965.000 Follower. © Markus Schreiber / dpa
Platz 7: Gergor Gysi. Die Linken-Legende durchbricht als erster Kandidat die Millionen-Schallmauer. 1,13 Millionen Menschen folgen ihm.
Platz 7: Gergor Gysi. Die Linken-Legende durchbricht als erster Kandidat die Millionen-Schallmauer. 1,13 Millionen Menschen folgen ihm. © Sebastian Gollnow / dpa
Platz 6: Olaf Scholz. Der Bundeskanzler der SPD kommt mit seinen Profilen auf 1,14 Millionen Follower.
Platz 6: Olaf Scholz. Der Bundeskanzler der SPD kommt mit seinen Profilen auf 1,14 Millionen Follower. Nicht mit eingerechnet ist da aber etwa der Bundeskanzler-Instagram-Account, der alleine zwei Millionen Follower zählt (Stand: 22. Januar). © Kay Nietfeld / dpa
Platz 5: Annalena Baerbock. Die Außenministerin von den Grünen hat 1,48 Millionen Follower auf Social Media.
Platz 5: Annalena Baerbock. Die Außenministerin von den Grünen hat 1,48 Millionen Follower auf Social Media. © Daniel Löb / dpa
Platz 4: Karl Lauterbach. Der Gesundheitsminister der SPD hat bereits 1,65 Millionen Follower angesammelt.
Platz 4: Karl Lauterbach. Der Gesundheitsminister der SPD hat bereits 1,65 Millionen Follower angesammelt.  © Thomas Banneyer / dpa
Platz 3: Christian Lindner.
Platz 3: Christian Lindner. Der ehemalige Bundesminister der Finanzen und aktuelle Vorsitzende der FDP schnappt sich mit 1,84 Millionen Followern den untersten Podestplatz. © Michael Kappeler / dpa
Platz 2: Alice Weidel.
Platz 2: Alice Weidel. Die Kanzlerkandidatin der AfD soll laut der „Netzschreier“-Analyse alleine zwischen Mitte Dezember 2024 und Mitte Januar 2025 über 370.000 Follower auf X zugelegt haben – wohl auch wegen X-Besitzer Elon Musk, der ihr dort eine Bühne bot. Insgesamt kommt Weidel auf 2,74 Millionen Follower. © Christian Charisius / dpa
Platz 1: Sahra Wagenknecht.
Platz 1: Sahra Wagenknecht. Die Namensgeberin ihrer Partei, des BSW, schnappt sich den ersten Podestplatz im Ranking. 2,92 Millionen Follower hat sie auf Social Media. Allein 745.000 davon kommen via Facebook. © Hannes P Albert / dpa
Honorable Mention: Markus Söder.
Honorable Mention: Markus Söder. Der CSU-Chef und Ministerpräsident von Bayern ist einer der bekanntesten „Influencer“ im Politik-Kosmos – auch wegen seiner vielen Essensbilder. Allein mit seinem Instagram-Account kommt er auf über 660.000 Follower (Stand: 22. Januar) und wäre damit schon auf Rang 11. Söder ist allerdings nicht im Bundestag, wurde daher nicht in der Analyse berücksichtigt. © Oliver Berg / dpa

Kanzlerwahl-Debakel: Merz brauchte Linken-Hilfe – trotz Unvereinbarkeitsbeschluss

Noch bei der Kanzlerwahl warne die Fronten zwischen Christdemokraten und Linken sehr verhärtet: Überraschend war Friedrich Merz beim ersten Durchgang der Kanzlerwahl gescheitert. Um einen schnellen zweiten Wahlgang zu organisieren, benötigte Merz eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Weil diese Mehrheit neben Union, SPD und Grünen nur mit der als Rechtsaußen-Partei AfD oder der Linkspartei zustande kommen könnte, führten CDU/CSU mit letzteren Gespräche – trotz des Unvereinbarkeitsbeschlusses.

Diesen Beschluss hatte die CDU im Jahr 2018 geschlossen. In diesem heißt es wörtlich: „Die CDU Deutschlands hat hierzu eine klare Beschlusslage: keine Zusammenarbeit mit der Linkspartei.“ Die Vorgabe gelte für „Koalitionen und ähnliche Formen der Zusammenarbeit“. Die schlussendliche Zusammenarbeit um Merz zu wählen, galt wohl eher als eine Art Grauzone: Die Änderung einer Geschäftsordnung sei keine Koalitionsarbeit – und liege damit außerhalb des Unvereinbarkeitsbeschlusses.

FR.de von IPPEN.MEDIA erfuhr damals aus Parteikreisen der Linken, dass der Unvereinbarkeitsbeschluss aufgeweicht worden wäre. Man gehe davon aus, dass Merz diesen Kurs nicht vier Jahre lang beibehalten könne. Journalist Tilo Jung berichtete auf X von einem entsprechenden Deal zwischen beiden Parteien.

Im ZDF-Sommerinterview ist Schwerdtner gleichsam Erinnerungsinstanz und Mahnerin: Sie erinnert Merz an die Abhängigkeit der Union von der Linken bei der Kanzlerwahl und mahnt zugleich, dass die Partei künftig in wichtigen Abstimmungen eingebunden werden müsse. (Archivbild)

Merz und die Linke: Ein ungewöhnlicher Deal

Gegenüber 20 Minuten äußerte sich Fraktionsvorsitzende Heidi Reichinnek nach Merz’ gescheitertem ersten Wahlgang: „Friedrich Merz hat die Quittung dafür bekommen, dass er zum wiederholten Male wortbrüchig geworden ist und, dass der ausgehandelte Koalitionsvertrag keine ausreichenden Antworten auf zentrale Probleme in diesem Land liefert.“

Wo die Linke die „zentralen Probleme des Landes“ sieht, geht aus ihrem Wahlprogramm zur Bundestagswahl hervor. Darin fordert die Partei umfangreiche Reformen in der Sozialpolitik, etwa höhere Leistungen für Bürgergeldempfänger, eine Stärkung der Renten sowie mehr Unterstützung für Familien mit Kindern. Ziel sei laut Programm ein System sozialer Sicherheit, das allen Bürgerinnen und Bürgern gleiche Lebensbedingungen ermöglicht.

Die Bedeutung dieses Politikfeldes zeigt sich auch in aktuellen Umfragen. Eine Erhebung des Informationsdienstleisters Crif verdeutlicht zudem die wachsenden Sorgen vieler Bürger: Rund ein Viertel (24 Prozent) zweifelt bereits daran, Rechnungen pünktlich begleichen zu können, knapp ein Drittel (31 Prozent) befürchtet eine weitere Verschlechterung der finanziellen Lage. Crif führt diesen Pessimismus vor allem auf steigende Lebenshaltungskosten zurück: 32 Prozent geben an, heute mehr für Miete oder Hausfinanzierung zahlen zu müssen als noch vor fünf Jahren. . Laut dem Meinungsforschungsinstitut Insa verlor die Union zuletzt einen Prozentpunkt und liegt nun gleichauf mit der AfD (beide 25 Prozent). Die Linke konnte dagegen zwei Punkte hinzugewinnen (11 Prozent). (kox)

Rubriklistenbild: © Hendrik Schmidt/dpa

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